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Pathos und Patriotismus

Historiker bezeichnen den Ersten Weltkrieg als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Inzwischen ist es 100 Jahre her, dass dieser Krieg das Leben der Deutschen politisch, gesellschaftlich und kulturell veränderte. Die TZ widmet sich dem Thema in einer Serie. Heute geht es um eine Zeitschrift, die vor genau 100 Jahren erschien.
Hubert Kraus hat für die Heimatstube Stierstadt die erste Kriegsausgabe der Zeitschrift »Daheim« erworben. Das heute vor 100 Jahre erschienene Exemplar hat er auf einem Flohmarkt in Kronberg entdeckt.	Foto: jp Hubert Kraus hat für die Heimatstube Stierstadt die erste Kriegsausgabe der Zeitschrift »Daheim« erworben. Das heute vor 100 Jahre erschienene Exemplar hat er auf einem Flohmarkt in Kronberg entdeckt. Foto: jp
Stierstadt. 

Hubert Kraus ist seit vielen Jahren bekennender Flohmarkt-Gänger. Schon oft hat er beim Stöbern in Kisten und Kästen ein altes Dokument für das Archiv der Heimatstube Stierstadt ergattern können. Die Geschichte seines Ortsteils ist das große Hobby von Hubert Kraus, das er zusammen mit Karl Glock, Lothar Frey und Hans-Richard Matern pflegt. Von einem Flohmarkt-Besuch in Kronberg vor einigen Jahren brachte Hubert Kraus ein besonderes Stück mit nach Hause: die erste Kriegsausgabe der Zeitschrift „Daheim“, Nummer 45 vom 8. August 1914. Es ist ausnahmsweise ein Zeitdokument, das nur im weitesten Sinne die Bürger Stierstadts betroffen hat.

„Normalerweise kaufe ich alles, in dem das Wort Stierstadt vorkommt“, erzählt der 66-Jährige. Das war bei diesem Heft, das aufgrund des Alters schon etwas vergilbt, aber noch gut erhalten ist, zwar nicht der Fall, dennoch reizte Kraus das Exemplar. „Der ehemalige Bürgermeister von Kronberg, Rudolf Möller, sprach mich damals an. Er hatte einen Stand, an dem er alles Mögliche für einen gut Zweck verkaufte“, erinnert sich Kraus. Der ehemalige Rathauschef animierte Hubert Kraus dazu, etwas für die gute Sache zu erwerben, und schlug ihm das Heft vor. „Da ich einige Erstausgaben von Zeitschriften und Zeitungen sammle, willigte ich ein“, sagt Kraus.

„Daheim“ erschien als „deutsches Familienblatt“ 79 Jahre lang. Die erste Ausgabe wurde 1864 im Verlag Daheim-Expedition herausgebracht. Zunächst erschien die Zeitschrift mit konservativ-christlicher Gesinnung wöchentlich, später alle zwei Wochen und war für ein „Bestellgeld“ von 15 Pfennig zu haben.

Das Titelblatt der ersten Kriegsausgabe zeigt das Eiserne Kreuz, die preußische Kriegsauszeichnung, die von König Friedrich Wilhelm III. gestiftet und erstmals 1813 nach den Befreiunsgkriegen in Breslau verliehen worden war. Dieser Orden wurde von König Wilhelm I. von Preußen mit Ausbruch des deutsch-französischen Krieges und ebenso von Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg erneuert.

 

„Schwere Stunde“

 

Der Leitartikel unter der Überschrift „Man zwingt uns das Schwert in die Hand“ widmet sich dem gerade ausgebrochenen Krieg. Mit großem Pathos wird der Bürger auf die politische Lage eingestimmt. So heißt es zum Beispiel: „Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung.“

Der Autor, dessen Name nicht aus dem Artikel hervorgeht, vergleicht die Situation mit dem deutsch-französischen Krieg von 1870. In dem Beitrag ist zu lesen: „Die Julitage von 1914 haben ihren Anfang in den Julitagen von 1870. Es ist wieder wie damals. Der Hass und die Wut gegen das deutsche Volk, heute in dem weiteren Sinne gegen Deutschland und Österreich-Ungarn, der Neid und die Missgunst auf unsere Weltentwicklung, was den alten Feind im Westen und die Slaven im Osten die gegenseitige und die Freundschaft Englands suchen ließ . . .“

Nachdenkliche oder gar kritische Aussagen sucht der Leser vergebens. Stattdessen wird Patriotismus gefordert. Artikel und Schriften wie diese trugen letztlich dazu bei, dass Soldaten und auch weite Teile der Bevölkerung keinerlei Zweifel am Verteidigungscharakter dieses Krieges hatten.

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