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Jubiläums-Singen: Chorwettstreit als Trendmesser

Zur Feier seines 125-jährigen Bestehens hat der Männergesangverein „Eintracht“ 1893 EV Erbach sich und seinen Gästen ein ganz besonderes Geschenk gemacht: Einen ganzen Tag lang konnten sie in der Katholischen Kirche in Erbach sakrale Chormusik genießen. 26 Chöre waren angetreten, sich musikalisch zu messen und von der Jury eine Wertung für ihren Gesangsvortrag zu bekommen.
Jens Röth mit seinem Männerchor „Frohe Stunde Weroth“. Sie holten mit 23,5 Punkten ein Golddiplom und bekamen einen Sonderpreis für die Interpretation eines Spirituals. Bilder > Jens Röth mit seinem Männerchor „Frohe Stunde Weroth“. Sie holten mit 23,5 Punkten ein Golddiplom und bekamen einen Sonderpreis für die Interpretation eines Spirituals.
Erbach. 

Viele Chöre kamen aus der Nähe, die weitesten Wege mit jeweils 140 Kilometern Anreise nahmen Chöre aus Sensbachtal (Odenwaldkreis) und Kronau bei Karlsruhe auf sich. In den Kategorien sangen unterschiedlich große Frauen- und Männerchöre, gemischte Chöre und auch ein kleines Männerensemble mit nur neun Sängern.

Die Wertungsrichter sind in der Region keine Unbekannten: Dion Ritten aus den Niederlanden und Michael Rinscheid aus Attendorn. Das Schöne an einem solchen Tag voller Chorgesang ist, dass man nicht nur ein breites Spektrum an sehr unterschiedlicher Chorliteratur hören, sondern auch Trends feststellen kann, welche Stücke oder Komponisten gerade angesagt sind. Klarer Spitzenreiter war in Erbach der 1972 geborene polnische Komponist Piotr Janczak. Sechsmal zu hören waren Werke von ihm, darunter dreimal sein „Kyrie“ und zweimal das „Miserere“. Dicht gefolgt vom norwegischen Komponisten Ola Gjeilo (*1978), neben dessen Stück „Northern Lights“ gleich viermal „Ubi caritas“ vorgetragen wurde. Ebenfalls gut im Rennen lagen der Litauer Vytautas Miškinis (*1954) mit vier Beiträgen sowie die beiden Deutschen Rudolf Mauersberger (1889 bis 1971) und Alwin Michael Schronen (*1965) mit je drei Stücken. Gerade so ein Wettbewerb bietet vorzüglich die Möglichkeit, das gleiche Stück von unterschiedlichen Chören mit teilweise sehr verschiedenen Interpretationen zu vergleichen. Bei vielen Chören merkte man, dass sie allein schon die Auswahl ihrer drei vorzutragenden Stücke sehr sorgfältig gewählt hatten, um sehr unterschiedliche Werke zu präsentieren und so die Vielseitigkeit des Chores zu demonstrieren. 25 Punkte konnte ein Chor maximal erreichen und sich damit ein Golddiplom ersingen. Gold gab es ab einer Punktzahl von 22.

Das gelang immerhin acht Chören. Die Tageshöchstpunktzahl mit 23,92 Punkten erreichte der größte teilnehmende Chor, der GV „Harmonie“ 1879 Bernbach aus dem Main-Kinzig-Kreis, der unter der Leitung von Matthias Schmitt mit etwa 60 Männern auf der Bühne stand.

„Inspirierend“

Den ersten Platz in der Kategorie Frauenchöre bis 35 Sängerinnen belegte mit 22,58 Punkten der Frauenchor „iNCognito“ der Sängervereinigung Saulheim und sicherte sich dafür ein Golddiplom. Nach dem Auftritt herrschte gute Stimmung in der Gruppe. Bei einem Picknick im Grünen unter Bäumen erzählt Meike Gieß, dass sie erst seit wenigen Wochen mitsingt, aber von den anderen Sängerinnen sehr gut aufgenommen wurde. „Das liegt auch an Chorleiter Michael Kuhn“, sagt sie. „Er gibt sich viel Mühe und war mir gegenüber sehr hilfsbereit.“ Die anderen Frauen rufen dazwischen: „Wir sind doch alle wegen Michael in diesem Chor.“ Eine Frau erzählt: „Michael hat einen hohen Anspruch, aber genau deshalb singen wir ja auch miteinander. Dabei kommt aber auch der Humor nicht zu kurz und das passt. Die Mischung stimmt“. In Erbach loben sie die hervorragende Organisation und sind erstaunt über die gute Akustik in der Kirche. Meike Gieß erzählt, dass sie vorher in einem gemischten Chor gesungen hat. „Das Singen jetzt in einem Frauenchor empfinde ich als sehr inspirierend“, sagt sie. „Da herrscht ein ganz spezieller Spirit, ein sehr schöner, reiner Klang. Mittlerweile ziehe ich das Singen im Frauenchor einem gemischten Chor vor.“

Der jetzige Chor hat sich aus einem großen Frauenchor entwickelt. „Einige Frauen wollten mehr machen mit einem höheren Anspruch“, schildert Michael Kuhn. „Die Literatur war ihnen zu eingefahren, sie wollten offen sein für Neues, für vielfältigen Chorgesang“. Zum Wettbewerb in Erbach sagt er: „Es gibt nicht so oft sakrale Wettbewerbe. Gerade das hat mich und auch den Chor gereizt. Das ist mal etwas ganz anderes. Auch dass es kein Pflichtstück und kaum Vorgaben gibt, war sehr gut.“

Mit Applaus überschüttet

Mit Applaus förmlich überschüttet wurde das nur neun Sänger zählende Ensemble „Principium Canti“ aus Lindenholzhausen. Wäre es kein Wettbewerbsauftritt gewesen, hätten sie eine Zugabe geben müssen. „Wir sind Freunde, die gerne singen“, bringt es Nik Giehl auf den Punkt. Die jungen Sänger haben sich im vergangenen Jahr zusammengetan. „Angefangen hat es mit Ständchen zum Geburtstag oder einem Singen im Altenheim“, erzählt Nik Giehl. Nach zwei Konzerten war dies ihr erster Wettbewerb.

Der kleine Chor sang außerhalb der Wertung. „Punkte sind uns nicht wichtig“, sagt Nik Giehl. „Wir werden ein Gespräch mit den beiden Juroren haben. Darin wollen wir erfahren, wie wir uns verbessern und weiterentwickeln können“. Die Sänger proben projektbezogen, suchen ihre Stücke gemeinsam aus und wollen sich von unterschiedlichen Chorleitern coachen lassen. Nik Giehl betont: „Es soll einen gewissen Anspruch haben, aber trotzdem locker bleiben.“

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