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Interview: Start mit flauem Gefühl im Magen: Wurzeln und Entwicklung des Weltladens

Was heute in der Hugenottenstadt als Erfolgsgeschichte gilt, begann mit holprigem Start und ungewisser Perspektive. Rosmarie See, Leiterin des Weltladens in der Lessingstraße, verrät Reporter Michael Forst, wie schwierig die Anfänge waren.
Der harte Kern des ehrenamtlichen Teams mit Rosmarie See (rechts, Leiterin), Margit Emde (Mitte) und Rita Rudolph im Weltladen. Archivbild: Postl Foto: Leo F. Postl Der harte Kern des ehrenamtlichen Teams mit Rosmarie See (rechts, Leiterin), Margit Emde (Mitte) und Rita Rudolph im Weltladen. Archivbild: Postl
Neu-Isenburg. 

Frau See, seit zehn Jahren gibt es Ihren Weltladen in Neu-Isenburg. Wie kam der Stein damals ins Rollen?

ROSMARIE SEE: In unserer evangelischen Johannesgemeinde hatten wir schon seit 1994 einen kleinen Verkaufsstand mit Kaffee, Tee, Honig und Kunsthandwerk. Aber die Hemmschwelle, in die Kirche zu gehen, um einzukaufen, ist für den normalen Käufer doch sehr groß. 2007 hatten dann einige Unterstützer des fairen Handels die Idee, ein Ladengeschäft mit fair gehandelten Waren in Neu-Isenburg zu eröffnen. Dann gründeten wir den Weltladenverein.

Zu dessen Vorsitzender Sie gewählt wurden. Dann fehlte Ihnen nur noch ein Ladenlokal . . .

SEE: Genau. Da kam uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe: Die Metzgerei Nolle baute das Gebäude gegenüber der Metzgerei um. Ausschlaggebend für die Wahl des Standortes war der kleine Platz vor dem Laden, der uns als Café dient. Mit Hilfe der GEPA (größter europäische Importeur fair gehandelter Lebensmittel und Handwerksprodukte aus südlichen Ländern, Anm. d. Red.) bestellten wir die ersten Waren und nahmen im August 2008 mit einem Fest den Betrieb auf.

Von welchen Gefühlen war der Start begleitet?

SEE: Viele haben uns gefragt: „Ob das denn gut geht? Könnt Ihr überhaupt die nächste Miete bezahlen?“ Ganz unberechtigt waren diese Fragen nicht, schließlich müssen wir jeden Monat eine Menge Geld zusammenkriegen, um unsere Kosten zu tragen. Denn der Laden wird nicht durch Spenden finanziert, sondern durch die Umsätze, die wir machen.

Was hat Sie dennoch zuversichtlich genug gemacht, um das Projekt anzugehen?

SEE: Wir hatten schon ein flaues Gefühl im Magen, ob das gut geht, was wir uns da zumuten. Aber die Hoffnung, dass es klappen könnte, überwog.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie konkret zu kämpfen?

SEE: Wir hatten aus dem Stand etwas angefangen, von dem wir prinzipiell erstmal nicht viel Ahnung hatten, etwa Finanzbuchhaltung. Dann haben wir in Nullkommanix 40 Ehrenamtliche gebraucht.

Wie haben Sie die gewinnen können?

SEE: Wir haben einfach die ersten Kunden, die in den Laden kamen, gefragt, ob sie nicht Lust haben, mitzumachen. Das hat auch geklappt. Auch wenn wir bis heute immer nach neuen Leuten suchen, die mitarbeiten wollen. Täglich arbeiten insgesamt sechs Mitarbeiter in je drei Doppelschichten von 10 bis 18 Uhr. Und gerade in der Ferienzeit brauchen wir Springer.

Wie wichtig ist die Unterstützung durch die Stadt?

SEE: Extrem wichtig. Bürgermeister Herbert Hunkel ist unser bester Werbeträger. Im Rathaus wird unser Kaffee getrunken. Auch mit Andrea Quilling von der Wirtschaftsförderung, die die Steuerungsgruppe leitet, arbeiten wir eng zusammen. Wichtig sind auch die Kooperationen mit den Kirchengemeinden, Schulen und Vereinen. Aber auch die Zusammenarbeit mit Geschäften wie der „S-Bar“, wo wir unsere Kochtreffen veranstalten.

Eine gute Vernetzung ist also entscheidend für Ihre Arbeit?

SEE: Unbedingt. Ohne sie wäre auch das Siegel „Fair-Trade-Stadt“, das auf unserer Initiative beruht, nur ein Papiertiger. Hilfreich ist, dass unsere Mitarbeiter selber in allen möglichen Organisationen aktiv sind.

Mit gutem Gewissen fair gehandelte und ökologisch nachhaltige Produkte zu kaufen, gilt gemeinhin als teuer . . .

SEE: Das ist so pauschal nicht richtig. Beim Kaffee, der von den normalen Händlern viel zu billig angeboten wird und so beim Kaffeebauer nichts mehr ankommt, trifft es zu. Andererseits: Wenn sie Kaffee in Kapseln kaufen, kostet sie das Kilo zwischen 70 und 80 Euro. Bei uns aber nur 20 Euro. Tatsächlich etwas teurer ist die Schokolade, wobei die eine Spitzenqualität hat, die nur mit teurer Markenschokolade vergleichbar ist.

Und welche Dinge sind günstiger im Weltladen einzukaufen?

SEE: Kunsthandwerkliche Produkte sind bei uns billiger, weil die ganzen Zwischenhändler wegfallen – und die Margen, die etwa Boutiquen für Geschenkartikel nehmen.

Der Weltladen ist also ein Geheimtipp für Kunden auf Geschenke-Suche. Was ist denn der Renner bei Ihnen?

SEE: Die Sonnengläser aus Südafrika. Die sehen aus wie normale Einmachgläser und haben Solarzellen auf dem Deckel. Darunter sind LED-Leuchten montiert, die mit starkem Licht die Umgebung erhellen, wenn man das Glas tagsüber in die Sonne stellt.

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