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Wenn das Glücksgefühl ausbleibt

Von Die postpartale Depression ist nach wie vor ein Tabuthema – viele Frauen leiden still und lang. Betroffene in Hoch- und Maintaunus finden künftig in einer neuen Selbsthilfegruppe in Oberursel Halt und Unterstützung.
Einst selbst betroffen, gründet Mareike Lange eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit postpartale Depression.	jr Einst selbst betroffen, gründet Mareike Lange eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit postpartale Depression. jr
Hochtaunus. 

Für viele Frauen ist es das schönste Erlebnis überhaupt, ein Baby zu bekommen und diesen kleinen Menschen fortan zu lieben, zu versorgen und zu beschützen. Doch was, wenn nach der Geburt Traurigkeit, innere Leere, Schuld- und Angstgefühle den Alltag bestimmen statt des ersehnten Mutterglücks?

Vor 14 Jahren erlebte Mareike Lange die schlimmste Zeit in ihrem Leben, wie sie heute, rückblickend betrachtet, sagt. Dabei bleibt ihre Stimme ganz ruhig; eine reflektierte Frau sitzt in ihrem Arbeitszimmer im Häuschen in Weißkirchen und erzählt von den dunklen Tagen und Wochen, die für sie doch eigentlich die schönsten überhaupt hätten werden sollen. Mareike Lange litt an einer postpartalen Depression. Dabei handelt es sich um ein Krankheitsbild, das mit verschiedenen Schweregraden in den ersten zwei Jahren, meistens jedoch in den ersten Wochen nach der Geburt entstehen kann. Mit Hilfe ihrer Hebamme gelang es ihr, den Teufelskreis aus Traurigkeit, innerer Leere und Schuldgefühlen zu durchbrechen. In einer Therapie hat sie diese Zeit später aufgearbeitet. Heute möchte die Diplom-Sozialpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie selbst betroffenen Frauen helfen.

„Meine Tochter war ein absolutes Wunschkind“, erzählt Mareike Lange. Doch das Glücksgefühl wollte sich bei nach ihrer Geburt einfach nicht einstellen. Ganz im Gegenteil: „Ich dachte, jetzt muss ich doch dem Kind gegenüber diese große Liebe empfinden, aber es waren eher Fremdheitsgefühle“, erinnert sich die 45-Jährige. Außerdem berichtet sie von einer starken Unsicherheit im Umgang mit dem Baby, bis hin zum Gefühl der „totalen Inkompetenz als Mutter“, von Erschöpfung, Schlafstörungen und Stillproblemen. Sie konnte sich nicht mehr konzentrieren, war desinteressiert und fühlte sich innerlich leer. „Ich habe mich nur noch verkrochen.“ In Familie und Umfeld stieß sie auf Unverständnis. „Alle waren überfordert, wussten nicht, was mit mir los war. Ich wusste es ja selbst nicht.“

Der Hebamme sei Dank

Rat wusste Mareike Langes Nachsorgehebamme. Sie besuchte die junge Mutter länger und öfter als vorgesehen und stellte außerdem den Kontakt zu einer ehemals Betroffenen her. „Sie kam zu mir nach Hause und hat gesagt: ,So, du kommst jetzt mit raus.’ Draußen schien die Sonne, aber allein wäre ich nie rausgegangen.“ Nach zwei Monaten hatte Mareike Lange die Depression überwunden, ohne Medikamente, ohne Klinikaufenthalt. „Das war aber nur möglich, weil es eine leichte Form war und weil meine Hebamme das von Anfang an gut im Blick hatte“, betont die Oberurselerin.

Inzwischen weiß sie, dass die postpartale Depression – auch postnatale Depression genannt – zu den häufigsten Komplikationen im Wochenbett gehört. „10 bis 20 Prozent aller gebärenden Frauen sind betroffen“, sagt Mareike Lange. Die Ursachen sind vielfältig: Neurobiologische Zusammenhänge und eine (familiäre) Vorbelastung können eine Rolle spielen, aber auch ein traumatisches Geburtserlebnis und der „Faktor Wunschkind“. „Die Erwartungen der Frauen und der Gesellschaft sind heutzutage viel zu hoch: an das Mutterglück, an die Rolle der Mutter, aber auch an das Kind. Alles muss perfekt sein, das Kind muss sein wie gewünscht und ich muss fühlen, was ich fühlen soll“, sagt Mareike Lange.

Ein Tabuthema

Das ist mit Grund dafür, dass nicht jede postpartale Depression frühzeitig erkannt und behandelt wird, was schwerwiegende Folgen für Mutter und Kind haben kann. „Viele Frauen versuchen erst einmal, die Krankheit zu verbergen, weil sie sich schämen und schuldig fühlen. Es handelt sich nach wie vor um ein Tabuthema.“ Wagt frau schließlich den wichtigen Schritt, sich Hilfe zu suchen, folgt nicht selten eine Odyssee von Arzt zu Arzt, bis die richtige Diagnose gestellt und eine passende Therapiemöglichkeit gefunden ist.

Seit sie selbst betroffen war, möchte Mareike Lange anderen Frauen mit postpartaler Depression helfen. Nach zwei weiteren Kindern – nach deren Geburten sie gesund blieb – und der beruflichen Weiterentwicklung wurde sie vor wenigen Jahren auf den Verein Schatten & Licht aufmerksam, für den sie inzwischen als ehrenamtliche Beraterin tätig ist. Jetzt möchte sie darüber hinaus eine Selbsthilfegruppe für den Hoch- und Main-Taunus-Kreis aufbauen. „Das Thema muss aus der Tabuzone. Dafür sind niederschwellige Angebote wichtig, die den Frauen von Anfang an helfen. In den Selbsthilfegruppen haben auch die negativen Gefühle ihren Platz“, betont sie. Der Termin fürs erste Treffen steht: Es soll am 2. Februar beim Verein Nestwerk in Oberursel stattfinden, danach erst mal jeden ersten Montagvormittag im Monat. Interessierte Frauen melden sich bei Mareike Lange unter Telefon (0 61 71) 5 07 98 02 oder per E-Mail an mlange-frankfurt@t-online.de.

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