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„Letztlich haben wir nur versucht zu überleben“

Von Dr. Michael Kogon las aus Briefen seines inhaftierten Vaters. – Die bewegende Schilderung einer harten Kindheit.
Zahlreiche Besucher waren zur Lesung mit Michael Kogon in die Stadtbücherei gekommen.	Foto: jr Foto: Jochen Reichwein Zahlreiche Besucher waren zur Lesung mit Michael Kogon in die Stadtbücherei gekommen. Foto: jr
Königstein. 

Als er, wie viele 1928 geborene Männer, im Sommer 1944 als Flakhelfer in einem Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen Dienst tun muss, wird sich Michael Kogon seiner absurden Lage schlagartig bewusst. Er, Sohn eines KZ-Häftlings in Buchenwald, bewacht Männer und Frauen in einem Lager. Das Gewehr liegt auf seinen Knien bereit.

Die Szene steht in seinem Buch „Lieber Vati, wie ist das Wetter bei Dir?“, in dem Dr. Michael Kogon etliche Briefe und Kassiber seines berühmten Vaters, des Politologen und Publizisten Eugen Kogon („Der SS-Staat“), versammelt. Der Sohn schildert in ihm seine Kindheit unterm Nationalsozialismus. Als Michael zehn Jahre alt ist, wird sein Vater als Gegner des NS-Systems verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert. Erst nach der Befreiung sieht er ihn wieder. Das Buch beschreibt eindringlich, wie sehr der Vater sich darum bemühte, seine Ehefrau zu stützen und die Erziehung der drei Kinder fortzusetzen. Er schreibt: „Herzliebste Rita, schicke mir keine Essenspakete, so lange meine Kinder hungern!“

Dr. Michael Kogon, 1928 in Wien geboren, Studium der Nationalökonomie, langjähriger Brotberuf als Ökonom bei einer Bank, wirkt auch im Alter von 80 Jahren noch jugendlich. Der hochgewachsene Mann liest am Samstagnachmittag ohne Mikrofon im vollbesetzten ersten Stock der Stadtbibliothek. Der Name Kogon umtreibt die Königsteiner auch wegen der Verleihung des Eugen-Kogon-Preises an den Bildhauer Gunter Demnig, den Schöpfer der Stolpersteine (siehe oben stehender Bericht). Das Publikum ist fast ausnahmslos alt.

Streng und gütig

Nicht umsonst hatte der Stadtverordnetenvorsteher Robert Rohr (ALK) das Buch eingangs als seine traurigste Lektüre seit langem beschrieben. Kogons Jugend war lieblos; sein Bruder – der Buchtitel geht auf einen Brief von ihm zurück – und er verbrachten Jahre in einer strengen katholischen Klosterschule. Die Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit spricht aus vielen Passagen, ebenso wie der Schrecken der Nazizeit. Warum er die Mutter als schwach bezeichnet, wiewohl sie ihm dreimal das Leben rettete und den Ehemann verzweifelt aus der Haft freizubekommen suchte, bleibt indes unklar. In einer Notiz vom 24. Dezember 1987 beschreibt Michael Kogon seinen Vater als „hager, streng und gütig“. Das aber war schon das Antlitz des Toten. „Das Lebensziel meines Vaters war das Glück der ganzen Welt.“ Dem Sohn bricht beim Lesen auch fast 30 Jahre später noch die Stimme. Er hat Tränen in den Augen.

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