Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Sie wurden wie Sklavinnen behandelt

Von Schon zum dritten Mal beherbergen Friedrichsdorfer Christen Flüchtlinge, denen die Abschiebung droht. Das Kirchenasyl ist für sie die einzige Rettung.
Friedrichsdorf. 

Rebecca hatte keine Ahnung, wo sie war, sie wollte nur weg. In einem Einkaufszentrum entwischte sie der Familie, in der sie wie eine Sklavin gehalten wurde. Das war am 16. August 2014. „Ich bin nur gerannt“, berichtet die 30 Jahre alte Äthiopierin. Ihren Namen hat die Redaktion geändert. Denn Rebecca ist derzeit nicht nur im Kirchenasyl in der evangelisch-methodistischen Kirche in Friedrichsdorf. Sie wird möglicherweise auch noch von der saudi-arabischen Familie gesucht, bei der sie unter entwürdigenden Bedingungen arbeiten musste und die ihr ihren Ausweis weggenommen hat.

„Sie musste 16 Stunden am Tag arbeiten, ohne dafür Geld zu bekommen. Dazu musste sie sexuelle Belästigungen über sich ergehen lassen“, erklärt Regine Trenkle-Freund vom Arbeitskreis Asyl. Sie kümmert sich um Rebecca und um die 23 Jahre alte Sarah, die ein ähnliches Schicksal wie Rebecca erlitten hat. Auch sie arbeitete bei einer saudischen Familie unter unbeschreiblichen Bedingungen als Hausangestellte. Auch sie ist weggelaufen. „Das war am 14. August 2014 in Spanien, als meine Arbeitgeber dort Verwandte besuchten“, sagt Sarah. Somalier hätten ihr dann geholfen. Ohne Papiere ist sie per Bus nach Frankreich geflohen und dann weiter mit dem Zug nach Frankfurt.

Auch Sarah ist im Kirchenasyl und heißt in Wirklichkeit anders. Sie ist Muslimin und gehört der äthiopischen Volksgruppe der Oromo an. „Dieser Volksstamm wird verfolgt“, berichtet Trenkle-Freund. Sarahs Vater sitze seit sieben Jahren im Gefängnis, weil er Mitglied der dortigen Befreiungspartei sei. Erst 17 Jahre alt sei Sarah gewesen, als sie nach Saudi-Arabien ging, um dort Geld zu verdienen. Allerdings habe sie dort angegeben, dass sie vier Jahre älter sei.

Die einzige Rettung

„Rebecca ist vor ihrem Mann nach Saudi-Arabien geflohen, weil sie in Äthiopien zwangsverheiratet worden war“, berichtet Trenkle-Freund weiter. Rebeccas saudische Arbeitgeber hätten sie dann nach Frankreich mitgenommen, wo sie Verwandte besuchten. „Von dort aus sind sie zum Shopping nach Frankfurt gefahren, wo Rebecca ihnen entkommen ist.“ Die junge Frau ist Christin. Sie strandete am Frankfurter Hauptbahnhof. Verzweifelt und mit verweinten Augen bat sie dort einen Mann, der afrikanisch aussah, um Hilfe. Er war Somalier und hat ihr zu essen gegeben und sie für eine Nacht beherbergt. Dann hat er sie ins Auffanglager nach Gießen gebracht. Von dort kam sie in die Friedrichsdorfer Flüchtlingsunterkunft.

Seitdem kennt sie Trenkle-Freund, die auch erzählt, wie sie mit beiden Äthiopierinnen auf dem Houiller Platz Kaffeetrinken war. „Da haben wir uns zum ersten Mal wie Menschen behandelt gefühlt“, sagt Sarah. Der Schreck kam Mitte Dezember: ein gelber Brief, der Überstellungs-Bescheid. Rebecca und Sarah sollten nach Frankreich abgeschoben werden. „Denn die französische Botschaft in Saudi-Arabien hatte ihnen die Schengen-Visa erteilt. Das ließ sich anhand ihrer Fingerabdrücke feststellen“, erklärt Trenkle-Freund. Damit sei eigentlich Frankreich für das Asylverfahren zuständig. Aber: „Als die beiden Frauen erfuhren, das sie nach Frankreich sollten, haben wir die Angst in ihren Augen gesehen.“ Sogar Selbstmordgedanken hätten die Afrikanerinnen gehabt. Zu der Furcht davor, von ihren früheren saudischen Arbeitgebern entdeckt zu werden, komme noch die Situation der Flüchtlinge in Frankreich. „Nur 35 Prozent von ihnen werden ordentlich untergebracht. Die anderen müssen warten, manchmal wochen- oder sogar monatelang“, sagt Trenkle-Freund.

Die einzige Rettung vor der Überstellung in ein anderes Schengen-Land sei das Kirchenasyl. Glücklicherweise sei die evangelisch-methodistische Gemeinde gleich bereit gewesen, die beiden Frauen aufzunehmen. Gerade war das Kirchenasyl für einen 46 Jahre alten Mann aus Somalia ausgelaufen, der zuvor bei den Methodisten untergekommen war. Und so teilen sich Rebecca und Sarah seit dem 17. Dezember einen Raum im Gemeindezentrum, in dem ein Doppelstock-Bett steht.

Ihr Vorgänger, Hussein, darf sich inzwischen wieder frei bewegen. Für ihn ist die Überstellungsfrist abgelaufen. Sei Kirchenasyl dauerte vom 20. Juli bis 12. Dezember 2014. Sein Asylantrag wird jetzt von den deutschen Behörden bearbeitet. „In seinem Fall war es ein Wander-Kirchenasyl“, sagt Trenkle-Freund. Er wohnte nicht nur bei den Methodisten, sondern wurde zudem abwechselnd von der evangelischen Gemeinde Seulberg und der katholischen Gemeinde St. Bonifatius beherbergt. „Er wäre sonst nach Italien abgeschoben worden.“ Auch dort sei die Situation für Flüchtlinge sehr schwierig. „Sie werden alle nach Rom geschickt, und dort sagt man ihnen, es gebe keinen Platz.“ Dann müssten sie sehen, wo sie bleiben. Hussein habe als Obdachloser unter einer Brücke leben müssen. Nach Italien wolle er auf gar keinen Fall zurück. Vor Hussein hatte der 19 Jahre alte Abaas Abdi Ismail aus Somalia bei den Methodisten Asyl gefunden. Er war mit einem Boot übers Mittelmeer gekommen.

Humanitäre Gründe

„Das Kirchenasyl wäre nicht nötig, wenn die Rand-Länder der EU bessere Unterbringungs-Standards für Flüchtlinge hätten“, sagt Trenkle-Freund. „Wir haben diesen Menschen aus humanitären Gründen das Kirchenasyl gewährt. Wir tun das aus christlicher Nächstenliebe, ganz gleich welcher Religion die Flüchtlinge angehören“, darin sind sich der Pastor der Methodisten, Gerald Kappaun, Pfarrer Frank Couard von der evangelischen Gemeinde Seulberg und Ingeborg Obergassel von der katholischen Gemeinde St. Bonifatius einig. Couard weiter: „Wir zeigen mit dieser ökumenischen Aktion, dass wir als Kirchengemeinden an einem Strang ziehen.“ Friedrichsdorf spiele in Sachen Kirchenasyl im Hochtaunuskreis eine Vorreiterrolle.

Sarah und Rebecca dürfen zwar jetzt das Kirchen-Gelände bis zum 27. Mai nicht mehr verlassen. Aber sie können wieder lächeln. Auf Deutsch bedanken sie sich für die große Solidarität und die Hilfe. Seit ihrer Ankunft besuchen sie, zusammen mit 10 bis 12 anderen Flüchtlingen, einen Deutsch-Kurs – oder besser gesagt, der Deutsch-Kurs besucht sie. Damit die beiden Frauen teilnehmen können, findet er in der methodistischen Kirche statt. Insgesamt acht ehrenamtliche Deutschlehrer engagieren sich da, unter ihnen die Diplom-Psychologin Dr. Sylvia Neuhäuser-Metternich. „Die Arbeit mit den Flüchtlingen gibt uns allen sehr viel“, sagt sie und erzählt, wie gut die beiden Äthiopierinnen auch schon stricken gelernt haben. Gitarre üben sie auch. Manchmal nehmen sie an der wöchentlichen Chorprobe teil. Und sonntags kommen sie zum Gottesdienst und bewirten die Gottesdienstbesucher anschließend mit Kaffee. Ob sie noch Kontakt zu ihren Familien in Äthiopien haben? „Ja, per Mobiltelefon, mit unseren Müttern“, sagen beide. Lebensmittel und Kosmetika besorgen andere Flüchtlinge für die beiden Afrikanerinnen. Vor allem Hussein kauft jeden zweiten Tag Lebensmittel für sie ein. Das Geld bekommen sie von der methodistischen Gemeinde: „Jede erhält 50 Euro pro Woche. Denn ein Recht auf die 329,20 Euro pro Monat, die jeder Flüchtling bekommt, haben sie nicht, solange sie sich im Kirchenasyl befinden“, erklärt Kappaun. Die Taunus Sparkasse hat der Gemeinde schon mit einer Spende unter die Arme gegriffen, auch private Spender helfen. „Das ist wichtig, denn vor allem die Anwaltskosten sind hoch“, sagt Trenkle-Freund.

Wer die evangelisch-methodistische Gemeinde bei der Arbeit mit den Asylbewerbern unterstützen will, der überweist eine Spende an das Konto der Gemeinde, IBAN DE59 51 25 00 00 00 20 09 24 32, BIC: HELADEF1TSK, Stichwort „Flüchtlinge“.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse