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100 Jahre Erster Weltkrieg: Mahnung für die Nachwelt

Von Das Kriegstagebuch von Gustav Paul beschränkt sich in großen Teilen auf Zahlen, Daten und Fakten – und vermittelt gerade auf diese Weise ein ganz eigenes Bild vom Ersten Weltkrieg. Sein Enkel, der Königsteiner Lutz Paul, fand es im Keller in den Hinterlassenschaften seines Vaters.
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Königstein. 

Als Gustav Paul in den Ersten Weltkrieg ziehen musste, war er bereits 34 Jahre alt, Ehemann und vierfacher Vater. Warum und für wen er während dieser Zeit Tagebuch führte, ist nicht überliefert. Auffällig ist jedoch die Akkuratesse, mit der er es getan hat.

Auf dem linken Viertel der Blattseite trug er das Datum und einzelne Stichworte zu besonderen Ereignissen ein, rechts davon seine Schilderungen. Persönliches vertraute er dem kleinen grünen Büchlein wenig an, vielmehr verbindet er die politischen Entwicklungen mit denen seiner eigenen Einheit.

Akribisch hat er auf den letzten Seiten die Namen, Berufe und Heimatorte von sämtlichen 251 Angehörigen des „Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 66“ aufgeführt. Mit Bleistift sind einige Adressen ergänzt, hinter anderen Namen ist ein Strich gezogen.

Seinem Enkel Lutz Paul, dem Vorsitzenden des Freundeskreises der Städte Königstein, fiel das Buch vor einiger Zeit zufällig in die Hände. „Mein Großvater hat den Krieg überlebt und kehrte nach Jeßnitz, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dessau, zurück“, berichtet er.

Zeitvertreib könnte ein Motiv für das Führen des Tagebuchs gewesen sein, so seine Vermutung. Manche Einträge stützen diese These, denn phasenweise muss das Leben an der französischen Front zermürbend gewesen sein. „Graben.“, steht etwa lapidar neben dem Datumseintrag „1.1.-3.1.1916“. Am Silvesterabend zuvor heißt es „Von ¾ 12-1.10 Uhr alarmbereit.“ Und: „Prosit Neujahr“, allerdings auch im Tagebuch in Anführungszeichen gesetzt.

Die nüchtern gehaltenen Einträge heben sich von zahlreichen anderen überlieferten Handschriften jüngerer Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges ab.

 

„Kaisers Geburtstag“

 

Oftmals wird die aktuelle Zahlenstärke des Regiments aufgeführt, es werden zudem die Namen gefallener Kameraden notiert, aber auch „Kaisers Geburtstag!“ am 27. Januar 1915.

„Ich glaube nicht, dass die Menschen das gewollt haben, und ich glaube auch nicht, dass mein Großvater das gewollt hat“, sagt Lutz Paul.

Gustav Paul wurde im sächsischen Eilenburg geboren und hatte seinen Wehrdienst bereits 1904 abgeleistet. Kurz darauf eröffnete er gemeinsam mit seiner Frau ein Lebensmittelgeschäft und Kohlenhandlung im anhaltinischen Jeßnitz. Als der Krieg begann, stand er mitten im Leben.

Ein Schlaglicht auf den Kriegsalltag wirft auch ein vergilbter Zeitungsausschnitt, der mit einer Büroklammer auf der ersten Seite des Buches angebracht ist. Er stammt aus dem Februar 1918, als Deutschland nochmals eine Frühjahrs-Offensive startete. In der Rubrik „Unsere Feinde“ wird dort geschildert, „wie es jetzt in Petersburg aussieht“.

Wider Erwarten gehe es den Kapitalisten nach der Oktoberrevolution nicht kläglich: „Die verhaßte Bourgeoisie hat es noch immer besser als die Arbeiter, vorausgesetzt, daß sie am Leben bleibt.“

Auf der Rückseite ist vom „deutschen Vormarsch an der Nordostfront“, der heute „Operation Faustschlag“ genannten Großoffensive, zu lesen. Neben der Bevölkerung würden sich auch „zahlreiche russische Offiziere an den Huldigungen“ beteiligen, „da auch für sie die Zeiten der Schmach nun zu Ende sind“.

Die letzten Einträge im Kriegstagebuch von Gustav Paul, vermutlich im Rückblick hinzugefügt, stammen aus dem Februar 1916: „Schlacht vor Verdun beginnt. Unzählige Leuchtraketen + rote + blaue Signale“, und abschließend: „25.2.1916: Alarm.“

Er habe erzählt, was passierte und wie es ablief, fasst Lutz Paul seinen Eindruck von dem Kriegstagebuch seines Großvaters zusammen. Und es bestärkt ihn in seiner Meinung: „Es war unnötig. Ich bin 1941 geboren und froh, nicht aktiv im Krieg gewesen zu sein.“

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