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Sein Leben reicht für ein Buch

Von Erinnerungen sind etwas Kostbares. Eine Methode sie zu bewahren ist sie aufzuschreiben. Genau das tat der Dreieicher Helmut Schinzel.
Im Geheimen geschrieben, dann aber doch veröffentlich: Helmut Schinzel und sein Buch.	Foto: Nicole Jost Im Geheimen geschrieben, dann aber doch veröffentlich: Helmut Schinzel und sein Buch. Foto: Nicole Jost
Dreieich. 

Jeder Mensch hat eine Heimat. Doch was geschieht, wenn sie ihm genommen wird? Der Dreieicher Helmut Schinzel hat im vergangenen Jahr aufgeschrieben, was tausende Menschen in den Nachkriegsjahren wohl ähnlich erlebt haben. Mit seinen inzwischen weißen Haaren sitzt der 84-Jährige in seinem Dreieichenhainer Heim und hält sein Buch "Jugend, Krieg und Heimat(en)", das im Oktober dieses Jahres im Götzenhainer Medu Verlag erschienen ist, in den Händen. "Hessen, das ist nach einer langen Odyssee meine neue Heimat geworden", sagt der Autor, der seit 60 Jahren in Hessen und seit 55 Jahren in Dreieichenhain wohnt, mit einem sympathischen Lächeln.

Helmut Schinzel erzählt in seinem Buch auf fast 200 Seiten, wie er als 14-Jähriger das Sudetenland, wo er eine glückliche Kindheit verbrachte, verließ, um in Leipzig an der Fliegertechnischen Hochschule eine Ausbildung zum Flugzeug-Elektromechaniker zu beginnen. Als Militärschüler erlebte er den Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende ihm die Gefangenschaft in Sibirien drohte. "Aber ich bin ausgebüchst", grinst Schinzel. Dabei machten sich seine Tschechischkenntnisse bezahlt, und er konnte in seinen Heimatort zurückkehren.

Schreibantrieb

Dort war aber nichts mehr, wie es vor seiner Abreise gewesen war. Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen, und die Familie Schinzel erhielt wie viele andere auch den Aussiedelbescheid. Der Weg führt die Familie nach Nordhessen. Doch das ist für Schinzel keine Ankunft, sondern eher der Beginn einer langen Suche nach der wahren Liebe, nach dem beruflichen Erfolg und einem eigenen Zuhause, die er in seinem Buch lebendig beschreibt.

Das Buch zu veröffentlichen sei ihm ein inneres Bedürfnis gewesen, erklärt der Dreieicher. "Alte Männer", sagt er mit einem Schmunzeln, "unterhalten sich sehr gerne über die Vergangenheit." Doch es gebe nicht mehr viele Gesprächspartner, die ähnliche Geschichten erlebt haben. Viele Freunde und Bekannte seien nicht mehr am Leben, andere wohnen weit entfernt. "Das Wissen in mir sollte nicht verloren gehen", schildert er seine Motivation. Deshalb fasste er den Entschluss, sein Leben aufzuschreiben. Ein großer Antrieb sei seine Tochter Erika gewesen. Sie ist inzwischen 60 Jahre alt und lebt in Kanada. Helmut Schinzel hat sie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen.

Sportler des Jahres

Zunächst hielt er seine literarische Tätigkeit geheim. Er setzte sich nur nachts an den Schreibtisch. "Ich kann nicht mehr so lange im Bett bleiben. Da habe ich zu meiner Frau gesagt, dass ich im Fernsehen Boxen schaue. In Wirklichkeit aber habe ich an meinem Buch gearbeitet." Seine Frau Elli sollte es also zunächst auch nicht erfahren, dass er schrieb. Selbstverständlich hat sie das fertige Werk inzwischen gelesen und lobte ihren Ehemann: Das Erstlingswerk sei "flüssig geschrieben und sehr kurzweilig".

Schinzel lässt die Leser an seiner von vielen Schicksalsschlägen begleiteten Lebensgeschichte teilhaben. Trotz aller Probleme ist ein sehr sympathischer, humorvoller und nach vorne schauender Mensch zwischen den Zeilen zu erkennen, der sich nicht von Äußerlichkeiten unterkriegen lässt.

Inzwischen fühlt er sich längst in Dreieich angekommen, ist durch und durch Dreieichenhainer und sieht die Stadt als sein Zuhause. "Ich bin in vielerlei Hinsicht hier integriert", so Schinzel. Er war der Sportler des Jahres 2000, fünf Jahrzehnte lang Mitglied des Sportvereins Dreieichenhain und absolvierte bisher 48 Mal erfolgreich das Sportabzeichen.

Auch heute noch treibt er viel Sport, macht Gymnastik und geht seinem großen Hobby, dem Radfahren, nach. "Wenn ich kann, fahre ich bei der Radrundfahrt des ADFC mit", sagt der sportliche Dreieicher. Weitere schriftstellerische Pläne hat er derzeit nicht, aber dafür ein Ziel: "Ich möchte gerne das 50. Sportabzeichen absolvieren."

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