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Erster Weltkrieg: Lebensmittel für die Front

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Am 1. August vor 100 Jahren begann dieser Krieg, der das Gesicht Europas und der Welt von Grund auf verändern sollte. Obwohl es keine kriegerischen Auseinandersetzungen im Taunus gab, war auch hier das Leben vom Krieg maßgeblich beeinflusst. Die TZ widmet sich in einer Serie diesem Thema. Darin wird in Abständen über die große und kleine Politik und die Lebensumstände der Betroffenen hierzulande berichtet. Lesen Sie heute über eine bemerkenswerte Autofahrt, die zwei Homburger unternahmen.
Fritz 

Kleemann Bilder > Fritz Kleemann
Bad Homburg. 

Neben städtischen und staatlichen sozialen Einrichtungen bemühten sich viele Bad Homburger Bürgerinnen und Bürger um die Linderung von Not, wo immer es nötig war. Zu ihnen gehörte Jean Emil Leonhardt, Inhaber der Rex Conservenglas-Gesellschaft und Gründer der noch heute existierenden Freikirchlichen Gemeinde. Bei Ausbruch des Krieges war er mit 61 Jahren zu alt für einen Fronteinsatz, doch sein christlicher Glaube, das soziale Gewissen und eine gute Portion Patriotismus führten dazu, dass sein Name dort auftauchte, wo Hilfe nötig war. In seinem Haus gegenüber der Englischen Kirche, der „Villa Else“ mit der Anschrift Ferdinandsplatz 20, richtete er einen Raum als Lager für Lebensmittel ein, die hier an bedürftige Frauen ausgegeben wurden. Als Initiatorinnen des Vaterländischen Frauenvereins dazu aufriefen, Obst und Gemüse für verwundete und kranke Soldaten zu spenden, übernahm seine Firma das Einmachen, das man in Homburg einrexen nannte.

Eine bald nach Kriegsbeginn vorbereitete Aktion überrascht heutige Zeitgenossen: Die Fahrt zum Kriegsschauplatz. So lautete die Überschrift eines Berichtes im „Taunusboten“ vom 6. Oktober 1914 mit der Verfasserangabe „Leonhardt und Kleemann“. Zusammen mit Friedrich Kleemann, seinem Kompagnon bei Rex und späteren Gründer der Horex Fahrzeugbau AG, hatte J. E. Leonhardt für Homburger Soldaten in der Stadt bei deren Familien Päckchen gesammelt, die sie direkt an die Front bringen wollten. Außerdem besorgten sie teilweise auf eigene Kosten für Lazarette gedachte Waren und verstauten alles in zwei Automobilen.

Am 2. Oktober 1914 brachen die beiden Männer zu einer nicht ungefährlichen Fahrt in Richtung Westfront auf. Dies war keine Fahrt ins Ungewisse, denn ihnen war der genaue Standort der Homburger Militäreinheiten in Frankreich bekannt. Es waren dies das III. Bataillon des Füsilier-Regiments von Gersdorff Nr. 80 und das Reserve-Regiment Nr. 88, beide zum 18. Armeekorps gehörig. Über das sich in deutscher Hand befindliche Luxemburg ging es durch zerstörte belgische Ortschaften und über Straßen, die durch totes Vieh, Baumstümpfe und zerbrochene Fahrzeugteile an die zuvor beendeten Kampfhandlungen erinnerten.

In dem französischen Ort Montmédy bat der Vertreter des Roten Kreuzes, die Herren möchten bei ihrer bereits geplanten nächsten Fahrt an die Front Konserven für seine Lazarette mitbringen. Viele Waren, die Leonhardt und Kleemann geladen hatten, gingen an ein großes Seuchenlazarett in Inor, doch dann fuhren sie auf eigenes Risiko noch näher zur vordersten Frontlinie. Am Sonntagmorgen erreichten sie das Dorf C. 30 Kilometer südlich von Vouzier am Fluß Aisne beim Ardennenwald gelegen – übrigens ganz in der Nähe des Lagers „Saalburg“, über das die TZ schon berichtet hat. Somit verdichten sich die Anzeichen, dass auch hier Soldaten aus Homburg einquartiert waren. Hier auf dem äußersten Vorposten trafen sie die Militäreinheiten, die zwei Monate zuvor aus der Kaserne an der Kaiser-Friedrich-Promenade ausgezogen waren. Leonhardt schrieb darüber: „Natürlich gabs ein Fragen nach Eltern und Geschwistern, Freunden und Bekannten in der Heimat. Es war ein Sonntag Morgen, und während an der Front der Geschützdonner grollte, hörte man in der kleinen Dorfkirche das alte Lied: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.“

Bilderstrecke Wie Hessen den Krieg erlebte: Fotos aus dem Ersten Weltkrieg
100 Jahre sind es her, dass am 1. August 1914 die Mobilmachung auch in der Kreisstadt Limburg ausgerufen wurde und junge Männer sich im Bezirks-Kommando für den Kriegsdienst melden mussten. Das Kaiserreich zeigt sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs durchaus kriegsbegeistert und die Männer aus dem Nassauer Land zogen oft voller Euphorie und Siegesgewissheit in den Kampf. </br> FNP.de hat Fotos aus dieser Zeit gesammelt, die in Archiven schlummerten und von Verwandten in Schränken aufbewahrt wurden, und einen Eindruck davon liefern, was 1914 vor Ihrer Haustür passierte. Es sind Bilder, die den Weltkrieg aus einer unmittelbaren Perspektive zeigen.Die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts«, so wird der Erste Weltkrieg von Historikern oft bezeichnet. Doch das diese einmal so sein wird, ließ sich am Anfang des Krieges nicht erahnen. Gut gelaunt und frohen Mutes: Die ersten deutschen Truppen überschreiten im August 1914 die französische Grenze.Was haben ein Umlaufmotor mit neun Zylindern und ein kleines Foto mit einer Gruppe von Männern in Uniform miteinander zu tun? Auf den ersten Blick gibt es anscheinend keinen Zusammenhang. Doch der Mann, der, umringt von anderen Männern, die offenbar Soldaten sind, auf den Stufen vor der Motorenfabrik Oberursel sitzt, ist Otto Boelcke.
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Boelcke war so was wie ein Nationalheld, einer der bekanntesten deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, und er wird in einem Atemzug mit dem ebenso berühmten »Roten Baron«, Manfred von Richthofen, genannt. Beide Männer, Boelcke und von Richthofen, sind mit Maschinen geflogen, die eben jenen Typ Umlaufmotor, den Oberurseler Gnôme U 0, in ihren Flugzeugen eingebaut hatten, der ab 1913 in Oberursel produziert wurde. Ein solcher lässt sich im Rolls-Royce-Museum, dass von Erich Auersch geleitet wird, bestaunen.

Den Herren aus Homburg fiel das veränderte Aussehen der Soldaten auf, was sie mit deren Erlebnissen an der Front erklärten. Es gab aber noch einen harmloseren Grund, von dem sie im „Taunusboten“ berichteten. „Fast durchweg alle tragen Bärte, da das Rasieren dort ein großer Luxus ist, und auch Seife wird nicht allzu häufig vorhanden sein. Im Interesse unserer Leute möchten wir den Wunsch aussprechen, dass man folgende Gegenstände ganz besonders beim Einkauf berücksichtigen möchte und die fast Goldwert besitzen: Lichter, Streichhölzer, Cervelatwürste, Leibbinden, wollene Beinkleider und Hemden, rheumatische Mittel zum Einreiben, Apfel- und Erdbeerblätter-Tee. Da besonders durch den Genuss unreifer Früchte und Rüben ruhrartige Erscheinungen auftreten, so sollte ein gewisser Teil Cognac als Arzneimittel nicht vergessen werden.“

 

Lesen Sie in der nächsten Folge über die zweite Fahrt von Jean Emil Leonhardt nach Frankreich.

 

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