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Pfarrer Matthias Loesch: Sein Haus stand allen offen

Von Vor 38 Jahren kamen Matthias und Jutta Loesch nach Neu-Isenburg und wussten sofort: Hier wollen wir bleiben. Nun wird Pfarrer Loesch in den Ruhestand verabschiedet.
Pfarrer Matthias Loesch an seinem Arbeitsplatz im Pfarrhaus – mit Gustav Adolf im Rücken. Foto: Leo F. Postl Pfarrer Matthias Loesch an seinem Arbeitsplatz im Pfarrhaus – mit Gustav Adolf im Rücken.
Neu-Isenburg. 

Pfarrer Matthias Loesch von der evangelisch-reformierten Gemeinde Am Marktplatz hält am morgigen Sonntag seinen letzten „offiziellen“ Gottesdienst. Danach wird er von der Pröpstin des Kirchenbezirks „Starkenburg“, Karin Held, sowie von Dekan Reinhard Zincke (Langen) als Pfarrer der Gemeinde verabschiedet. Den Kasualiendienst übernehmen dann insbesondere Pfarrerin Silke Henning und Mechthild Dietrich-Milk von der evangelischen Johannesgemeinde. Der Kirchenvorstand der Marktplatzgemeinde, der gemäß den reformierten Kirchengemeinden selbst über eine künftige Pfarrerin oder einen künftigen Pfarrer entscheiden kann, will sich mit der Neubesetzung der Pfarrstelle erst einmal Zeit lassen.

Spontane Entscheidung

Als Matthias Loesch nach mehreren abgeschlossenen Studiengängen jung und dynamisch – das dynamisch ist bis heute geblieben – und seine Frau Jutta auf der Suche nach einer Pfarrstelle waren, kamen sie am ersten Advent 1979 zum Adventsgottesdienst in die evangelisch-reformierte Gemeinde Am Marktplatz in Neu-Isenburg. „Wir haben damals beide gesagt: Das ist es!“, berichtet Pfarrer Matthias Loesch von der damals spontanen Entscheidung. Zur Auswahl standen noch eine Pfarrstelle in Dietzenbach und die Erasmus-Alberus-Gemeinde in Sprendlingen. „Aber für uns stand fest, wenn man uns hier will, dann bleiben wir“, betont Loesch.

Was aus dieser Entscheidung geworden ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Pfarrer Matthias Loesch ist zu einer Institution geworden, die sich auf vielen gesellschaftlichen Ebenen in besonderer Weise eingebracht hat. Gleiches gilt auch für Jutta Loesch, die insbesondere nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst alles andere als in den Ruhestand gegangen ist. Während Matthias Loesch sich nicht nur in seiner Gemeinde und nicht nur in Neu-Isenburg, sondern weit über die Grenzen der Hugenottenstadt hinaus engagiert hat – als Beispiel sei nur der Vorsitz des Gustav-Adolf-Werks über 26 Jahre genannt –, hat Jutta Loesch mit ihren Projekten „Nähen und Deutsch lernen“ oder “… täglich Brot für Beregovo“ ebenfalls Beachtliches für die Gesellschaft geleistet.

Nun ist jenes eingetroffen, was gemäß evangelischem Kirchengesetz vorgesehen ist, aber für Pfarrer Matthias Loesch dennoch etwas Plötzliches hat. „Ich habe es ja lange genug gewusst, aber ich kann es mir immer noch nicht vorstellen. Aber ich muss mich – und werde es auch – damit arrangieren“, gibt Loesch zu. Fehlen werden ihm vor allem die „Kasualien“, von den Taufen über die Konfirmation, Eheschließungen bis hin zu den Beerdigungen. „Da ist so viel Menschliches auf mich zugekommen, und das soll jetzt plötzlich vorbei sein?“, fragt er sich – und sicherlich nicht nur er. „Was soll ich machen, wenn jemand, den ich konfirmiert habe, nun von mir getraut werden will?“, gibt Loesch zu bedenken. „Es ist klar, die Gesetze gelten auch für mich und ich werde mich daran halten“, so Matthias Loesch.

Vorübergehende Lösung

Ganz wichtig für den Pfarrer war immer, dass die evangelisch-reformierte Gemeinde ein offenes Haus war. So bot er nicht nur der chinesischen christlichen Gemeinde und der eritreischen christlichen Gemeinde an, ihre Gottesdienste im Gemeindehaus der Marktplatzgemeinde zu feiern, sondern auch der Ahmadiyya-Gemeinde, ihre Gebetsstunden dort abzuhalten. „Das hat mir so manche Schelte eingebracht, aber für mich waren dies in erster Linie Mitmenschen, die in Gemeinschaft zu ihrem Glauben stehen wollten“, begründet Pfarrer Loesch seine Entscheidung.

Auch die Erwachsenenbildung war für ihn ein wichtiger Baustein der Gemeindearbeit. Dem „Enzyklopädisten“, wie er sich selbst ob seines umfangreichen Wissens bezeichnet, war es leicht gefallen, durch seine vielfältigen Beziehungen namhafte Referenten in die Gemeinde zu holen. Dieselbe Offenheit, die für das Gemeindehaus galt, war auch für das Pfarrhaus selbstverständlich. Dort weilten als Gäste nicht nur ein jüdischer Bischof, sondern auch ranghohe Geistliche aus Tschechien, Rumänien oder Usbekistan.

Doch damit sollte dann plötzlich Schluss sein, denn mit dem Ausscheiden aus dem Kirchendienst sollte die Pfarrersfamilie auch das Pfarrhaus verlassen. Dies führte zu Irritationen, denn Matthias Loesch wollte aus diesem Grunde mit seiner Frau Jutta die Hugenottenstadt verlassen. Für Neu-Isenburgs Bürgermeister Herbert Hunkel ein Unding, will er doch „die Loeschs“ gerne für seine Integrationsarbeit in Neu-Isenburg behalten. Mittlerweile zeichnet sich eine vorübergehende Lösung ab. Hunkel setzte sich dafür ein, dass Matthias und Jutta Loesch zumindest so lange im Pfarrhaus bleiben können, bis die drei Kita-Gruppen des Vereins „Känguruh“ aus dem inzwischen entwidmeten Pfarrhaus „An den Schulwiesen“ in das jetzt neu zu errichtende Kita-Gebäude im Neubaugebiet Birkengewann umgezogen sind. „Ich würde uns so gerne noch ein letztes gemeinsames Nest bauen, solange ich noch die Kraft dazu habe“, sagt Jutta Loesch – etwas melancholisch.

Für seine letzte Kasualienhandlung, den Gottesdienst am ersten Advent, hat Pfarrer Loesch durchsetzen können, den für ihn „weltlichen Akt“ der Verabschiedung erst nach dem Ende des Gottesdienstes durchzuführen. „Der Gottesdienst war mir immer heilig, und das war auch mein letzter großer Wille zu meiner Verabschiedung“, betont er.

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