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Ein Schuss und seine Folgen

Von Am 27. November vergangenen Jahres traf den Friesenwallach "Ludse" eine Kugel. Das Tier brach tot zusammen. Für den Jäger wird der Schuss strafrechtlich ohne Folgen bleiben. Er darf weiter auf die Jagd gehen, die zuständige Behörde geht von einem Unfall aus. Dennoch muss der Jäger vor Gericht erscheinen. Er und seine Versicherung stehen in einem Prozess um Schadensersatz dem Eigentümer des Pferdes gegenüber.
Das war "Ludse", ein stattlicher Wallach, der von einem Jäger irrtümlich erschossen wurde. Das war "Ludse", ein stattlicher Wallach, der von einem Jäger irrtümlich erschossen wurde.
Limburg-Weilburg. 

"Ludse", ein schwarzer Wallach mit einem stolzen Stockmaß von 1,60 Meter, war Stella Abel ans Herz gewachsen. Sie ist noch heute traurig über den Tod ihres Pferdes. "Ich unterstelle dem Jäger keine Absicht", sagt die Tochter des Eigentümers der NNP. Aber dass der tödliche Schuss ohne Konsequenzen für den Waidmann bleiben soll und er weiterhin seinem Hobby wie bisher nachgehen kann, das will sie nicht begreifen. Und wie die Behörden mit dem Fall umgegangen sind, das ruft bei ihr Argwohn hervor. Die handelnden Personen sind durch die Jagd miteinander verbandelt, haben zum Teil den gleichen Wohnort oder stehen anderweitig in engen Kontakt miteinander.

Der erfahrene Jäger, der am späten Abend auf der Wiese bei Winkels den tödlichen Schuss abgab, will sich derzeit zu dem Geschehen nicht äußern und verweist dabei auf das noch ausstehende Schadensersatzverfahren.

Nach Angaben der Kreisverwaltung – der dort ansässigen Unteren Jagdbehörde und dem Veterinäramt oblag die genauere Untersuchung – wollte der Jäger Wildschweine jagen. Sein Schuss, abgegeben offenbar aus der Hocke heraus, traf jedoch kein Wildschwein, sondern den Friesen. Der Jäger war am Abend des 27. November in dem Revier zu Gast, nach Informationen der NNP wollte er dem Pächter helfen, seine Jagdquote zu erfüllen.

Richtungsänderung

"Mit diesem Treffer ist das Pferd nur noch wenige Meter gelaufen, wenn überhaupt", sagt Tierarzt Dr. Jens von Lohr. Seine Instrumente reichten nicht aus, um das tief im Kadaver sitzende Projektil zu bergen. Der Schusskanal musste geöffnet werden, um an die Kugel zu gelangen. Das den Tod bringende Geschoss hat nach Angaben des Tierarztes noch eine Rippe gestreift.

Die vom Jäger angegebene Schussrichtung und der Treffpunkt liegen jedoch nicht auf einer Schusslinie. Der Jäger hat gegen das leicht ansteigende Wiesengelände geschossen, die Kugel muss eine deutliche Richtungsänderung erfahren haben, um das Pferd zu treffen, das sich quasi auf gleicher Höhe wie der Schütze befand, nur eben rund 200 Meter seitlich versetzt.

Die Polizei nahm zwar den Fall auf, doch die Ermittlungen blieben nicht in ihrer Hand. "Die Staatsanwaltschaft hat es als Ordnungswidrigkeit eingestuft, also haben wir den Fall abgegeben", sagt Polizeisprecher Bruno Reuscher. "Uns lag kein Hinweis vor, dass der Jäger mit Absicht gehandelt hat", so Hans-Joachim Herrchen als Sprecher der Staatsanwaltschaft. Und somit wurden das tote Pferd und der Schuss eine Angelegenheit der Kreisverwaltung.

Das Veterinäramt sah keine Anhaltspunkte für einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und für ein vorsätzliches Handeln. Also landete der Schuss bei der Kreisjagdbehörde. Und die kommt nun zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Querschläger handelte, der zu dem Tod des Pferdes geführt hat. Kreisjagdberater Hilmar von Schenk fand Hinweise auf einen Kugelriss, also Spuren von der Kugel, die sie im Boden hinterlassen hat, bevor sie die Flugrichtung änderte. Den Fund hat er mit Fotos dokumentiert. "Wenn ich es nicht selbst gesehen hätte, ich hätte es nicht geglaubt", sagt er über die Richtungsänderung, die er als eine "Verkettung unglücklicher Umstände" bezeichnet.

LKA eingeschaltet

Wie der Kreis auf Anfrage der NNP weiter mitteilt, wurde Kontakt mit dem Landeskriminalamt aufgenommen. Von dort habe es die Auskunft gegeben, dass Geschosse bei Bodenkontakt erheblich abgelenkt werden können. Erörtert worden sei auch die Deformierung des Projektils. Die Jagdbehörde kommt schließlich zu dem Ergebnis, dass eine Verletzung jagd- und waffenrechtlicher Vorschriften nicht zu belegen ist, es somit keine Grundlage für weitere Konsequenzen gibt. Der Jäger also weiterhin auf die Jagd gehen darf.

Wie der Kreis auf Nachfrage der NNP einräumte, ist das im Pferd gefundene Projektil durch das Landeskriminalamt nicht untersucht worden. Es gab lediglich Erörterungen. Stella Abel wollte deshalb auf eigene Kosten eine genaue Untersuchung des Projektils veranlassen, der Jäger benutzte nach Angaben des Kreisjagdberaters das Kaliber 8x 75 mm und ein sehr stabiles Geschoss, und forderte vom Kreis die Herausgabe der Kugel. Fehlanzeige. Sie bekommt sie nicht.

Zur Begründung weist der Kreis darauf hin, dass die Geschädigte zwar berechtigt sei, ihre zivilrechtlichen Forderungen geltend zu machen, sie aber nach den verfahrensrechtlichen Bestimmungen keine Beteiligte im jagdrechtlichen Verfahren ist. "Die jagdrechtliche Bewertung erfolgt aufgrund der gesetzlichen Aufgabenzuweisung abschließend durch die Jagdbehörde", heißt es in der Stellungnahme.

"In so einem Fall gehört das Projektil unbedingt mikroskopisch untersucht", plädiert der vereidigte Sachverständige Heinrich M. Busch-Lipphaus vom Institut für Ballistik und Schießtechnik in Gelsenkirchen für eine genaue Untersuchung. Natürlich seien Querschläger möglich, doch dies alles hinterlasse Spuren, die es zu finden gelte. Allerdings hält er es grundsätzlich durchaus für möglich, dass das Projektil aufgrund seines großen Kalibers trotz des Auftreffens auf dem Boden noch so viel Energie aufwies, um tief in den Pferdekörper einzudringen.

Eine genaue Untersuchung hält der Sachverständige auch wegen eines weiteren Aspekts für notwendig: Um dem Verdacht der Mauschelei von vornherein zu begegnen. Und den Verdacht hat Stella Abel, nicht nur wegen der Verbundenheit der handelnden Personen oder der Verweigerung, ihr das Projektil auszuhändigen. Der Schuss fiel in einer Nacht zwei Tage nach Neumond. Da ist es eigentlich recht dunkel. "Stockfinster" ist es nach Einschätzung des Landwirts gewesen, auf dessen Wiese das Pferd stand und der den Schuss hörte. Nach Einschätzung der Kreisjagdbehörde waren die Lichtverhältnisse jedoch ausreichend für eine Jagd.

4500 Euro Schadensersatz

Auf eine von der Pferdebesitzerin geforderte Alkoholkontrolle des Jägers wurde verzichtet, als er sich am nächsten Morgen am Fundort des toten Pferdes einfand und damit konfrontiert wurde, kein Wildschwein getroffen zu haben.

Auch der Anwalt Dr. Klaus Schmitt findet das Verhalten in diesem Fall bemerkenswert. Um die Geschädigte im Schadensersatzverfahren vertreten zu können, wollte er Einblick in die Akten nehmen. Das war jedoch nicht so ohne weiteres möglich. Erst nachdem er mit Dienstaufsichtsbeschwerde drohte, erhielt er Einblick.

Während für die Kreisjagdbehörde der Fall abgeschlossen ist, geht es nun vor Gericht um Schadensersatz. 4500 Euro hat die Versicherung gezahlt. Stella Abel macht durch ihren Anwalt eine höhere Summe geltend. 4500 Euro, das ist zwar mehr, als der Friese in der Anschaffung gekostet hat (3800 Euro), ist aber deutlich weniger, als für die Ausbildung des Pferdes und die Beseitigung des Kadavers, Tierarzt und Anwalt aufgewendet wurden.

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