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Treffpunkt: Warum Mörfelden-Walldorf den Kiosk Eder liebt

Von Auf der Schwelle zum kleinen Tante-Emma-Laden in der Langstraße 45 scheint ein unsichtbarer Bannstrahl die moderne Welt mit ihren Dämonen Terminhatz, Vereinsamung und Anonymität vor der Tür zu halten. Dafür lieben die Bewohner der Doppelstadt diesen Ort – und das hat ihn zur Institution und besuchbaren Legende werden lassen. Nicht erst, seit Verkäuferin Annemarie Rügner einem Ladendieb mit der Saftflasche das Handwerk legte . . .
Ein Lächeln gibt's bei Annemarie Rügner für die Kunden gratis dazu. Foto: Michael Forst Ein Lächeln gibt's bei Annemarie Rügner für die Kunden gratis dazu.
Mörfelden-Walldorf. 

Im Kiosk Eder leuchtet die Sonne das ganze Jahr über, von früh morgens bis spät abends. Die Sonne heißt Annemarie Rügner, ist Ur-Walldorferin und 70 Jahre alt. Was ihr niemand ansieht. Wer auf ihren schlagfertigen Humor und ihr ansteckendes Lächeln als Jungbrunnen tippt, den belehrt sie eines Besseren: „Nur vom Arbeiten wird man so schön“, sagt sie und lacht.

Ein Platz für Alle

Seit über dreieinhalb Jahrzehnten arbeitet sie hier, unterstützt von Ilona Oliva, Evi Passet und Silke Semmler im Morgendienst. Ihr Kiosk ist nicht nur der Platz, wo Pendler morgens um 5 Uhr noch Zigaretten und Zeitung in die Tasche packen, um 8 Uhr Hausfrauen Kaffeefilter kaufen, am frühen Nachmittag Kinder auf dem Schulrückweg Süßigkeiten erstehen und noch später Arbeiter ihr Feierabendbier holen.

Der kleine Yannick freut sich über sein Gummibärchen-Eis. Bild-Zoom
Der kleine Yannick freut sich über sein Gummibärchen-Eis.

Der Kiosk ist auch der Hort, an dem Kinderseelen mit einem Balsam aus Lakritzschnecken und tröstenden Worten verarztet wurden, bis das Zeugnis mit den zwei Fünfen im Schulranzen etwas leichter wog. Hier ist der Hafen, an dem mancher Erwachsene nach Tod oder Trennung eines geliebten Menschen sein Herz ausschütten konnte. Und hier ist auch die Insel, auf der alte, gehbehinderte Senioren manchmal das einzige Gespräch eines langsamen Tages in einer winzig gewordenen Welt führen. „Viele ältere Menschen“, berichtet der 82-jährige Stammkunde Manfred Wagner, „finden sich in Supermärkten nicht mehr zurecht. Dort müssen sie ohne Beratung oder Hilfe große Einkaufswagen durch lange Gänge schieben.“ Im Kiosk Eder hingegen fänden sie Orientierung und die verlässliche Ordnung der Waren.

Lesebrille für die Kunden

Es sind die kleinen Details, die den großen Unterschied machen. Die beliebten Eier von freilaufenden Hühnern („Die sind unsere Renner!“), auf Paletten verstaut hinterm Tresen, bezogen von einem Bauern im Spessart. Der Haltegriff an der Seitenwand vor der Eingangstür, der älteren Menschen über die Stufe hilft. Die Lesebrille, die Annemarie Rügner für Stammkunden parat hält, die vor der Kaufentscheidung erstmal die Schlagzeilen ihrer Tageszeitung sichten wollen. „Peterchen, brauchst Du die Brille?“, ruft sie einem ergrauten Herrn zu, der mit zusammengekniffenen Augen die Titelseite der Offenbach Post studiert. „Nein, danke, da steht nichts drin heute!“, kommt die prompte Antwort.

„Ich mag alte Menschen“, sagt sie in einer ruhigen Sekunde – ruhige Minuten gibt es bei anhaltendem Kundenstrom keine an diesem Vormittag – und erzählt, wie sie schon durch ihren Großvater, der fast 103 Jahre alt wurde, viel mit Senioren zu tun hatte. Rücksicht und Zuhören lernte, Neugier auf Geschichten und lange Lebenswege.

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Auch für Kinder hat sie ein Herz: Ihr großes Süßigkeitensortiment von Mäusespeck bis zur Lakritzschnecke, in runden, durchsichtigen Kunststoffdosen feilgeboten, nennt sie „unser Highlight“. Sie beschreibt, wie Kinder jedes Mal einen besonderen Zauber in den Laden tragen: „Egal, ob hier zehn Kunden oder mehr stehen: Wenn ein Kind bei mir Süßes kauft, warten alle geduldig.“ Viele standen hier selbst schon als kleine Schleckermäuler vor der Theke – und kehren als Erwachsene immer noch gerne in den Laden zurück. „Selbst, wenn sie längst umgezogen sind“, sagt Rügner stolz, „kommen sie manchmal in ihre alte Heimat und besuchen den Kiosk ihrer Kindheit“.

Hier schlägt das Herz

99,9 Prozent ihrer Kunden, sagt Annemarie Rügner, seien liebe Menschen – „mit den restlichen 0,1 Prozent komme ich klar.“ Das hat im Jahre 1989 ein Räuber schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen: Mit einem gezielten Schlag mit einer Saftflasche auf den Kopf setzte sie den Schuft schachmatt. Der berappelte sich dann zwar wieder und floh, wurde aber später von der Polizei geschnappt.

Reinschauen lohnt sich immer – etwa für einen kleinen Plausch. Bild-Zoom Foto: Michael Forst
Reinschauen lohnt sich immer – etwa für einen kleinen Plausch.

Wenn Walldorf ein Herz hat, schlägt es hier in der Langstraße 45: Ein Herr diskutiert mit Annemarie Rügner über die umstrittene Zusammenlegung der Feuerwehren der Doppelstadt, ein älteres Ehepaar berichtet über eine gerade überstandene Lungenentzündung, die Dame von gegenüber kauft sich Torten-Guss, „weil ich heute Erdbeerkuchen für meine Familie backe“, der Inhaber des benachbarten Traditionshotel „Zum Löwen“ kauft Brötchen für das bevorstehende Meeting mit Geschäftspartnern.

Die gelernte Großhandelskauffrau kennt ihren Ort wie kaum sonst jemand, hat schon hier gearbeitet, als das schmale Haus noch ein Pelz- und Ledergeschäft beherbergte, das ebenfalls schon Herbert Eder gehörte. Doch Ende der 1970er Jahre lief es nicht mehr mit der Luxusbekleidung. Die beiden mussten umsatteln, sich neu erfinden. „Was könnte man den Menschen hier bieten?“, habe er sie damals gefragt. Sie habe geantwortet: „Essen und Trinken, das geht immer“. Und es ging tatsächlich all die Jahre. Zugegeben: Es geht schlechter, seitdem das Fachmarktzentrum Walldorf die Kunden aus der Altstadt lockt. „Wenn Herr Eder einmal aufhört,“ sagt sie, „ist endgültig Schluss mit dem Kiosk.“

Wenn sie über ihn spricht, mischt sich in Annemarie Rügners Stimme neben Bewunderung auch ein wenig Sorge um ihren Chef und Freund. Der hatte vor fünf Jahren ein Erlebnis mit Einbrechern, das schlimmer ablief als ihr eigenes: Zwei Männer überfielen an einem Sonntagabend den damals 75 Jahre alten Besitzer und ließen ihn gefesselt und geknebelt zurück. Eine Mitarbeiterin fand den hilflosen Mann in der Frühe. Doch der ließ sich nicht unterkriegen, machte weiter und schleppt bis heute regelmäßig 20, 30 Bierkästen eigenhändig vom Getränkemarkt hierher. Ein Beispiel dafür, wie sich der Kiosk durch knappe Kalkulation über Wasser halten und seinen Kunden den beliebten Preis von einem Euro pro Bierflasche erhalten kann: „Würde Herr Eder das Bier bringen lassen, könnten wir das nicht“, sagt Annemarie Rügner.

Mittagszeit. Der kleine Yannick schaut beim Nachhauseweg vom Kindergarten mit seiner Mama im Lädchen vorbei. Noch etwas schüchtern schaut er mit großen Augen zu Rügner hoch. „Also, gestern hattest Du ein Gummibärchen-Eis. Willst Du das heute wieder?“, fragt sie. Der Fünfjährige nickt und lächelt, als er sein Eis entgegennimmt. Und da steht es in seinen Augen: An diesen kleinen Glücksmoment wird sich Yannick in vielen Jahren noch erinnern. Und gäbe es dann noch den Kiosk Eder, würde er zurückkommen.

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