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Waisenhaus: Peru-Projekt droht wegen sinkender Spenden das Aus

Die Lebenshaltungskosten steigen dramatisch, die Politik ist zerstritten, der staatliche Bildungssektor erscheint gelähmt, die Zukunft ist ungewiss: Dennoch kämpft die Glashüttenerin Nicky Mügge-Bruckert Tag für Tag, um peruanischen Kindern aus ärmsten Verhältnissen eine Zukunft zu ermöglichen.
Eine Lehrerin (links) gibt der Studentin Ana im Waisenhaus Nähunterricht. Eine Lehrerin (links) gibt der Studentin Ana im Waisenhaus Nähunterricht.
Glashütten. 

„Abwarten“ ist eine der häufigsten Vokabeln, die Nicky Mügge-Bruckert derzeit verwendet. Mit ihrem Hilfsprojekt „Pachamama“, was so viel heißt wie „der Mutter Erde nachfolgen“ setzt sich die Glashüttenerin seit mehr als 30 Jahren für benachteiligte Kinder in Peru ein. Die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation in dem südamerikanischen Land bereitet ihr jedoch Kopfzerbrechen: Ein ungeplanter Regierungswechsel, zerstrittene Parteien, ein ungeheures Ausmaß an Korruption und leere Staatskassen, nachdem mehrere Naturkatastrophen das Land hart getroffen haben, lähmen das öffentliche Leben. „Hilfsprojekte wie wir leiden unter den permanenten Änderungen und den Streiks“ beklagt sie. Zwar versprächen viele Politiker seit Jahren beispielsweise eine Verbesserung des Schul- und Bildungssystems, konkret passiert sei jedoch nichts. Hoffen und abwarten sei das einzige, was man tun könne – und weiterarbeiten, so gut es eben geht.

In der Kleinstadt Nasca, rund 450 Kilometer südlich der Hauptstadt Lima inmitten der peruanischen Wüste gelegen, betreibt Nicky Mügge-Bruckert eine Art Waisenhaus: 20 junge Menschen, vom Kleinkind bis zu angehenden Studenten, leben im „Casa Pachamama“, werden von einem zwölfköpfigen Team versorgt, psychologisch betreut und vor allem schulisch weitergebildet. Einige der Mädchen und Jungen sind Waisen, andere stammen aus sozial schwierigen Verhältnissen, manche wurden schwer misshandelt, so dass ein ortsansässiges Gericht die Unterbringung in einer Betreuungseinrichtung anordnete. Vormittags besuchen die Kinder ganz normal eine staatliche Schule, nachmittags werden sie von Lehrern des Projekts bei den Hausaufgaben unterstützt und erhalten zusätzliche Lernhilfe. Auch einen Computerraum und eine Nähstube gibt es im „Casa Pachamama“.

Hoffen auf Stipendium

Die Grundidee des mit Spenden aus Deutschland finanzierten Projekts ist Bildung. Nicky Mügge-Bruckert ist stolz, wenn wieder einmal einer ihrer Schützlinge mit einer hervorragenden Abschlussprüfung glänzt oder problemlos den Aufnahmetest zur Universität meistert. So wie jetzt Joan, der Mechatronik studieren möchte und einen der begehrten Plätze an der Universität in Lima ergattert hat. Oder Jorge, der sich schon immer gerne mit Pflanzen und Tieren beschäftigt hat und nun als zweitbester Kandidat am Institut für Landwirtschaft angenommen wurde. Zur Finanzierung des Studiums hoffen die „Pachamama“-Schüler auf eines der begehrten Staatsstipendien. Doch die werden immer weniger – die angespannte politische und wirtschaftliche Lage des Landes schlägt voll durch. War vor zwei Jahren noch von 20 000 Stipendien jährlich die Rede, wurde die Zahl zwischenzeitlich kurzerhand auf 5000 reduziert, aktuell redet man von nur noch 2000. Ob die Schützlinge von Nicky Mügge-Bruckert zu den Glücklichen gehören, ist noch offen. Der landesübliche Bürokratismus zwingt zum Abwarten: „Das ist eine ziemlich lange Zeit für einen jungen Menschen, der doch eigentlich seinen Weg gehen möchte“, erklärt die Glashüttenerin, die seit rund zwei Jahren fortlaufend vor Ort ist.

Patenschaft möglich

Aus Deutschland wird das „Pachamama“-Projekt über den gleichnamigen Verein unterstützt. Neben Mitgliedsbeiträgen und Spenden können auch (Teil-) Patenschaften übernommen werden. Rund 350 Euro werden monatlich für Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und Betreuung eines Kindes benötigt. „Die Lebenshaltungskosten in Peru steigen leider extrem an“, erklärt der Vereinsvorsitzende Prof. Dominik Faust. Und da gleichzeitig das Spendenaufkommen des Vereins sinkt (2017 waren es 9000 Euro weniger als im Jahr davor), wird es immer schwieriger, das Waisenhaus am Leben zu erhalten.

Als Konsequenz können immer weniger Kinder aufgenommen werden. „Vor einigen Jahren lebten 40 Kinder und Jugendliche im Waisenhaus, heute ist es gerade noch die Hälfte“, rechnet der Vereinschef vor, der mit der angehenden Modedesignerin Ana selbst ein Patenkind unterstützt. Für das laufende Jahr benötigt der nur 65 Mitglieder umfassende Verein dringend neue Unterstützer, um einerseits das Waisenhaus zu betreiben und andererseits die angehenden Studenten noch eine Weile begleiten zu können. „Wir haben hier ständig Anfragen von Bedürftigen, ob wir ihre Kinder nicht aufnehmen können“, berichtet Nicky Mügge-Bruckert anlässlich der Mitgliederversammlung aus Nasca. „Ihre Chancen sind ohne Hilfe gleich null.“ So lange es geht, will sie das „Casa Pachamama“ am Leben erhalten – allen politischen, bürokratischen und finanziellen Problemen zum Trotz. Weitere Infos und das Spendenkonto gibt es im Internet unter www.asociacion-pachamama.de.

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