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Angst vor Abschiebung: Flüchtlinge hoffen auf ein besseres Leben

Von Hoffnung auf ein besseres Leben, Angst vor Abschiebung: Flüchtlinge wie Khadije und Farhad stehen vor einer ungewissen Zukunft. Damit die Gegenwart nicht zu sehr belastet, helfen die Sozialarbeiter der Flüchtlingsunterkunft in Gravenbruch, so gut es geht.
Sozialarbeiter Christoph Joschko (links) kümmert sich in den Sprechstunden in der Flüchtlingsunterkunft um die Angelegenheiten von Farhang. Sozialarbeiter Christoph Joschko (links) kümmert sich in den Sprechstunden in der Flüchtlingsunterkunft um die Angelegenheiten von Farhang.
Neu-Isenburg. 

Khadije sitzt in dem Zimmer mit den zwei Stockbetten an dem kleinen Tisch. Die beiden von ihr und ihrem neun Jahre alten Sohn Amir benutzten Betten sind ordentlich gemacht, an der sonst kargen Wand hängen drei Medaillen, die Amir beim Fußballturnier mit seiner Mannschaft bei der SSG Gravenbruch gewonnen hat.

Die 24-jährige lächelt, dabei hat sie es als alleinstehende Frau mit Kind in der Flüchtlingsunterkunft in der Meisenstraße in Gravenbruch nicht leicht. Seit zwei Jahren und einem Monat ist die Afghanin, die gemeinsam mit Mann und Kind aus dem Iran geflüchtet war, schon in Deutschland. Erst lebte die junge Frau in Sprendlingen, von dort aus kam sie nach Gravenbruch. Die Ehe ist inzwischen in die Brüche gegangen. Wie bei vielen der 51 in dem ehemaligen Bürogebäude lebenden Menschen wurde zudem ihr Asylantrag abgelehnt. „Aber es gibt bereits einen Klageantrag, der noch bei Gericht liegt“, sagt Christoph Joschko, Sozialarbeiter des Diakonischen Werkes, der sich gemeinsam mit seiner Kollegin Marisa Kirsch um insgesamt 200 in Neu-Isenburg lebende Flüchtlinge kümmert. „Aber dieser negative Bescheid sorgt natürlich für Unsicherheit“, weiß der studierte Politologe.

„Allein mit meinem Kind“

Dabei träumt Khadije von einem besseren Leben in Deutschland. Ab Februar darf sie endlich einen Sprachkurs beginnen, darauf freut sie sich sehr. Die junge Frau kämpft um das Glück ihrer kleinen, zweiköpfigen Familie. Sie will unbedingt arbeiten, am liebsten eine Ausbildung als Kosmetikerin beginnen. Und vor allem will sie aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen. Denn auf dem engen Raum, in dem die alleinstehenden Männer immer noch zu acht in einem Zimmer leben, fühlt sie sich nicht immer sicher. „Es ist schwierig nachts. Ich bin hier oben allein mit meinem Kind. Küche und Bad sind unten“, erzählt sie. Das bedeutet, dass sie aus dem dritten Stock nach unten laufen muss – vorbei an den lauten Männern. Sie nennt es „schwierig“ und es ist herauszuhören, dass es ihr manchmal Angst einjagt. Als nicht anerkannter Flüchtling dürfen die Menschen in Deutschland aber nicht aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen – und selbst wenn sie es dürften, für die in Neu-Isenburg bereits 40 Prozent anerkannten Flüchtlinge eine Wohnung zu finden, ist bei der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt nahezu unmöglich.

Auch Farhad, der bei Christoph Joschko mit einem Stapel Papieren im Besprechungsraum sitzt, ist ein bisschen traurig. „Wir sind schon viel zu lange hier. Ich möchte eine Ausbildung machen, die Sprache viel besser lernen. Auf keinen Fall will ich zurück nach Afghanistan. Dort sind überall die Taliban“, sagt der 19-Jährige, der mit seinem Bruder in der Meisenstraße lebt. Auch er erzählt von der Enge in dem Haus, mit den vielen anderen alleinstehenden Männern im Zimmer. Oft sei es laut nachts, er müsse aber schlafen, um am nächsten Tag wieder zu arbeiten und zu lernen. Auch sein Asylantrag ist abgelehnt worden. „Ich habe jeden Tag Angst, dass ich wieder zurück muss“, sagt der junge Mann.

Die Arbeit hat sich für die Sozialarbeiter in dem guten Jahr – Mitte Dezember sind die Flüchtlinge in dem sogenannten Singh-Haus eingezogen – sehr verändert. „Anfangs ging es vor allem um die Eröffnung von Bankkonten und die Beschaffung von Krankenscheinen, heute ist das Thema Nummer eins die erwünschte Wohnung und auch die negativ beschiedenen Asylanträge, wo wir viel zu den Fachleuten vermitteln“, erklärt Christoph Joschko. Es geht darum, die bei der Einreise abgegebene Pässe zu finden, was manchmal einer Detektivarbeit gleiche, sich um die Anerkennung von Zeugnissen zu bemühen und die Kontakte mit den Behörden wie der Pro Arbeit zu moderieren.

Kampf und Resignation

Etliche der Flüchtlinge arbeiten inzwischen auch. Gerade in Neu-Isenburg gebe es viele gute Beispiele von Vermittlungen in den Ausbildungsmarkt. „Wir haben einen Bäckerlehrling, einen Heizungs- und Sanitärfachmann und einen Gärtner, bei denen es sehr gut läuft“, berichtet Marisa Kirsch. Die größte Schwierigkeit dabei ist die Sprache. „Wir haben auch Fälle, in denen Ausbildungen wieder abgebrochen wurden, weil die Sprachkenntnisse für die Berufsschule einfach nicht ausreichen“, bedauert die Sozialarbeiterin. Das Schönste an ihrer Aufgabe sei es, die positive Entwicklung der Menschen begleiten zu dürfen. Die Dankbarkeit und die Höflichkeit der Menschen zu erleben. Gerade die Frauen schaffen es oft, sich zu emanzipieren, sie engagieren sich sehr für sich und ihre Kinder. Krempeln die Ärmel hoch und versuchen, das Beste aus der schwierigen Situation zu machen.

Aber die Sozialarbeiter mussten sich auch daran gewöhnen, dass es auch unter den Geflüchteten Menschen gibt, die nicht sehr motiviert sind. Alkohol ist ein Thema, aber auch Hoffnungslosigkeit und Depression. „Aber das ist eben unser Beruf, auch die Schwächeren möglichst auf ihre eigenen Füße zu stellen“, sagt Christoph Joschko.

Marisa Kirsch und er haben in Isenburg viele Unterstützer. Das Diakonische Werk profitiere von den hervorragenden Netzwerken. Die Flüchtlingshilfe und der Flüchtlingskreis in Gravenbruch leisten mit vielen Ehrenamtlichen eine wertvolle Arbeit, einige Unternehmen helfen mit Spenden oder Ausbildungs- und Arbeitsplätzen aus, die Infrastruktur ist in Gravenbruch gerade in der Grundschule sehr gut. „Wir bleiben dran, das Möglichste für die Integration unserer Flüchtlinge zu tun“, versprechen Kirsch und Joschko.

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