Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

„Wir holen unsere Mitbürger zurück“

Von 24 Namen, 24 Schicksale früherer Königsteiner Bürger haben seit gestern wieder ihren Platz im Gedächtnis der Kurstadt. Wenige Stunden vor der Verleihung des Eugen-Kogon-Preises verlegte Preisträger Gunter Demnig gestern noch 24 Stolpersteine in der Kernstadt und in Falkenstein.
Aktionskünstler und Kogon-Preisträger Gunter Demnig verlegt in der Kurstadt neue Stolpersteine. Dies ließen sich zahlreiche Interessierte, unter ihnen Bürgermeister Leonhard Helm (3. v. r.), nicht entgehen.	Foto: Jochen Reichwein Foto: Jochen Reichwein Aktionskünstler und Kogon-Preisträger Gunter Demnig verlegt in der Kurstadt neue Stolpersteine. Dies ließen sich zahlreiche Interessierte, unter ihnen Bürgermeister Leonhard Helm (3. v. r.), nicht entgehen. Foto: Jochen Reichwein
Königstein. 

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – wer gestern Vormittag Gunter Demnig dabei beobachtete, wie er kniend das Pflaster der Hauptstraße bearbeitete, und dann daran dachte, dass der Künstler noch am selben Abend im würdigen Ambiente des Hauses der Begegnung den Eugen-Kogon-Preis in Empfang nehmen sollte, dem konnte schon das sprichwörtliche Gegensatzpaar von „Arbeit“ und „Vergnügen“ in den Sinn kommen.

Allein, Demnig würde wohl nicht zu diesen beiden Kategorien greifen, um das zu umschreiben, was ihn gestern bereits zum zweiten Mal in die Kurstadt zog.

Viel zu sehr ist ihm das Verlegen der von ihm konzipierten „Stolpersteine“ persönliches Anliegen, als dass es einfach nur „Arbeit“ sein könnte. Rund 50 000 dieser von Messing-Tafeln gezierten, etwas mehr als faustgroßen Pflastersteine hat Demnig seit 1997 in mittlerweile über 1100 Städten in ganz Europa gesetzt.

Jeder einzelne Stein trägt den Namen eines Opfers des NS-Terrors. Jeder Stein wird vor dem jeweiligen Haus im Boden versenkt, das als letzte freiwillig gewählte Adresse des Betroffenen bekannt ist. Was danach für diese Menschen zwischen 1933 und 1945 folgte? Wenn sie Glück hatten, die Flucht ins Leben, die sie mit dem Verlust der Heimat und oft auch vieler Angehöriger bezahlten. Oder der Tod in den Lagern der Nazis.

Nachdem Demnig auf Einladung der heimischen Initiative „Stolpersteine“ bereits im November 2013 18 Stolpersteine in Königstein verlegt hatte, kamen gestern 24 weitere hinzu. „Mit den Stolpersteinen holen wir unsere Mitbürger zurück“, fasste Robert Rohr, Stadtverordnetenvorsteher und Mitglied der Initiative, das Ansinnen in Worte, das seine Mitstreiter wie auch er mit der Aktion verfolgen. Mit jedem Stein, mit jedem Namen und dem damit verbundenen Schicksal werde das Leid von sechs Millionen Juden wie auch anderer Opfer der NS-Diktatur fassbarer, konkreter.

Diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sie im übertragenen Sinn aus den anonymen Massengräbern der Geschichte zu bergen, ihnen Namen und Gesichter zurückzugeben, das sei die Aufgabe jedes Mahnmals. Das gelte für das Holocaust-Denkmal in Berlin ebenso wie für die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel, den Gedenkstein für deportierte jüdische Bürger in Königsteins Partnerstadt Le Cannet und auch für die Stolpersteine.

„Stolpern mit dem Kopf“

Sie alle, so Rohr, hätten ihre Berechtigung, sie alle mahnten die Menschen in Gegenwart und Zukunft. Von Zeit zu Zeit kolportierte Befürchtungen von Kritikern, mit dem Verlegen von Stolpersteinen würde die Basis geschaffen, die Namen von NS-Opfern mit Füßen zu treten, teilen der Stadtverordnetenvorsteher und die Mitglieder der Initiative nicht. „Wenn wir über die Namen stolpern, dann stolpern wir mit dem Kopf und nicht mit den Füßen“, hob Rohr hervor. Im Gegenteil. Jeder, der den Stein betrachte und die Inschrift lese, neige den Kopf vor den Opfern.

Dass die Mitglieder der Königsteiner Initiative mit dieser Überzeugung deutlichen Rückhalt in der Stadt finden, belegte die große Zahl an Bürgern der Kurstadt, die zur Verlegung der Steine gekommen waren. Viele folgten Gunter Demnig auf seinem Weg durch die Stadt, der dieses Mal in Falkenstein begann.

Dort hatte der Aktionskünstler und Vater der Stolper-Stein-Idee um neun Uhr den ersten Stein gesetzt für Martha Woelcke, eine Künstlerin jüdischer Herkunft, die bereits 1928 zum evangelischen Glauben konvertiert war und von den Nazis 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

An das Schicksal der Falkensteinerin wie auch an das aller anderen, für die am gestrigen Tag Stolpersteine verlegt wurden, erinnerten Mitglieder der Initiative jeweils in kurzen Beiträgen.

Pause angedacht

Mit der gestrigen Aktion steigt die Zahl der Mahnmale von Gunter Demnig in der Stadt auf 42. Und dabei könnte es vorerst auch bleiben, deutete Petra Geis, Mitbegründerin der Initiative, im Gespräch mit der TZ an. Zwar werde sich die Gruppe in nächster Zeit noch einmal zusammensetzen, um zu beraten, wie es weitergeht. Sie habe aber doch den Eindruck, dass alle Beteiligten nach mehr als zweieinhalb Jahren intensiver Forschungsarbeit und Recherche für die Stolpersteine wie auch für die Neuauflage des Buchs „Juden in Königstein“ (wir berichteten) eine Pause gebrauchen könnten.

Ganz sicher sei die Arbeit nicht beendet, ließe sich noch das eine oder andere zutage fördern – gerade auch mit Blick auf mögliche nichtjüdische Opfer des NS-Terrors aus Königstein. Allerdings zeichne sich ab, dass gerade die Suche nach diesen Menschen sich ob der vorhandenen Quellenlage schwierig gestalte.

Zur Startseite Mehr aus Vordertaunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse