E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Kleine Dame im Tigerparadies

Von Die junge Tigerdame Cara hat sich gut eingelebt: Seit Juli lebt sie im Wildgehege im Tierheim Rüsselsheim. Sie soll später in den „Lionsrock Park“ nach Südafrika ziehen.
Das Großkatzengehege zieht regelmäßig Besucher an, die einem sibirischen Tiger mal ganz nahe sein wollen. Bilder > Das Großkatzengehege zieht regelmäßig Besucher an, die einem sibirischen Tiger mal ganz nahe sein wollen.
Rüsselsheim. 

Im Alter von neun Monaten frisst sie bereits täglich vier Kilogramm Fleisch. Um es zu ergattern, ist die junge Dame trotz ihres zarten Alters sehr berechnend. Gezielt lässt sie ihren Charme spielen, schmust stundenlang mit ihrem Pfleger Harald Konrad vom Tierheim in Königstädten und leckt ihm sogar die Hände ab, um ihr Futter in die Klauen zu bekommen. Die Tigerdame Cara hat sich seit ihrer Ankunft im Juli (wir berichteten) im einzigen Raubtiergehege eines Tierheims in Deutschland gut eingelebt.

Als „Angela“ war das Tigermädchen am 12. Juli gekommen, nachdem es bei einem Privatmann bei Mailand beschlagnahmt worden war. Er hatte nicht einmal Papiere für das Tier. Als „Cara“ lebt der sibirische Tiger nun weiter. Der Grund für die Umbenennung war laut Claudia Vietmeier-Kemmler, Vorsitzende des Tierschutzvereins, im Sommer das Motto: „Neues Leben, neuer Name“.

Cara ist einer der weltweit weniger als 300 und stark vom Aussterben bedrohten Tiger. 13 Arten gab es einst. Jetzt sind nur noch sibirische und bengalische, Sumatra-Tiger, südchinesische, indonesische und Malayen-Tiger übrig.

In den ersten drei Tagen nach ihrer Ankunft in Königstädten entließ Konrad die Tigerdame, die er mit seinem Sohn Martin betreut, nicht ins Freigehege. Denn zunächst musste sie lernen, dass es nur im Raubtierhaus Futter gibt. Danach öffnete sich erstmals der Schieber, und Cara durfte auch den mit Bambus und Krüppelweiden bepflanzten Außenteil erkunden. Konrad hätte nicht gedacht, dass sich das Tier so rasch eingewöhnen würde. Wegen der Geräuschkulissen von der benachbarten Autobahn und auch des Hundegebells im Tierheim hatte er zunächst Bedenken.

Harald Konrad kümmert sich täglich von 16 Uhr an als Ersatzmama für einige Stunden persönlich um das Tier. Tagsüber wird es vom Personal der Einrichtung nach draußen gelassen. Es bedarf schon einiger Fantasie, die Großkatze täglich neu zu beschäftigen. So hat sie ihre Vorliebe für eine Bowlingkugel entdeckt, die das verspielte Tier gerne im Galopp um die Pflanzen treibt, aber auch für leere Kartons.

 

Mit Gewürzen verwöhnen

 

Nichts scheint Cara mehr Freude zu bereiten, als ein leerer Karton. Gelegentlich wirft Konrad einen aus dem Raubtierhaus in das Gehege. Es tut dumpfe Schläge der riesigen Pranken auf dem leeren Karton als Resonanzkasten, wenn sich Cara darauf stürzt, ihn durch die Luft wirbelt, ihn traktiert und schließlich genüsslich zerfetzt. Ist der Tiger abends dann wieder eingesperrt und frisst, kann Konrad die Brocken im Raubtiergehege einsammeln und entsorgen.

Gerne würde er seinen Schützling auch mit Gewürzspuren verwöhnen – wie einst die beiden Tigerdamen Natascha und Gandhi, die im vorigen Sommer in das Großkatzenrefugium „Lionsrock Park“ nach Südafrika gekommen sind. Aber noch hat Cara trotz umfangreicher Versuche keine Duftmarke für sich entdeckt. Konrad hatte probiert, sie für Gewürze, Rasierwasser und Deos zu interessieren, jedoch hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. Dafür planscht die junge Tigerdame ab und zu in einem kleinen Becken. Es ist so winzig, dass sie gerade mal ihren Bauch oder ihren Rücken hinein tunken kann, um sich eine weitere Abwechslung zu verschaffen.

Wenn Konrad am Nachmittag im Tierheim eintrudelt, führt sein erster Weg zu „seinem Mädchen“. Es erwartet ihn bereits ungeduldig am Zaun. Kaum hat es seinen Pfleger erblickt, stellt sich das mit etwa 100 Kilogramm noch lange nicht ausgewachsene Tier voller Vorfreude auf die Hinterpfoten und setzt seine Vorderpfoten auf eine etwa 1,20 Meter hohe Mauer. In diesen Momenten können Beobachter die Pracht des Tieres bewundern.

Nervös schlendert Cara in Erwartung ihrer Spielstunde am Zaun entlang. Konrad holt eine Decke, platziert sie vor dem Zaun und kniet sich darauf. Auch ein Tier braucht Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe, die Konrad seinem Mädel durch den Zaun hindurch zu schenken versteht. Nur durch ihn getrennt schmiegt Cara immer wieder ihren großen Kopf an den ihres Pflegers, reckt ihm ihre Pfoten entgegen und wirft sich mit tiefem Brummen auf den Rücken und spielt. Es ist ein Genuss, den beiden zuzuschauen.

 

Faucht futterneidisch

 

Ist genug gespielt, zeigt Konrad dem Tiger eine leere, viereckige Schale aus Metall. Cara erkennt, dass nun das Fressen naht – die einzige Mahlzeit, die sie pro Tag erhält. Der Pfleger verschwindet und kommt kurz darauf mit vier Kilo rotem Fleisch zurück – Wild, Pferd oder Rind. Schweinefleisch dürfen Tiger nicht fressen, weil es Stoffe enthält, die ihrem Immunsystem schaden. Rasch gibt Konrad noch einen Esslöffel Pulver über das Fleisch, das Mineralien, Vitamine und Ballaststoffe enthält, die Tiger in der freien Wildbahn normalerweise mit Innereien zu sich nehmen.

Er platziert die Schale im Raubtierhaus. Cara wartet schon ungeduldig. Nachdem sich der Schieber geöffnet hat, stürzt sie sich über ihr Fleisch her und faucht nun futterneidisch jeden in ihrer Nähe an – sogar Konrad. „Wenn sie ihr Fressen hat, bin ich abgeschrieben“, sagt er.

Noch ist Cara so jung, dass sie sogar noch einen Milchzahn hat. Laut Konrad wächst die Tigerdame bis zu ihrem dritten Lebensjahr und wird dann etwa 300 Kilo wiegen. Dann wird sie geschlechtsreif sein.

Konrad vermutet, dass Cara noch etwa neun Monate im Tierheim bleibt. Sie ist Eigentum der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, die – wie bei Natascha und Gandhi – den Transport in den „Lionsrock Park“ organisiert und finanziert. Zunächst jedoch müssen alle erforderlichen Dokumente beantragt und genehmigt sein. Zoos nehmen die beschlagnahmten Tiger wegen fehlender Besitzstandspapiere nicht auf.

Wer möchte, kann im Tierheim eine Tigerpatenschaft für 10 Euro monatlich oder einmal 30 Euro abschließen. Jeder Pate erhält ein eigenes Paten-Vorhängeschloss, in das sein Name eingraviert wird und das neben bereits anderen am Zaun des Tigergeheges befestigt wird.

Zur Startseite Mehr aus Kreise Offenbach/Groß Gerau

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen