Tod auf der A 66

Der Tod des 56 Jahre alten Unterliederbachers Horst K. gestern früh beschäftigt nicht nur die Polizei. Anwohner und Sozialpfleger im Quartier Engelsruhe hatten versucht, dem psychisch kranken Mann zu helfen, doch alle Versuche schlugen fehl.
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Frankfurt. 

Warum Horst K. (56) gestern Morgen gegen 5.30 Uhr zu Fuß die A 66 betrat, ist bislang völlig offen. Auf Höhe der Aral-Tankstelle versuchte er, die acht Spuren breite Fahrbahn zu überqueren, und wurde auf der linken Spur in Fahrtrichtung Frankfurt frontal von einem Opel Corsa erfasst. Durch die Wucht des Aufpralls erlitt er tödliche Verletzungen und starb noch an der Unfallstelle. Die drei Insassen des Corsas im Alter zwischen 33 und 46 Jahren blieben weitestgehend unverletzt, standen jedoch unter Schock und wurden in ein Krankenhaus gebracht.

Autobahn gesperrt

Nach dem Unfall wurde die Autobahn gesperrt, um die Unfallstelle gefahrlos räumen zu können. Im einsetzenden Berufsverkehr bildeten sich lange Rückstaus von bis zu 13 Kilometern Länge. Wegen der Spurensicherung war die A 66 voll gesperrt. Per Verkehrsfunk wurden die Pendler aufgefordert, schon am Wiesbadener Kreuz auf die A 3 zu wechseln. Autofahrer, die schon im Stau standen, mussten Verspätungen bis zu anderthalb Stunden in Kauf nehmen – Tausende kamen zu spät zur Arbeit. Nach einer Stunde war ein Fahrstreifen freigegeben worden; die Polizei leitete den Verkehr an der Unfallstelle vorbei, bis die Spuren komplett von der Spurensicherung aufgenommen worden waren. Gegen 8.15 Uhr konnte die Sperrung wieder aufgehoben werden, und der Verkehr rollte wieder.

K. wohnte nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der er starb. Seit mehr als sechs Jahren lebte er in einer Wohnung am Cheruskerweg – der Papageiensiedlung, die als Lärmschutzriegel an der Autobahn errichtet wurde. Wie er die Autobahn erreichen konnte, ist noch nicht geklärt. Zu vermuten ist aber, dass K. den Weg zwischen Autobahn und Wohnbebauung nutzte, der normalerweise für die Feuerwehr gedacht ist. Die Spuren rund um eine Lücke im Zaun zur Autobahn deuten darauf hin, dass die Feuerwehrzufahrt des öfteren als Weg zur Tankstelle missbraucht wird: Leere Eistee-Verpackungen und Wodkaflaschen liegen auf dem Boden.

Früher teilte sich Horst K. seine Wohnung im Haus mit der Nummer 48 mit seiner Lebensgefährtin, zuletzt lebte er alleine. Immer öfter wurde er in den vergangenen Wochen und Monaten auffällig. "Da sind immer mal wieder Sachen aus dem Fenster geflogen", berichtet Horst K.s Nachbar Markus Pabst (42). Viel Kontakt habe er nicht gehabt. "Das war schwierig, weil er nicht sehr klar gesprochen hat." Gescheppert habe es in der Wohnung aber öfter, und aus dem Fenster seien eben ein ums andere Mal Glasflaschen oder auch mal eine Kaffeekanne geflogen.

In den vergangenen Tagen und Wochen häuften sich die Auffälligkeiten K.s, berichtet Sozialpfleger Oliver Göbel. "Früher hat er Müll aus den Tonnen gesammelt und bei sich im Haus verteilt", berichtet der Sozialpfleger.

Angefangen habe alles, als K.s Lebensgefährtin aus der gemeinsamen Wohnung in Unterliederbach auszog. "In den vergangenen Tagen war dann oft die Polizei hier, weil er sich auf der Spielstraße ausgezogen hatte, oder Pillen, die er im Müll gefunden hatte, an Kinder verteilen wollte. Länger festhalten, damit er keine Gefahr für sich oder andere war, konnte ihn die Polizei aber auch nicht."

Sozialpfleger Göbel und weitere Nachbarn versuchten dem augenscheinlich psychisch kranken Mann zu helfen. "Aber es war schwierig. Auf Gesprächsangebote reagierte er sehr aggressiv", berichtet Oliver Göbel.

Die Hände gebunden

Horst K. sei schon einmal für rund ein halbes Jahr in psychiatrischer Behandlung gewesen, hatte einen vom Gericht bestellten Betreuer. "Aber dem waren auch die Hände gebunden", berichtet Göbel. Aus der Klinik sei K. mit Medikamenten entlassen worden. "Die Hürden, jemanden zwangsweise einzuweisen, sind sehr hoch", weiß der Sozialpfleger. Grundsätzlich sei das auch nicht verkehrt. "Aber hier hatten wir einen Menschen, von dem jeder gesagt hat, dass er krank ist und dass man ihm helfen muss", sagt Göbel. Gefruchtet haben seine Anstrengungen in den vergangenen Wochen nicht. "Wir sind da einfach hilflos. Normalerweise heißt es immer, niemand würde bei so etwas hinsehen. Hier haben die Menschen hingesehen, aber ändern konnten sie es auch nicht." Jetzt muss sich die Polizei mit dem Tod Horst K.s beschäftigen. Zur genauen Klärung des Unfallhergangs wurde ein Sachverständiger hinzugezogen. Und auch für Sozialpfleger Göbel ist der Fall noch nicht erledigt: "So etwas darf einfach nicht geschehen." göc

(Robin Göckes)
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http://www.fnp.de/lokales/kreise_of_gross-gerau/Tod-auf-der-A-66;art688,385055
30.03.2012, 02:50
Nachbar Markus Pabst
Kreise Offenbach/Groß-Gerau

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