Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

„Man muss sich vor den Opfern verbeugen“

Für Kogon-Preisträger Gunter Demnig ist auch nach der Verlegung von mehr als 50 000 Stolpersteinen keine Routine eingekehrt. Jedes einzelne Schicksal berührt aufs Neue.
Königstein. 

Am Freitagmorgen hatte Gunter Demnig noch 24 Stolpersteine in Falkenstein und in der Kernstadt verlegt (wir berichteten), am Abend stand er auf der Bühne des Hauses der Begegnung, wo ihm der Eugen-Kogon-Preis der Stadt Königstein verliehen wurde. „Es fällt mir schwer zu sagen, dass ich mich freue, wenn jeder weiß, dass der Hintergrund des Projekts kein Grund zur Freude ist“, sagte Demnig. Viel war über die Stolpersteine bereits zu lesen und zu hören, doch in seiner Danksagung schilderte er vor allem persönliche Erlebnisse, die ihn während seiner Sisyphus-Arbeit bewegten und bewegen.

Besondere Freude bereite ihm das Interesse von Jugendlichen an seinem Projekt – auch wenn ihm ein Lehrer einmal gesagt habe, dass das Thema den Schülern „zu den Ohren raushängt“. Es sei jedoch ein großer Unterschied, ob man ein Buch aufschlage oder die jungen Menschen einen Stolperstein sehen, vielleicht in der eigenen Straße, vor dem eigenen Haus: „Sie fangen dann an zu rechnen und merken: Er oder sie war so alt, wie ich es jetzt bin.“

Dass die Arbeit und die Recherche auch belastend sein können, hatte bereits der Laudator Professor Dr. Manfred Schneckenburger angedeutet. Demnig erinnerte sich zum Beispiel an die Durchsicht der Vermögensliste einer Familie mit 104 Positionen und jeweils einem Vermerk, wie viel der Gegenstand bei einer Versteigerung noch erlösen könnte. „Position 76 waren sechs Familienbilder, dahinter stand in Sütterlin-Schrift: zur Vernichtung bestimmt.“ Sogar die Erinnerung hätte das NS-Regime auslöschen wollen.

Schlusssteine

Der Aktionskünstler setzte sich auch mit den Argumenten von Kritikern seines Projektes auseinander – etwa, dass die Arbeit mittlerweile reine Routine sei. „Das Einsetzen kann ich schon im Dunkeln“, sagte er, doch seien die Zusammenkünfte jedes Mal anders. Bewegend sei es vor allem, wenn Angehörige zur Verlegung kommen. Einer habe ihm einmal gesagt, dass es zwar keine Grabsteine sind und nicht sein können, da sich die Vorfahren in Auschwitz in Rauch aufgelöst hätten. Er sagte aber, dass es für ihn Schlusssteine seien. Wenn er nun nach England zurückkehre, wisse er, dass er auch wieder nach Deutschland kommen könne. Demnig: „Es sind solche Momente, in denen ich weiß, warum ich es mache und warum es weitergehen muss.“ Dass manche die Opfer durch die im Boden eingelassenen Steine „mit Füßen getreten“ sehen, könne er nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: „Man muss sich vor dem Opfer verbeugen, wenn man den Stein lesen will.“ Die schönste Definition der Stolpersteine habe er einmal von einem Hauptschüler gehört: „Man fällt nicht hin – aber man stolpert mit dem Herzen und mit dem Kopf.“

Nach seiner Rede trug sich Demnig in das Goldene Buch der Stadt ein. Die 5000 Euro, mit denen der Eugen-Kogon-Preis dotiert ist, fließen in die neue Stolperstein-Stiftung, die die Arbeit des Projekts auch künftig sichern soll.

(dsc)
Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse