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Show: Tigerpalast feiert 30. Geburtstag und spektakuläre Premiere im Bad Homburger Kurhaus

Von Atem anhalten: Der Tigerpalast vor der Höhe. Johnny Klinke präsentiert „Weltstars des Varietés“ zum 30-jährigen Bestehen im Kurtheater. Die Schwerkraft gilt an diesem Samstagabend nicht.
Das italienische Rollschuhpaar wirbelte auf allerkleinstem Kreis herum. Foto: Jochen Reichwein Das italienische Rollschuhpaar wirbelte auf allerkleinstem Kreis herum.
Bad Homburg. 

Halt. Wer läuft da so behände das Seil hinauf, als hätte die Luft im Kurtheater Balken? Und legt sich mal eben waagerecht ins Nichts drei Meter über der Bühne, mit nur einer Hand am Seil und einer Miene, als wären wir eine Sekunde vor der Nachtruhe. Von wegen. Bei der von der Spielbank veranstalteten Jubiläumsshow des Tigerpalasts gelten die Gesetze der Schwerkraft nicht mehr. Und wenn es eben noch toll war am Seil, dann wird es im nächsten Augenblick noch toller. Garantiert.

Johnny Klinke, der Vater der Kompanie und das Gesicht des an diesem Montag 30 Jahre alt werdenden Varieté-Theaters Tigerpalast aus Frankfurt, flunkert nie: Alle, die hier jonglieren, zaubern, akrobatisieren und das vollbesetzte Haus in Atem halten, sind die besten, schönsten, wendigsten. Wer wollte daran zweifeln, wenn er das italienische Rollschuhpaar sieht, das im allerkleinsten Kreise so wirbelt, dass Oben und Unten und alle anderen Ortsangaben überflüssig sind, und zwar vollkommen überflüssig.

Mehr Varieté geht nicht

Der Conferencier erklärt Bad Homburg und sein Kurtheater an diesem Samstag, aber auch am Sonntag, zum größten Varieté-Theater der Welt. 700 Zuschauer gibt es in diesem Genre sonst nicht. Den zweiten Platz hält Berlin. Den zweiten, wohlgemerkt, und das freut auch den Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU). HG vor B, das hat er selten zu vermelden. Der namengebende Tiger schmiegt sich sanft in jedes der binnen Sekunden gemachte Porträt mit den Zuschauern.

Wenn die Tiger kommen, wählen die Herren naturgemäß ein Jackett, und die Damen schmücken mit ihren raffinierteren Stücken das übervolle Foyer, in dem es auch vor der Darbietung schon bizzelt wie Champagner im Glas.

30 Jahre Show

Am 30. September 1988 eröffneten Margareta Dillinger, Johnny Klinke, Robert Mangold und der unvergessene Kabarettist Matthias Beltz das erste internationale Varieté Theater heutiger Zeit mitten in

clearing

Die drei ersten Vorstellungen des neuen Programms finden in Bad Homburg statt. Hier hat sich die Truppe vor drei Jahren schon wohlgefühlt, als der Tigerpalast das Jubiläum der Spielbank mitfeierte. Die Tigerpalast-Band gibt den Sound des Varietés vor, rhythmisch, temporeich und spannungsgeladen. Das Saxofon hat seine allerbesten Momente gemeinsam mit der Jazzsängerin Joan Faulkner, die nicht nur mit „Georgia on my Mind“ die Seele berührt.

Große Kunst, großer Ernst

Eine kleine Wolke Konfetti schwebt über die Bühne. Geworfen vom ukrainischen Zauberer Veronin. Oder doch nicht? In seiner sehr leisen, aber eindringlichen Show geschieht all das, was man so als Zaubertricks kennt, nur auf den ersten Blick. Veronin blickt nicht von ungefähr unschuldig verwundert umher. Seine Hemdenbrust verschwindet. Die Frackhose verschwindet, die Tische fallen um. Wo ist die Geisterhand, die das vollführt? Der Applaus ist jedenfalls immer zu Stelle. Zur Ruhe kommt das Publikum nicht. Auch nicht bei Oleg Izossimov, der seine Handstandakrobatik darbietet, als habe sein Körper kein Gewicht. Große Kunst und großer Ernst.

Einen Hauch von Ironie ver-sprüht das Trapezkünstlerpaar. Wie es sich schier endlos in der Luft verknotet und entwirrt und Salti dreht, die noch tags drauf Schwindel verursachen – und später beim Schlussbeifall dann doch dasteht wie ein Elternpaar in Anzug und Tageskleid, das seine drei Kinder aus der Schule abholt. Auch etwas für die Erinnerung.

Immer wieder Klinke, ein kurzer Blick zurück, 1988 die Gründung, im Jahr vorm Mauerfall. „Die Mau-er musste fallen, damit wir die phantastischen Artisten aus dem Osten engagieren konnten.“ Tradition symbolisch auf die Bühne ge-bracht vom Schweizer Jongleur Kris Kremo, der mit seinem 19 Jahre alten Sohn rote Hüte auf ihren nur zwei Köpfen landen lässt, nicht anders als vor 50 Jahren Kris, damals als Sohn mit seinem Vater. Das ist Tradition.

Wahrem Zauber kommt der hinreißend engelhafte Tanz der kanadischen Reifenkünstlerin Valerie Inertie gleich. So könnte es im Paradies zugehen. So lange wollte Klinke das Publikum aber nicht warten lassen.

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