"Die Sprache ist eine Voraussetzung"

Betül Gülmez-Götzmann ist in Köln geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern haben türkische Wurzeln. Zwei Jahre hat sie auch in der Türkei in der Schule verbracht und dann in Deutschland studiert. Seit 2002 lebt Betül Gülmez-Götzmann mit Mann und Tochter in Dreieich. Seit 2010 engagiert sie sich als Vorsitzende im Ausländerbeirat der Stadt, der in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. FNP-Mitarbeiterin Nicole Jost hat sie getroffen und mit ihr über die Aufgaben des Ausländerbeirats gesprochen.
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GÜLMEZ-GÖTZMANN: Ich bin ja nicht von Anfang an dabei, aber ich weiß natürlich, welche Ziele der Beirat in den vergangenen Jahren schon verwirklichen konnte. Das Wichtigste ist sicherlich, dass der Ausländerbeirat in der Stadtverordnetenversammlung Rede- und auch Antragsrecht hat. Das ist nicht selbstverständlich und auch in vielen umliegenden Städten noch nicht üblich. Wir haben im Rathaus einen eigenen Raum, in dem wir unsere Sitzungen abhalten und unsere Arbeit vorbereiten können. Die Gruppe hat sich aber auch in kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen in Dreieich engagiert. Die große Gesundheitsmesse im Sprendlinger Bürgerhaus zählt dazu, die Mitarbeit am Interkulturellen Sommerfest, was es aus finanziellen Gründen leider nicht mehr gibt. Aber auch viele kleine Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, zum Teil in Kooperation mit den Schulen zu verschiedenen Themen wurden organisiert. Darüber hinaus wenden sich auch einige Menschen mit Migrationshintergrund an uns, mit ihren Problemen, oder wenn sie sich nicht verstanden fühlen. Wir sind ja ein politisches Gremium, manchmal können wir direkt helfen und manches Mal können wir die Menschen an die Stellen verweisen, die dann noch besser helfen können.

Das Thema Integration ist in aller Munde. Der Bilderstreit vor zwei Jahren um das Werk von dem Dreieicher Künstler Wolfgang Bagus, das PKK-Führer Abdullah Öcalan winzig klein zeigte: Ist er beigelegt und hat keine Folgen hinterlassen?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: Zu diesem Thema gab es sicherlich verschiedene Ansichten, und wenn dem einen oder anderen das Bild nicht gefallen hat, ist es in Ordnung, das zu formulieren. Wir sahen uns in diesem Streit auch nicht involviert und haben uns dazu – mit der Ausnahme der Podiumsdiskussion, die es gegeben hat – auch nicht weiter geäußert. Wir vertreten verschiedene Kulturen und Religionen, da herrschten auch intern unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Aber wir akzeptieren die gesetzlichen Grundregeln in Deutschland, und da gehören Meinungsrecht und das Recht auf freie Kunst auch dazu.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Politik in Dreieich gemacht?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: In der Zeit, in der ich dabei bin, haben wir immer versucht, strukturiert zusammen zu arbeiten. Wir hatten vor gar nicht allzu langer Zeit ein Treffen mit allen Fraktionsvorsitzenden, um die Frage zu klären, wie wir als Ausländerbeirat noch besser und enger mit den Parteien zusammen arbeiten können. Dabei ging es auch darum, an welchen Stellen es sinnvoll wäre, sich vor politischen Entscheidungen auszutauschen. Das ist sehr gut angekommen, und wir werden von unserer Seite diese politische Arbeit intensivieren und noch mehr das Gespräch mit den Parteien suchen.

Wo wünschen Sie sich mehr Entgegenkommen für die Menschen mit Migrationshintergrund?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: Ich persönlich bin in Deutschland geboren, ich brauche nicht mehr Entgegenkommen. Wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich das äußern. Aber ich würde mir wünschen, dass man in Deutschland andere Kulturen und andere Religionen nicht als Hindernis oder Problem wahrnimmt, sondern als Bereicherung für das Land und die Gesellschaft. Ich denke, es ist der falsche Weg, Migranten komplett ummodellieren zu wollen. Natürlich wünsche ich mir auch mehr die Durchmischung der Kulturen und einen engeren Kontakt der Menschen untereinander, um eben diese unterschiedlichen Traditionen auch kennen zu lernen. Zwanghafte und meist zeitlich sehr begrenzte Integrationskonzepte sehe ich eher kritisch, sie haben meist keinen langfristigen Erfolg.

Welche Mindestanforderungen sollten an Bürger mit Migrationshintergrund gestellt werden, die hier in Deutschland leben wollen?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: Wenn Menschen ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland gefunden haben, dann ist die Sprache schon eine Voraussetzung – auch um im Leben voran zu kommen. Ich habe kein Verständnis für junge Leute, die schon sehr lange hier leben, die aber die Sprache nicht sprechen. Aber Migranten sollten neben den in Deutschland geltenden Gesetzen auch der Kultur gegenüber positiv eingestellt sein. Damit will ich nicht sagen, dass die hier übliche Kultur übernommen werden muss. Es gilt sich zu öffnen und es hoffentlich ebenfalls als Bereicherung zu empfinden.

Halten Sie es für richtig, dass Formulare und Informationen in den Behörden oftmals mehrsprachig angeboten werden?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: Ja, ich denke, das ist schon in Ordnung. Selbst mein Vater, der gut Deutsch spricht, hat so seine Schwierigkeiten mit den Formularen und dem Behördendeutsch, und er hat so manches gar nicht verstanden. Da ist es schon eine Erleichterung, wenn es die jeweiligen Anträge, Bögen etcetera in verschiedenen Sprachen gibt, weil es einfach Worte gibt, die man im normalen Leben nie hört. Vielleicht sollte an den Schulen Behördendeutsch trainiert werden (lacht).

Was sind die Ziele des Ausländerbeirates für die Zukunft, was ist geplant?

GÜLMEZ-GÖTZMANN: Wir haben uns im vergangenen Jahr Gedanken gemacht, dass wir die Religionen und die Religionsstreitigkeiten noch einmal zum Thema machen möchten. Jetzt ist für den April eine Veranstaltung in Kooperation mit der Universität Frankfurt geplant, zum Thema Islam und Christentum, und später im Jahr wollen wir etwas ähnliches zum Buddhismus machen. Der Ausländerbeirat muss aufklärend an dieser Stelle sein, seine Aufgabe ist es zu vermitteln – auch Wissen zu vermitteln. Wir wollen damit erreichen, dass die Menschen einen Einblick in die Religion des jeweils anderen gewinnen. Gleichzeitig haben wir uns vorgenommen, mehr für die Jugendlichen zu tun. Im vergangenen Jahr hatten wir ein Seminar in Zusammenarbeit mit dem Kreis Offenbach und dem Forum Sprendlingen Nord unter dem Titel "Gewalt sehen – hören", das ist sehr gut angekommen, und so etwas möchten wir noch einmal für Jugendliche organisieren. Das ist wertvolle Präventionsarbeit. Aber wir planen auch ein Angebot für junge Menschen zum Bewerbungstraining in Zusammenarbeit mit Arbeitgebern. Ein weiterer Fokus unserer Arbeit muss in der Zukunft auch die Seniorenarbeit sein: Wie geht es Senioren mit Migrationshintergrund in Deutschland und was können wir tun, dass sich diese Menschen auch im Alter hier wohlfühlen? Das ist, denke ich, eine Diskussion, die auch auf politischer Ebene geführt werden muss.

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