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Interview: Schlösser-Leiterin will, dass sich Besucher besser zurechtfinden - auch digital

Seit einem halben Jahr hat die Verwaltung der hessischen Schlösser und Gärten eine neue Spitze - und dort sitzt erstmals eine Frau. Ihr Dienstsitz ist das Homburger Schloss. Im Gespräch mit Redakteurin Anke Hillebrecht erzählt Kirsten Worms, was sie an alten Gemäuern fasziniert und wie sie mehr Besucher fürs historische Erbe begeistern will.
Da das Bad Homburger Schloss derzeit renoviert wird, hat die neue Direktorin Kirsten Worms ihr Büro im Hirschgangflügel. Die 100 Jahre alten Bodendielen knarren; sie blickt auf brokatroten Wandbespann, vor dem Fenster ragt der Weiße Turm auf. Da das Bad Homburger Schloss derzeit renoviert wird, hat die neue Direktorin Kirsten Worms ihr Büro im Hirschgangflügel. Die 100 Jahre alten Bodendielen knarren; sie blickt auf brokatroten Wandbespann, vor dem Fenster ragt der Weiße Turm auf.
Bad Homburg. 

Frau Worms, Sie sitzen im vielleicht schönsten Büro Hessens. Ihrem Vorgänger war es zu schwülstig... 

 

WORMS: Ich mag es sehr gern. Ich mag knarrende Dielen und die Geschichte, die darunter steckt. Um hier im brokatrot wandbespannten Büro nicht immer zu sitzen, nutze ich auch das kaiserliche Stehpult oder stelle mich ans Fenster. Das Schloss steht eben nicht für kalte Pracht, sondern ist auch ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Ich habe aber auch viel für die Moderne übrig, etwa für zeitgenössische Kunst.

Wie oft sind Sie überhaupt hier? Wie viel Ihrer Zeit können Sie dem Bad Homburger Schloss widmen? 

WORMS: Ich bin in der Tat viel unterwegs, versuche aber, täglich hier in meinem Büro zu sein – meist nachmittags. In Bad Homburg ist die Hauptverwaltung, hier arbeiten wir viel für alle Liegenschaften.

Sie sind für 45 historische Ensembles und Einzeldenkmäler mit ihren Museen und Parks in ganz Hessen zuständig. Waren Sie schon in allen? 

WORMS: Ich war zuvor im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst für Bau und Liegenschaften zuständig. Da bin ich schon gut in den Liegenschaften der Staatlichen Schlösser und Gärten herumgekommen.

Welche dieser Orte sind für Sie besonders interessant?

WORMS: Ich kann jedem viel abgewinnen. Bad Homburg ist mir jedenfalls sehr ans Herz gewachsen.

Kirsten Worms möchte im Schloss als Gastgeberin fungieren.
Zur Person Eine Juristin, deren Herz für Kunst schlägt

Kirsten Worms wurde 1962 in Bremerhaven geboren. Sie studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg und Lausanne sowie einige Semester Kunstwissenschaft in Berlin.

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Was fasziniert Sie an alten Gemäuern?

WORMS: Das ist nicht einfach zu beantworten. Es geht immer um die Aura eines Ortes. Wenn man thematisch einsteigt, merkt man, wie viel sich hinter einem Ort verbirgt. Manchmal ist es auch die Ehrfurcht vorm Geschichtshauch, den einen anweht. In Lorsch zum Beispiel (dort steht mit der „Königshalle“ des 764 gegründeten Karolingerklosters eines der bedeutendsten deutschen Kulturdenkmälern, Anm. d. Red.) kann man durch eine zeitgenössische Gartengestaltung die Ausmaße des ehemaligen Klosters erahnen und erspüren.

Das Welterbe-Areal in Lorsch ist ein gutes Beispiel für zeitgemäße Geschichtsvermittlung. Dort gibt es auch ein Freilichtlabor, in dem Besucher das Leben von Herren und Hörigen im Mittelalter erleben können. Was ist denn in Bad Homburg möglich, auch an neuen pädagogischen Konzepten?

WORMS: Wir denken in alle Richtungen und haben ja neue Formate wie „Escape Castle“. Davon kann ich mir auch Varianten vorstellen, „Escape Kids“ und „Escape Tower“ etwa sind in der Entwicklung. Und wir haben einen Fanclub für unseren Garten, den Gärtnermeister Peter Vornholt sehr qualitätsvoll betreut. Wir haben angefragt, ob einer seiner Kollegen aus Potsdam-Sanssouci kommt. Zudem wollen wir unsere „Spuren“-Reihe zu Wilhelm II. 2019 fortsetzen – mit Technikthemen, etwa unter dem Motto „Des Kaisers neue Kabel“ zu der damals wegweisenden Elektrifizierung des Schlosses. Es gab die Luftschiffparade oder das Gordon-Bennett-Rennen – technische Neuerungen und modernes Transportwesen, beides interessierte den Kaiser hier in Homburg. Wir haben Filmabende, gewähren Blicke hinter die Kulissen – der Auftakt zur Reihe im September lief gut!

Wie sieht es mit digitalen Formaten aus?

WORMS: Wir haben eine App zur Kaiserzeit in Vorbereitung. Sie wird ähnlich funktionieren wie die Romantik-App, in der auch viele Orte in Bad Homburg vorkommen. Dann wollen wir in allen Liegenschaften WLAN haben – ein Prozess, der schrittweise vonstatten geht. Und wir sind dabei, unsere Homepages neu aufzubauen. Wir wollen uns als Dienstleister modern darstellen. Wir vermieten ja auch Räume für Feierlichkeiten; warum soll man diese nicht online buchen können? Das wird von uns erwartet! Auch denken wir über Virtual-Reality-Projekte nach.

Man wird mit einer Brille durch Anlagen gehen können, die die Vergangenheit als graphische Kunstwelten anschaulich machen? 

 

WORMS: Genau. Wenn der Besucher nur noch eine Ruine vorfindet, ist Virtual Reality ein Mittel, um andere Zeitschichten dieses historischen Ortes zu zeigen.

Hört sich an, als wollten sie vor allem jüngere neue Besucher ansprechen? 

WORMS: Wir wollen viele und unterschiedliche Menschen erreichen. Man soll sich im Schloss besser zurechtfinden, daher werden wir die Beschilderung verbessern – ohne alles zuzupflastern. Die Besucher mögen es, sich individuell in einem Denkmal zu bewegen. Über das eigene Smartphone oder Tablet sollen sie Informationen über den Ort finden können. Wir überlegen, einen Teil der Kaiserwohnung – wenn sie einmal fertig ist – öffentlich zugänglich zu machen. Das Vestibül soll mehr als Ort, an dem man Informationen bekommt, erkennbar sein. Wir wollen in Bad Homburg aber nicht nur die Kaiserzeit, sondern auch die der Landgrafen abbilden.

Info Sanierung kostet 7,7 Millionen

Seit 2011 wird der Königsflügel im Schloss saniert. Frühestens im Herbst 2020 soll der Teil, in dem auch die letzte Wohnung des letzten deutschen Kaisers war, wieder öffentlich zugänglich sein –

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Für all diese Vorhaben braucht die Schlösserverwaltung aber wohl mehr Personal?

WORMS: Dafür werde ich mich einsetzen. Ich wünsche mir einen schrittweisen Personalzuwachs, damit wir noch kompetenter sein können. Wir haben schon sehr motivierte Mitarbeiter, auch solche, die seit vielen Jahren mit Herzblut dabei sind. Wir haben großartige Liegenschaften und müssen dafür besser aufgestellt sein. Die Digitalisierung ist ein Weg, sie wird uns auf Jahre beschäftigen. Das kann man nicht nebenbei stemmen. Ich möchte ein starkes Marketing aufbauen. Papier wird es aber weiterhin geben – auch ich pinne mir mal eine schöne Postkarte an die Wand.

Nochmal zurück zur überarbeiteten Homepage: Wird man dort auch erfahren, wie alt genau der Weiße Turm ist? 

 

WORMS: Natürlich, wir werden uns um Informationen bemühen. Ich sehe den neuen Internetauftritt als Wissensspeicher. Dort kann man auch auf wissenschaftliche Abhandlungen verlinken. Man soll weiterklicken können und wir wollen darauf Appetit machen!

Und wie legt man WLAN in ein denkmalgeschütztes Gebäude? 

WORMS: Das macht die Stadt für uns. Wir brauchen nur noch einen passenden Router. Wenn wir das freie Netz haben, sehen wir auch, wie viele sich hier einloggen – das hilft uns beim Erfassen der Besucherzahlen.

Haben Sie denn einen Lieblingsort im Schloss – oder im Schlosspark?

WORMS: Ich gehe gern durch den Park – denn Grün tut gut, so liebevoll gestaltetes Grün aber noch viel mehr! Sehr gerne sitze ich in unserem Café oder auf einer Bank vor der Orangerie. Von unseren Gärtnern erfuhr ich, dass die Kübelpflanzen, wenn sie im Frühjahr herausgestellt werden, erst einmal ein paar Tage unter der Zeder stehen – zur Akklimatisierung. Ein Schild weist Besucher darauf hin. Solche Liebe zum Detail rührt mich.

Nächstes Jahr stehen ja auch wieder die „Blickachsen“ an. Der Schlosspark wird Ausstellungsfläche für zeitgenössische Skulpturen . . .

WORMS: Ja, da werden wir wieder dabei sein. Ich wehre mich allerdings gegen eine Übermöblierung des Parks. Ich kann mir gut Interventionen, auch Irritationen vorstellen, aber Herr Vornholt und ich würden gern mitreden und schauen, was zu uns passt.

Was hat Herr Scheffel dazu gesagt?

WORMS: Er hat sich über das Signal, dass es weitergeht, gefreut. Wir sind gerne Gastgeber. Man muss ja sehen: Was haben wir für eine Nachbarschaft: die Erlöserkirche, das Sinclair-Haus! Wir haben dieselben Themen. Die Anna-Seghers-Lesung in der Orangerie im Sommer hat super funktioniert. Da hätte ich mir keinen besseren Ausstellungsraum vorstellen können.

Sie sind eigentlich Juristin. Wie kommen Sie zur Kunst?

KIRSTEN WORMS: Kunst hatte ich schon als Leistungsfach, habe deswegen die Schule gewechselt. Neben dem Jura-Referendariat habe ich Kunstgeschichte studiert. Und ich hatte in Heidelberg einen Studentenjob als Schlossführerin. So schließt sich der Kreis zu meiner neuen Tätigkeit (lächelt).

Haben Sie auch selbst gemalt?

WORMS: Gezeichnet – naja, ich habe dilettiert. Frühwerke hängen noch in meinem Elternhaus. Ich habe eher ein Auge dafür, was gut ist, als dass ich es selbst könnte. Aber ich war nie mit Leib und Seele Juristin. Das ist nur mein Handwerkszeug! Und je älter ich werde, umso eher sieht mein Lebensweg geradlinig aus. Aber ich bin auch mäandert, habe gesucht.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der hessischen Schlösserverwaltung. Wie ist Ihnen das gelungen?

WORMS: Bei mir war es so, dass ich eine selbstbewusste Mutter hatte, die mich zu Strebsamkeit ermutigte. Aber Frauen sind an der Spitze solcher Organisationen in der Tat noch unterrepräsentiert. Doch es ändert sich etwas bei den Schlösserverwaltungen: Wir haben eine Direktorin bei der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten sowie in Mecklenburg-Vorpommern. Ab einem bestimmten Bereich wird die Luft dünn. Allgemein gibt es die „gläserne Decke“ nach wie vor.

Sind Sie auch irgendwann mutig aus der Deckung getreten?

WORMS: Es war vielleicht auch eine Frage des richtigen Zeitpunkts. Ich empfinde es als Privileg, dass ich nach der Familienphase – als mein Sohn erwachsen wurde – noch einmal richtig durchstarten konnte. Ich habe in Teilzeit angefangen. Jetzt bin ich hier! In jungen Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, einmal so viel Verantwortung zu tragen.

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