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„Die meisten gehen wortlos unter“: Ein Rettungsschwimmer klärt über Badeunfälle auf

Ob im Fluss, Freibad oder Baggersee: Mit der nun beginnenden Freiluft-Badesaison mehren sich auch wieder die Unfälle. Jürgen Kleinkauf (55), stellvertretender Vorsitzender der DLRG Langen, erklärt im Interview mit Reporter Michael Forst, was im Notfall zu tun ist, wer besonders oft verunglückt und warum ein Seepferdchen kein Garant für sicheres Schwimmen ist.
Zupackende Helfer-Hände: DLRG-Mitarbeiter üben den Ernstfall. Symbolfoto: Picture Alliance/Peter Steffen Foto: Peter Steffen (dpa) Zupackende Helfer-Hände: DLRG-Mitarbeiter üben den Ernstfall. Symbolfoto: Picture Alliance/Peter Steffen
Langen. 

Herr Kleinkauf, die Badesaison am Langener Waldsee hat begonnen? Wie präsent sind Sie als DLRG dort?

JÜRGEN KLEINKAUF: Bei der Badeaufsicht am Wochenende sind wir ehrenamtlichen Helfer eine feste Größe. Vormittags ist immer einer von uns da, nachmittags sind es bis zu drei, vier Leute – je nach Besucherandrang.

Jürgen Kleinkauf, stellvertretender DLRG-Vorsitzender Langen Bild-Zoom
Jürgen Kleinkauf, stellvertretender DLRG-Vorsitzender Langen

Haben Sie auch Boote im Einsatz?

KLEINKAUF: Die DLRG Langen hat zwei Boote, die verwenden wir bei Veranstaltungen wie der „Swim Night“, dem Ironman oder dem City-Triathlon – und an Badewochenenden mit sehr viel Betrieb. Die Schwimmmeister haben ihr Hauptaugenmerk auf die Gäste im Schwimmbereich, während wir mehr über die Leine hinaus schauen. Viele Leute schwimmen gerne raus, weil es als „uncool“ gilt, nur bis zur Leine zu schwimmen. Was durch Segler und Surfer, die so einen Schwimmerkopf auch nicht immer sehen, zu einer nicht unerheblichen Gefahr werden kann.

Wie verhalte ich mich, wenn ich einen Notfall im See beobachte?

KLEINKAUF: Zunächst sollte man Aufmerksamkeit erregen. Also: Um Hilfe rufen anstatt ohne etwas zu sagen einfach in Wasser springen. Denn falls ich selber in Not gerate, weiß das sonst keiner. Ein zweiter Helfer kann dann entweder mit eingreifen, einen Notruf absetzen oder die Schwimmmeister alarmieren.

Ab welchem Schwimm-Level darf ich mir überhaupt zutrauen, dem Opfer zu Hilfe zu eilen?

KLEINKAUF: Hier gilt, was für jeden Ersthelfer gilt: Die Fremd- und Eigengefährdung ist auszuschließen. Wenn ich kein guter Schwimmer bin, sollte ich natürlich nicht ins Wasser springen, jedenfalls nicht ohne Hilfsmittel. Auch unserer Rettungsschwimmer etwa sollen Auftriebsmittel mitnehmen, das heißt: eine Rettungsboje oder einen Gurtretter (besteht aus einem Brust-Schulter-Gurt, einer schwimmfähigen Verbindungsleine mit Ösen und einem Auftriebskörper aus Schaumstoff, Anm. d. Red.). Um sich entweder selbst daran festzuhalten oder den Ertrinkenden zu sichern.

Tödliche Unglücke in Hessen

  Ein 33-jähriger Mann wird seit Montag, 14. Mai, vermisst, nachdem er zum Schwimmen an den Kasseler Bugasee gegangen war. Spezialtaucher suchen immer noch nach dem Bewohner eines nahe gelegenen Flüchtlingsheims.

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Also gilt es, erst einmal die Situation und die eigene Fähigkeit richtig einzuschätzen?

KLEINKAUF: Genau. Wenn etwa jemand mehrere hundert Meter weit im Wasser gegen das Ertrinken kämpft, kann es je nach Schwimmtüchtigkeit ja durchaus einige Minuten dauern – in der Zeit kann das Opfer schon untergegangen sein. Da wäre es sinnvoller, uns zu alarmieren. Wir können die Schwimmmeister mit ihrem Boot dann per Funk von Land aus zur Unglücksstelle dirigieren.

Was sind die häufigsten Ursachen, warum Menschen im Wasser in Gefahr geraten?

KLEINKAUF: Oft unterschätzende Badende die Risiken im nassen Element. Es kann zu unscheinbaren Strömungen und Strudel kommen, im Meer gibt es die Brandung und Wellen – Faktoren, die viel Kraft kosten. Manchmal rutscht auch jemand im Baggersee von seinem Schlauchboot oder seiner Luftmatratze ab und findet sich plötzlich in kaltem, tiefen Wasser wieder. Er erleidet einen Kälteschock, bekommt Panik, schluckt Wasser und bekommt keine Luft mehr. Nicht selten ist auch zu viel Alkohol im Spiel, wie zuletzt am Raunheimer Waldsee.

Welche Tipps haben Sie für das sichere Badevergnügen?

KLEINKAUF: Vor dem Rausschwimmen die Wassertemperatur einschätzen: In zu kaltem Wasser kann ich leicht einen Krampf erleiden. Auf keinen Fall überhitzt oder vollgegessen ins Wasser gehen – und wenn, möglich, nur mit mehreren Leuten, damit andere helfen oder um Hilfe rufen können, wenn etwas passiert. Gerade Kinder kommen aufgrund ihrer Größe und des Körperbaus schnell mit dem Kopf unter Wasser und können dann noch nicht mal um Hilfe rufen. Meistens gehen die Leute wortlos unter. Deshalb haben wir als DLRG und die Bademeister meist nur dann eine Chance, wenn andere Badegäste von dem Unglück etwas mitkriegen und uns alarmieren.

Sie haben die Gruppe der jüngeren Badegäste bereits angesprochen. Laut einer von der DLRG in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage ist jedes dritte Kind nach dem Verlassen der Grundschule kein sicherer Schwimmer. Was muss sich da ändern?

KLEINKAUF: Das ist nicht als Vorwurf zu verstehen, aber: Eltern oder die Schule sorgen dafür, dass das Kind seinen Schwimmkurs macht – und alle sind glücklich, das Kind am allermeisten. Doch so ein Seepferdchen ist kein Garant für sicheres Schwimmen. Es hat nichts damit zu tun. Die Kinder können sich vielleicht 25 Meter weit über Wasser halten. Aber wenn sie auf ein Hindernis treffen oder bekommen einen Spritzer in die Augen, bekommen sie Panik. Das heißt, und das war auch bei meinen Kindern so: Im Anschluss an diesen ersten Schwimmkurs muss die Arbeit erst richtig anfangen. Da kann ein Schwimmverein viel leisten, in dem die Kinder regelmäßig üben können. Wenn wir am Langener Waldsee Streife gehen und sehen kleinere Kinder unbeaufsichtigt spielen, sträuben sich uns schon mal die Nackenhaare.

Aber Kinder sind nicht die einzigen, die in Not geraten können?

KLEINKAUF: Keineswegs. Viele Ältere, die vielleicht körperliche Einschränkungen haben, bekommen schon mal bei Panik, auch durch Kälte ausgelöst, Probleme mit dem Herzen. Die ertrinken dann nicht unbedingt, sondern sterben durch Herzinfarkt. Bei den 20- bis 30-Jährigen wiederum geht die Tendenz in Richtung Selbstüberschätzung.

Inwieweit sind Flüchtlingskinder ein Problem, etwa, wenn in ihren Herkunftsländern keinen Wert auf Schwimmunterricht gelegt wurde?

KLEINKAUF: Da haben wir seit Jahren ein Auge drauf, in der Statistik nehmen sie 10 bis 15 Prozent der Opfer ein. Gefährlich kann es etwa werden, wenn sich ihre schwimmerprobten Spielkameraden ins Wasser stürzen – und sie im Überschwang einfach hinterherrennen.

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