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Vierbeiner: Selbst ernannte "Tierschützer" stehlen Hirtenhündin Sam

Von An Hirtenhündin Sam scheiden sich die Geister: Die einen sind der Meinung, das Tier werde vernachlässigt und nicht artgerecht gehalten. Die anderen finden das übertrieben. Nun gipfelte der Fall in einer "Entführung".
Sam ist wieder zu Hause, Onur Bahtiyaroglu (links) hat den Hund mit Alpay Köksoy am Donnerstagmorgen von der Polizeistation abgeholt. Sam ist wieder zu Hause, Onur Bahtiyaroglu (links) hat den Hund mit Alpay Köksoy am Donnerstagmorgen von der Polizeistation abgeholt.
Dreieich. 

Sam ist sichtlich froh, wieder in ihrem Zuhause anzukommen. Schwanzwedelnd trabt die junge Hündin durch die Villa, schnurstracks in den Garten. Dort schnappt sie sich ein zerkautes Tau und rennt eine Runde am Zaun entlang, um sich danach vor ihrer Hundehütte auf der überdachten Terrasse niederzulassen. Hinter der Akbas-Hündin, eine Untergruppe der türkischen Hirtenhunderasse Kangal, liegt ein aufregender Vormittag. Unbekannte hatten den Hund am Morgen von dem Grundstück Am Geißberg in Götzenhain mitgenommen und Sam vor dem Tor der Firma Efis in Dreieichenhain an der alten Schule angebunden. An der Tür kleben zwei Zettel, „Help“ und „brauche Fürsorge“ stehen darauf geschrieben. Britta Klein, Mitarbeiterin von Efis, findet die Hündin und nimmt sich ihrer an. „Sie hat sich gefreut, mich zu sehen. Sie war freundlich, nahm das Leckerli, das ich für sie besorgt habe, an. Sie wirkte nicht verstört, übermäßig hungrig, gequält oder ungepflegt. Sie ist verspielt und wollte direkt mit mir ins Haus. Sie sieht eben aus, wie ein Hund, der draußen lebt.“ Britta Klein verständigt die Polizei, und Sam wird mit auf die Wache genommen.

In den Urlaub gefahren

Was wohl aussehen sollte, als hätte sich jemand eines unliebsamen Hundes entledigt, war offenbar vielmehr die Tat eines eigenmächtigen Tierschützers, der den Hund „retten“ wollte. Sam ist in der Dreieicher Facebook-Community inzwischen eine kleine Berühmtheit. Mehr als 350 Kommentare erzeugte ein inzwischen gelöschter Post vom vergangenen Wochenende, wonach sich endlich jemand des armen, vernachlässigten Hundes annehmen müsse. Ja, der Hund lebt auf dem Götzenhainer Villengrundstück draußen, und ja, der Garten ist reichlich verwildert, einfach noch nicht angelegt. Und was auch stimmt: Die Besitzer von Sam, eine dreiköpfige Familie, sind in den Urlaub gefahren und haben den Hund alleine gelassen. „Aber mein Vater war jeden Tag hier, hat den Hund gefüttert und war mit ihr draußen“, sagt Onur Bahtiyaroglu, der entsetzt über den Hundediebstahl ist.

Er ist der Bruder der Hundebesitzerin und musste aus Büttelborn kommen, um Sam bei der Polizei abzuholen. Er gibt der Hündin erst mal etwas zu fressen und streichelt ihr liebevoll den Kopf. „Es gibt schon länger Ärger wegen des Hundes. Die Leute beschimpfen meine Schwester, dass sie sich nicht um ihn kümmert. Aber das stimmt nicht. Der Hund ist ein Familienmitglied. Ja, sie lebt draußen, aber sie hat eine Hundehütte und sie geht Gassi. Sie spielt mit meiner Nichte, die gerade erst ein Jahr alt ist“, sagt der junge Mann.

Eigenmächtiges Handeln

Beim Dreieicher Tierschutz ist Sam schon bekannt. „Ich kenne die Hündin“, sagt Uschi Heil, Vorsitzende des Vereins Artgerecht und des Tierheims. „Wir hatten sie als ganz jungen Hund mal im Tierheim. Sie war von dem Grundstück weggelaufen.“ Heil findet es auch nicht schön, dass Sam alleine Zuhause bleiben muss, wenn die Familie verreist. Eine Versorgung mit Futter und Wasser hält sie nicht unbedingt für ausreichend für einen jungen, agilen Hund, der Ansprache brauche. Was Heil aber aufs Schärfste verurteilt, ist das eigenmächtige Handeln selbst ernannter Tierschützer, die den Hund einfach von einem Grundstück stehlen. Auch der Facebook-Shitstorm geht ihr auf die Nerven. „Natürlich ist es nicht optimal, aber der Hund ist nicht in Not. Wir haben ganz andere Fälle, in denen Hunde kaum Tageslicht sehen, das ist viel schlimmer“, sagt Heil.

Eine Nachbarin sieht es nicht ganz so: „Wir haben den Hund mit Futter und Wasser versorgt, und es gab auch immer wieder Anzeigen beim Veterinäramt“, sagt die Götzenhainerin. Sam habe eine vereiterte Backe und ein entzündetes Auge gehabt, um das sich erst gekümmert worden sei, als es eine Anzeige gab. Außerdem habe sie die Hündin von einem bereits ins Fell eingewachsenen Halsband befreit. „Der Hund wird nicht gequält. Aber es ist keine artgerechte Haltung für solch einen Hund“, moniert sie.

Dem Ordnungsamt in Dreieich und dem Veterinäramt des Kreises Offenbach ist der Fall der weißen Hirtenhündin bekannt. Es gebe derzeit keinen Handlungsspielraum, in Deutschland sei die Haltung von Hunden auf einem Außengelände mit Hundehütte erlaubt, und das Tier sei in einem guten Zustand.

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