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Schäfer: Für Ben Klepp ist sein Job eine Herzenssache

Von Ein Schäfer, der, auf seinen Stab gestützt, den ganzen Tag gemütlich in der Sonne sitzt und seine Schützlinge zählt – über diese Klischee seines Berufsstandes kann Ben Klepp nur lächeln. Verlangt das Schafe hüten doch sorgfältige logistische Planung, handwerkliches Know-How sowie tiermedizinisches und kräuterkundliches Wissen. Und dann gibt es da noch einen anderen Grund, der für ihn den Job zur Herzenssache macht.
Glücklich inmitten seiner Schützlinge: Ben Klepp und seine Bockherde zwischen Mörfelden und Walldorf. Glücklich inmitten seiner Schützlinge: Ben Klepp und seine Bockherde zwischen Mörfelden und Walldorf.
Mörfelden-Walldorf. 

Der eine umhüllt sich mit dem Rauch von Chakra-Räucherstäbchen, um die innere Mitte zu finden, der andere schwört auf Yoga-Übungen beim Meister in einem indischen Ashram – Schäfer Ben Klepp reicht das Geräusch von 100 zufrieden mümmelnden Wolltieren zwischen Mörfelden und Walldorf. „Es gibt wenig, was meditativer wäre“, schwärmt der 40-Jährige, der in den Sommermonaten wieder mit seiner Herde und Schäferhund Luna zwischen den beiden Orten der Doppelstadt im Namen der Landschaftspflege unterwegs ist.

„Das Gebiet ist besonders artenreich und ökologisch wertvoll“, berichtet Klepp, der derzeit – sein hölzerner Schäferwagen ist gerade in Reparatur – in einem Zelt direkt neben seiner Bock-Herde campiert. Für ihn weckt das Erinnerungen an die Pfadfinderzeit als Kind: „Ich war immer gern in der Natur und habe Tiere geliebt“, erzählt er, der in der DDR aufwuchs und mit elf Jahren nach der Wende in den Westen kam. Schon zur Abiturzeit half er beim Schäfern und lernte noch mehr bei seiner Schwester, die sich ebenfalls den wollenen Gesellen verschrieben hat.

Doch Ben Klepp liebt die Menschen nicht minder: Als Katastrophenentwicklungshelfer war er später jahrelang in aller Welt im Einsatz, packte an, baute Brunnen, rettete Leben inmitten größten Elends. Zuletzt in Myanmar, noch zu Zeiten der Militärdiktatur, als einer der wenigen Helfer, die ins Land durften.

Balsam nach Burn-Out

Irgendwann wurde es zu viel: Klepp erlitt einen Burn-Out, kehrte innerlich leer nach Deutschland zurück. Dann spielte der Zufall Schicksal: „Ein Schäfer, dem ich stundenweise zur Hand ging, um wieder auf die Beine zu kommen, bot mir die Weidefläche zwischen Mörfelden und Walldorf an.“ Dazu die Verantwortung für eine Bockherde mit 300 Tieren. Der tägliche Umgang mit den Tieren half Klepps verwundeter Seele, zu genesen: „Was besonders erdet, ist der direkte und sofort sichtbare Zusammenhang zwischen der Tätigkeit und dem unmittelbaren Sinn dahinter“, bringt er die Faszination seines Berufes auf den Punkt.

Klepp mit einem seiner Esel. Bild-Zoom
Klepp mit einem seiner Esel.

Heute nennt er zwei Herden auf der vom BUND gepachteten Fläche in Mörfelden-Walldorf sein Eigen. Eine weitere in der Schwanheimer Düne betreut seine Freundin Tabea Meischner – dazu kommen vier Esel, die direkt vor dem Walldorfer Wohngebiet auf einer Weide grasen. „Hinter der Hecke ist ein Kinderspielplatz“, lächelt Klepp, „die Esel bekommen oft Besuch und Streicheleinheiten.“

Es ist gerade der pädagogische Aspekt, der das Schäfer-Sein für ihn zu etwas ganz besonderem macht. „Es ist so schön, zu sehen, wie ein stilles, nicht in die Gruppe integriertes Kind förmlich aufblüht, wenn es einen Esel oder ein Schaf streicheln darf“, beschreibt er. Damit es nicht bei Zufallsbegegnungen bleibt, arbeitet Klepp vor allem außerhalb der Saison zwischen Spätherbst und Frühsommer mit Natur-Kindergärten zusammen.

Umzug zweimal täglich

Dabei bringt er ihnen seine Tiere, ihre Wesensart und Nutzen näher. Und natürlich auch seinen Beruf, der fernab des gemütlichen Klischees viel harte Arbeit bedeutet: Denn damit seine Schützlinge genügend zum Fressen haben und das große Gebiet vertragsgerecht gepflegt wird, müssen die Herden ein- bis zweimal täglich umziehen. Für Klepp und seine Freundin bedeutet das, unterstützt einem Flüchtling aus Kaschmir und einer Studentin, jedes mal bis zu einem Kilometer Elektrozaun aufzubauen.

Vorher gilt es, Giftpflanzen wie das Jakobskreuzkraut aus der Erde zu reißen, sowie die Böcke über Lecksteine mit Mineralien und Salzen zu versorgen. Zudem kümmert sich der Schäfer zusammen mit seiner Tierärztin bei Bedarf auch um kranke Schafe. „Das können wegen der Ansteckungen schon mal 100 Schafe gleichzeitig sein.“

Doch spätestens, wenn er den kleinen Siggi mit dem Überbiss und den wegen seiner schönen Fellfarbe „Caramelo“ getauften Schafsbock krault, den er als Lamm mit gebrochenem Bein entgegen jeder Vernunft gesund gepflegt hat, wird klar: Ben Klepp ist angekommen.

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