Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

SS-Mann rettete Dr. Spinak das Leben

Am 13. März ehrt die Kurstadt den Initiator der Aktion „Stolpersteine“, Gunter Demnig, mit dem Eugen-Kogon-Preis. Die Stippvisite in der Kurstadt wird der Aktionskünstler nutzen, um in der Stadt weitere Stolpersteine zu verlegen, die an die Schicksale Königsteiner NS-Opfer erinnern. Ein Mann, der unter dem Nazi-Terror zu leiden hatte, war Dr. Bernard Spinak. An ihn erinnern die Mitglieder der Königsteiner Initiative „Stolpersteine“ in diesem Beitrag.
Dr. Bernard Spinak. Bilder > Dr. Bernard Spinak.
Königstein. 

Ölmühlweg 12 – die Adresse war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als nur ein Geheimtipp unter Künstlern, Literaten oder auch renommierten Musikern. 1905 hatte Dr. Oskar Kohnstamm dort sein nach ihm benanntes Sanatorium eröffnet.

Ein prachtvoller Gebäudekomplex, in dem sich heute das Siegfried Vögele Institut befindet und in dem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Teile der intelektuellen Elite des Landes Heilung und Erholung suchten.

Otto Klemperer, Carl Sternheim, Ernst-Ludwig Kirchner und viele andere kamen zu Kohnstamm nach Königstein, ließen dort innere und nervöse Erkrankungen funktioneller und organischer Natur behandeln. Das Geschäft mit der Gesundheit lief gut, das Sanatorium stand hoch im Kurs.

Zwar bildeten der Erste Weltkrieg und der frühe Tod Kohnstamms 1917 eine Zäsur. Schon zwei Jahre nach Kriegsende jedoch fanden die Erben Kohnstamms in Carl Frankl und Bernard Spinak Käufer für das Anwesen, die gemeinschaftlich auch den Klinikbetrieb aufrechterhalten wollten.

Während Frankl sich als wirtschaftlicher Leiter um das „Geschäft“ kümmerte, war es an Spinak, das medizinische Erbe Kohnstamms anzutreten.

Geboren am 14. Oktober 1884 in Warschau, hatte Spinak in Berlin Medizin studiert, bevor er Anfang der 1920er nach Königstein übersiedelte, wo er sich am 30. April 1921 gemeinsam mit seiner Frau Julia anmeldete. Wie Oskar Kohnstamm hatte auch Spinak jüdische Wurzeln und ähnlich wie der Klinik-Gründer brachte sich auch der neue Chefarzt in das Leben in der Kurstadt ein. So war Spinak später auch im Vorstand der sogenannten „Notgemeinschaft“ engagiert, einem um 1930 zur Unterstützung von in Not geratenen Königsteiner Bürgern gegründeten Vereins.

Das Sanatorium lief derweil alles andere als schlecht, es war auch in den 1930er Jahren sehr gut frequentiert.

Während der NS-Diktatur jedoch geriet es zunehmend unter Druck und durfte in den letzten Jahren nur noch jüdische Patienten aufnehmen. In der Kur-Zeitung vom 25. September 1938 wurde das Sanatorium ausdrücklich als „nicht arisch“ bezeichnet.

Im Oktober 1938 wurde es dann zwangsweise von den Behörden geschlossen und Spinak nach Polen ausgewiesen. Von dort gelang ihm die Flucht in die USA. Dort lebte er in Kalifornien, konnte aber auf Grund seines Alters nicht mehr als Arzt arbeiten. 1945 war er der Krankenpfleger des berühmten Schriftstellers Franz Werfel, der schwer herzkrank war. Dessen Witwe Alma Mahler-Werfel erwähnt Spinak mehrfach in ihren Erinnerungen „Mein Leben“, so auch mit den Worten: „Der liebe Dr. Spinak ist Tag und Nacht in Bereitschaft.“

Nach dem Krieg besuchte Spinak mehrfach Europa. Bei einem Aufenthalt 1954 in Königstein im Sanatorium Dr. Amelung erfuhr eine Mitpatientin die Geschichte seiner abenteuerlichen Flucht: Nachdem Spinak Ende 1938 in Warschau niemanden aus seiner Familie angetroffen hatte, hörte er von der Möglichkeit, über Triest in die USA auszuwandern. Im Oktober 1939 fuhr er dann mit dem Zug nach Krakau. Hier war ein längerer Aufenthalt, der von der SS häufig dazu genutzt wurde, um Jagd auf jüdische Flüchtlinge zu machen.

Im Bahnhof wurde Dr. Spinak plötzlich von einem hochgewachsenen SS-Mann in hessischer Mundart angesprochen mit den Worten: „Was machen Sie denn hier, Dr. Spinak?“ Der SS-Mann forderte den Arzt auf, die Armbinde mit dem Judenstern abzunehmen, und ging mit ihm in ein Restaurant, in das Juden keinen Zutritt hatten. Später belegte der SS-Mann einen Platz im Zug nach Triest und forderte Spinak auf, sich bis zum letzten Augenblick vor der Abfahrt draußen aufzuhalten und dann schnell den Platz im Zug einzunehmen. So gelang Dr. Spinak die Flucht aus Polen und er erreichte über Triest die USA.

 

Retter nicht mehr bekannt

 

Der Name des Retters in SS-Uniform ist nicht bekannt, bekannt ist aber, dass dieser Anfang der 1920er Jahre während Umbauarbeiten im Sanatorium Dr. Kohnstamm als Malerlehrling beschäftigt war. Als er dort des Diebstahls überführt wurde, wollte der Malermeister diesen sofort entlassen. Dr. Spinak setzte sich aber nach einem längeren Gespräch mit dem jungen Mann mit Erfolg für dessen Verbleib auf der Lehrstelle ein. Dies hatte ihm der ehemalige Lehrling wohl nie vergessen. Bei seinem Aufenthalt in Königstein erkundigte sich Dr. Spinak nach dem Mann, der ihm das Leben gerettet hatte. In Königstein wusste aber niemand, wo dieser war, und es hieß, dass er aus dem Krieg nicht mehr zurückgekehrt war.

1954 bekamen Dr. Spinak und Clarence Franklin, wie sich Carl Frankl jetzt nannte, „die Liegenschaften des Sanatoriums in Bad Königstein durch ein vor dem Entschädigungsamt Wiesbaden geschlossenen Vergleich“ zurück. 1955 erhielt Spinak eine Entschädigung für den erlittenen „Schaden im wirtschaftlichen Fortkommen“.

Spinak starb am 27. August 1963 während eines Aufenthaltes in der Schweiz. Im gleichen Jahr war ihm und Franklin eine weitere Entschädigung zugesprochen worden. Dem waren jahrelange Verhandlungen vorausgegangen, die sich auch mit dem Wert der von Ernst Ludwig Kirchner im Brunnenhaus des Sanatoriums im Jahr 1916 geschaffenen und in der Nazi-Zeit zerstörten Wandfresken „Badeszenen aus Fehmarn“ befasst hatten.

 

Dr. Bernard Spinak wird einer der Stolpersteine gewidmet sein, die der kommende Kogon-Preis-Träger Gunter Demnig am Vormittag des 13. März in Königstein unter anderem vor dem früheren Sanatorium Dr. Kohnstamm im Ölmühlweg 12 verlegen wird. Die Stolpersteine werden auf dem Bürgersteig vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz von Opfern des Nationalsozialismus eingelassen.

 

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse