E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 29°C

Bhopal-Gift bleibt in Indien

Wie ein Damoklesschwert schwebte die Gefahr über dem Kreis Groß-Gerau, dass bei der Hessischen Industriemüll GmbH (HIM) in Bischofsheim mit Giftstoffen belastete Erde aus Indien verbrannt werden soll. Doch jetzt scheint diese Gefahr gebannt.
Franz Josef Jung (l.) nimmt die Fragen zum Giftmülltransport Armin Hanus entgegen. Foto: Jörg Lowin Franz Josef Jung (l.) nimmt die Fragen zum Giftmülltransport Armin Hanus entgegen. Foto: Jörg Lowin
Kreis Groß-Gerau. 

Bei der Sitzung des Kreistags in Groß-Gerau führte ein Dringlichkeitsantrag der Fraktion von SPD und Grünen zu einer langanhaltenden Debatte. Es ging um die Ankündigung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), 350 Tonnen kontaminierte Erde aus einer Pestizidfabrik im indischen Bhopal nach Deutschland zu importieren. Die GIZ-Pressestelle hatte verlauten lassen, die indische Regierung vertraue darauf, dass die 28 Jahre lang nur mäßig geschützte, mit Pestiziden und Schwermetallen verseuchte Erde in Deutschland entsorgt werden könne.

25 000 Tote

Hintergrund: Vor rund 28 Jahren, am 3. Dezember 1984, ereignete sich in einem Werk der Union Carbide Corporation in Bhopal ein Chemie-Unfall mit den bislang schlimmsten Auswirkungen. Er zählt weltweit zu den größten Umweltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit. Schätzungen zufolge wird von 25 000 Toten und von bis zu 500 000 zum Teil Schwerverletzten ausgegangen. Die Opferzahlen schwanken jedoch.

In einer Pressemitteilung Anfang September berichtete die hessische Landtagsabgeordnete der Grünen, Ursula Hammann, dass sie Unterlagen besitze, wonach 350 Tonnen der verseuchten Erde mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht werden sollen. Weil der Flughafen in Hahn als Zielpunkt in Betracht gezogen worden war, vermutete Hammann, dass die Giftstoffe in die Biebesheimer Sondermüllverbrennungsanlage der Hessischen Industriemüll GmbH (HIM) gelangen könnten.

Der drohende Giftmülltransport aus Indien schlug hohe Wellen sowohl in den Gemeindegremien als auch im Kreistag. Bereits Ende August hatte die Fraktion der Linken/Offene Liste eine Anfrage an den Kreisausschuss gestellt. Auf die Frage, ob das Unternehmen HIM in Biebesheim mit dem Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt verhandelt habe, die Rückstände aus Bhopal zu Schlacke zu verbrennen, so dass im Nachgang eine Zuweisung ins Abfallzentrum Büttelborn in Betracht käme, erging die Antwort, dem Kreis Groß-Gerau sei darüber nichts bekannt. "Die Riedwerke haben aber vorsorglich die Annahme solcher Schlacken abgelehnt", hieß es in der schriftlichen Begründung. Landrat Thomas Will (SPD) bestätigte in der Sitzung des Umwelt- und Bürgerbeirats Abfallwirtschaft des Kreises Groß-Gerau die Entscheidung des Riedwerke-Managements, die von allen begrüßt wurde.

Geheimhaltung

Während Jochen König, Marketingleiter der Indaver Deutschland GmbH, dem Mutterunternehmen der HIM, gegenüber dieser Zeitung keine konkrete Aussage treffen wollte, fordern nun die Kreistagsfraktionen von SPD und Grünen Aufklärung über das umstrittene Bhopal-Projekt der GIZ. Der Antrag dazu wurde einstimmig vom Kreistag angenommen. Hierbei soll auch das RP Darmstadt Rede und Antwort stehen und die Frage nach der vermeintlichen Geheimhaltung des Imports hochgiftiger Abfälle nach Deutschland geklärt werden.

Mittlerweile hat auch Armin Hanus, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) "Büttelborn21", die schon die Errichtung einer Giftmüllanlage in der Deponie Büttelborn verhindern konnte, einen Fragenkatalog an Franz Josef Jung (CDU), Mitglied des Bundestags, übergeben. Der ehemalige Bundesverteidigungs- und -arbeitsminister sei prädestiniert, "weil er der Vertreter für den Kreis Groß-Gerau im Bundestag ist", erklärte Hanus, der gleichzeitig als Mitglied im Umwelt- und Bürgerbeirat Abfallwirtschaft des Kreises aktiv ist. Jung soll nun beantworten, was die GIZ dazu bewogen habe, 350 Tonnen Giftmüll nach Deutschland bringen zu wollen, und warum nicht im Verursacherland entsorgt würde.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erklärte am 26. September, dass es sich bei der Thematik hinsichtlich des indischen Giftmülls um Überlegungen zu einem Drittgeschäft gegen Entgelt der GIZ handele, und zwar im Auftrag der indischen Regierung.

Die GIZ wiederum verkündete ihre neueste Entscheidung: "Nach dreimonatigen Vertragsverhandlungen um die Entsorgung von 350 Tonnen mit Pestiziden kontaminierter Erde aus dem indischen Bhopal zwischen der GIZ und der indischen Seite, hat die GIZ ihr Angebot zur Entsorgung zurückgezogen." Gleichzeitig erwähnt die deutsche Gesellschaft, dass bereits mehr als zwei Dutzend vergleichbare Aufträge über gefährliche Abfälle in Entwicklungs- und Schwellenländern übernommen und die Altchemikalien entsorgt worden seien.

Armin Hanus kritisiert die seiner Ansicht nach mangelnde Transparenz für die Bürger: "Was ist dabei passiert, und wo sind die Abfälle geblieben?" Selbst wenn jetzt nichts nach Deutschland gesandt würde, sei dies keine Garantie für die Zukunft. "Die Menschen im Kreis Groß-Gerau wollen keine giftigen Stoffe in ihrer Nähe, schon gar nicht von einer Pestizidfabrik aus Indien".vaw

(Volker Arndt)
Zur Startseite Mehr aus Kreise Offenbach/Groß Gerau

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen