Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Hospiz Hadamar: Das letzte Weihnachtsfest

Es ist das erste Weihnachtsfest im neuen Hospiz in Hadamar – und für die Bewohner wahrscheinlich das letzte in ihrem Leben.
Hadamar. 
Der Baum ist geschmückt, Lucia Goll, Antje Ulrich, Hospiz-Bewohner D. und Daniela Stahlheber (von links) freuen sich auf das Weihnachtsfest.	Foto: Brendgen Bild-Zoom
Der Baum ist geschmückt, Lucia Goll, Antje Ulrich, Hospiz-Bewohner D. und Daniela Stahlheber (von links) freuen sich auf das Weihnachtsfest. Foto: Brendgen

„Natürlich feiern wir Weihnachten. Es gibt Ente, Rotkraut und Knödel – ganz klassisch!“, sagt Lucia Goll. Gekocht wird in der neuen Küche und vom hauseigenen Personal. Und einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum gibt es auch. Mitessen dürfen alle, die gerade da sind – Bewohner, deren Angehörige, Mitarbeiter. Lucia Goll ist Leiterin des kürzlich eröffneten Hospizes in Hadamar. Die Menschen, die in diesen Tagen hier ihre kranken Angehörigen besuchen, wissen, dass der endgültige Abschied naht. Und die Hospiz-Bewohner selbst wissen auch, dass dieses Weihnachten wohl ihr letztes sein wird. Sowohl die einen als auch die anderen befinden sich bereits in einem Trauerprozess, stellt Lucia Goll fest.

Es fällt nicht leicht, sich diesen Gegebenheiten auszusetzen. Doch die herzliche Lebendigkeit der Leiterin hilft mir dabei, mich dem Tabu-Thema Tod zu nähern. Auch – oder besser gerade in dieser „segensreichen“ Weihnachtszeit. Alle freuen sich auf die Geburt des Herrn, und hier wird gestorben. „Ausgerechnet vor Weihnachten, wie schlimm!“ Wie oft hat man selbst schon so gedacht, wenn einen die Nachricht vom Tode eines Menschen in dieser Zeit ereilt. Aber „Weihnachten ist vor allem das Fest der Hoffnung“, so Lucia Goll, „und wir wollen im Hospiz hoffnungsvolle Stimmung verbreiten – und dabei helfen uns und den Bewohnern spirituelle Gedanken.“

Während der Unterhaltung betritt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin den Raum, sie begleitet einen Bewohner, der auf dem angrenzenden Balkon eine Zigarette rauchen will. Hier gibt es keine Verbote oder Einschränkungen, was die Wünsche oder Vorlieben unserer Bewohner betrifft, kommt Lucia Goll meiner Frage zuvor. Ein Glas Wein oder Bier zum Essen, ein bestimmtes Lieblingsgericht – alles wird getan, um „im Hier und Jetzt Inseln zu schaffen, um Freude, Gemütlichkeit oder Spaß zu haben“, beschreibt Lucia Goll das Bemühen der Hospiz-Mitarbeiter um die Bewohner und deren Angehörigen. Dazu gehört auch, für den Partner ein zweites Bett in das Zimmer zu schieben, damit man die vielleicht letzte Nacht miteinander verbringen kann. Oder auch ein Matratzenlager für die sieben Kinder der alleinerziehenden, im Sterben liegenden Mutter aufzuschlagen.

Alles wird möglich gemacht, und für jeden wird sich Zeit genommen. Und zwar genau so viel, wie es braucht, den Bewohnern Würde und Lebensqualität zu geben. Die Personaldecke im Hospiz ist optimal. Zeit für ein Gespräch, erleichternde Massagen mit wohltuenden Ölen oder einfach nur die Hand halten – wenn es sein muss stundenlang: Hier muss niemand hetzen, um irgendwelche Vorgaben zu erfüllen.

 

Keine Schmerzen

 

„Viele Menschen, die zu uns kommen, blühen richtig auf. Sie werden sterben, aber es kann ihnen trotzdem dabei gut gehen“, bringt es Lucia Goll auf den Punkt. Gut gehen heißt natürlich auch, keine Schmerzen zu haben. Dafür tragen Ärzte, Schmerz- und Palliativspezialisten, die das Hospiz betreuen, Sorge. Jeder Patient bekommt genau die Medikamente, die ihm jegliche Schmerzen nehmen und damit seine Würde geben.

Früher wurde zu Hause gestorben – dieses früher ist allerdings lange her. Die Hospiz-Bewegung gibt es seit knapp 30 Jahren. Ziel war es damals schon, den Tod „aus den Abstellkammern und Bädern der Krankenhäuser wieder herauszuholen ins Leben“, erläutert Goll. Natürlich ist es erstrebenswert, einen Schwerstkranken im Kreise der Familie sterben zu lassen. Aber nicht immer ist die nötige Kraft oder auch Kenntnis für die pflegerischen Maßnahmen vorhanden. Das Hospiz bietet die Chance, den Angehörigen die Last zu nehmen, damit mehr Freiraum für das menschliche Miteinander und Zeit für das Abschiednehmen bleibt. Darüber hinaus finden auch die Angehörigen hier Zuspruch, Trost oder praktische Hilfe, entweder von den Mitarbeitern oder den Seelsorgern.

Was unterscheidet Hospiz-Mitarbeiter von anderen Menschen? Eine spontane Frage, auf die Pflegerin Christine Ryder spontan antwortet: „Sie sind besonders kreativ.“ In der Tat hat nahezu jede in dem zwölfköpfigen Team eine „künstlerische“ Ader. Vielleicht könnte man das so erklären: Einerseits hilft die Kreativität dabei, sich auf die unterschiedlichen Menschen einzustellen und sich in ihren schwersten Stunden auf sie einlassen zu können. Andererseits hilft die eigene Kreativität dabei, sich selbst wieder zurückzuholen, was man von ganzem Herzen gegeben hat.

Christine Ryder bestätigt diesen Erklärungsansatz. Sie liebt ihre Arbeit, genießt die Intensität und das Zusammensein mit den Bewohnern. Wie gerne erinnert sie sich an die Patientin, mit der sie gemeinsam das Fotoalbum angesehen hat und mit der sie zusammen so herzlich lachen konnte. Andererseits hat sie – ebenso wie Lucia Goll – keinerlei Hemmungen davor zu sagen: „Natürlich wird auch geweint bei uns. Aber durch den Zusammenhalt und das gemeinsame Erleben helfen wir uns gegenseitig.“

Zum Abschied führt mich Lucia Goll durch die Räume des Hadamarer Hospizes. Ich kenne den Gang, hier habe ich vor Jahren meine Tochter geboren. Auch heute hört man Kinderstimmen; aus der offenen Tür eines Zimmers kommt ein Kleinkind gelaufen, der Vater hinterher. „Kinder können Trauer meist viel besser bewältigen als Erwachsene“, sagt Lucia Goll. Vorausgesetzt, man redet mit ihnen offen darüber. Im Übrigen gehört zum Personalstamm auch eine Kinderpsychologin, die bei Problemen weiterhelfen kann. Die Flure sind lang, der Krankenhauscharakter lässt sich trotz der liebevollen Gestaltung mit Bildern, weihnachtlichen Gestecken und Kerzenlicht nicht leugnen.

Die Zimmer sind geräumig, ein Bild an der Decke über dem Bett sorgt für „bunte“ Augenblicke und dient gleichzeitig als Schirm für eine angenehme Beleuchtung. Das Bad ist auf seine funktionale Art sehr schön, großzügig und behindertengerecht. Ein bewohntes Zimmer betreten wir nicht.

 

Traurig – und schön

 

Der geschmückte Weihnachtsbaum strahlt im Flur mit den Kerzen um die Wette. Ruhig ist es, im Hintergrund sanfte Musik, ein Angehöriger hat im Sessel vor dem Zimmer seines Vaters Platz genommen. Antje Ulrich arbeitet seit vier Wochen im Hospiz und ist sich sicher, dass sie genau die richtige Stelle gefunden hat. An Heiligabend hat sie Spätdienst. Ob der Gedanke, dass genau dann ein Bewohner stirbt, nicht doch etwas bedrückend sei? „Wenn der Zeitpunkt da ist, ist er da. Der Tod hält sich nicht an Termine. Und ausgerechnet am Heiligen Abend seinen Frieden zu finden, ist doch ein durchaus versöhnlicher Gedanke“, so die gelernte Altenpflegerin.

Alle Hospiz-Bewohner erhalten als Weihnachtsgeschenk ein Teelicht in einem Porzellan-Gefäß. Am Nachmittag gibt es gemeinsam mit den Angehörigen ein gemütliches Kaffeetrinken, zwei junge Musikerinnen mit Querflöte und Saxophon – die Töchter einer der Pflegerinnen – haben sich angekündigt und werden Weihnachtslieder spielen.

Es ist traurig, dass die, die dann beieinander sitzen, so nie wieder zusammenkommen werden – aber es ist sehr schön, dass alle dieses Weihnachten so „erleben“ konnten. Und es ist großartig, dass es Menschen gibt, die derart „für das Leben arbeiten“, wie es Lucia Goll gerne nennt.

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse