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Eine Schule für alle

Von Wenn man davon ausgeht, dass jeder Mensch besonders ist, müssen alle dazugehören – auch in der Schule und am Arbeitsplatz. Inklusion nennen es die Fachleute, wenn das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen funktioniert. In der zum Thema Inklusion geht es heute um die Zukunft der Astrid-Lindgren-Schule, einer Förderschule für praktisch bildbare Kinder.
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Limburg. 

Eigentlich müsste sich die ganze Gesellschaft verändern, sagt Luise Konrad-Schmidt. Weg von der Leistungsorientierung, hin zu einem Miteinander aller, auch derer, die nicht besonders effektiv sind. Wer ein gesellschaftliches Leitbild verändern will, fängt am besten bei den Kindern an. "Die Schule kann ein wunderbarer Ort sein um zu lernen, dass jeder Mensch ein Recht hat, dazuzugehören." Und ein Recht auf Bildung. An der idealen Schule bekämen alle Kinder beides: Sie würden ideal gefördert und sie würden nicht getrennt. "Wenn alle Menschen ganz selbstverständlich damit umgehen, dass jeder anders ist, dann brauchen wir auch keine Förderschulen mehr", sagt Luise Konrad-Schmidt, Leiterin der Astrid-Lindgren-Schule, einer Förderschule für praktisch Bildbare. Viele ihrer Schüler und ihre Eltern können sich so eine Gesellschaft gar nicht vorstellen. Sie haben Angst, dass die ganze Diskussion ums Thema Inklusion nur ein Ziel hat: Dass man ihre Astrid-Lindgren-Schule einfach dichtmacht.

Für sie ist die Astrid-Lindgren-Schule eine Insel. Hier lacht sie keiner aus, nur weil sie etwas nicht kapieren. Hier finden sie Freunde. Und natürlich lernen sie jede Menge. "Die Schulen für praktisch Bildbare haben sich in den vergangenen 40 Jahren zu vollwertigen allgemeinbildenden Schulen entwickelt", sagt Luise Konrad Schmidt. Mit fast idealen Bedingungen: Acht Schüler in einer Klasse, dazu ein Förderschullehrer, wenn nötig Integrationshelfer, außerdem gibt es noch einen Erzieher für drei Klassen. Die Unterrichtszeit: 36 Wochenstunden. In dieser Zeit haben die Kinder nicht nur Mathe, Deutsch und Sachkunde, sondern auch noch alles andere, was sie für ein möglichst selbstständiges Leben brauchen. Das kostet Geld. "Es gibt einfach Kinder, die brauchen viel, viel mehr. Aber wenn man will, dass eine Gesellschaft funktioniert, muss man diese Ressourcen bereitstellen", sagt Luise Konrad-Schmidt. Und genau diese Bedingungen schaffe das neue hessische Schulgesetz nicht. Die Schulen müssten, auch in dieser schwierigen Übergangszeit, ohne zusätzliche Ressourcen auskommen. Schon in der Vergangenheit sei es für Regelschulen schwierig gewesen, Kinder mit großem Förderbedarf aufzunehmen. "Aktuell besteht zusätzlich das Problem, das die Schulen nicht wissen, welche Hilfen ein besonderes Kind bekommt." Noch fehlt die Ausführungsverordnung.

"Wie soll denn eine Schule entscheiden können, ob sie ein Kind aufnimmt, wenn sie gar nicht weiß, welche Ressourcen ihr für dieses Kind zur Verfügung stehen?" Wenn die Klassen nicht kleiner werden, kämen viele Schüler einfach zu kurz. Und die Lehrer könnten auch nicht alles leisten. Wenn man die inklusive Schule wolle, müsse man auch anfangen, die Lehrerausbildung zu verändern. Inklusiver Unterricht brauche auch inklusive Didaktik. "Ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis die Förderschulen überflüssig sind", sagt Luise Konrad-Schmidt.

Einige Eltern formulieren ihre Befürchtungen in Sachen Inklusion so: "Dann ist es wieder wie vor 40 Jahren: Unsere Kinder sitzen halt dabei." Aber genau das ist nicht das Ziel: Inklusion bedeutet, dass jedes Kind die Bedingungen bekommt, die es zum Lernen braucht", sagt Luise Konrad-Schmidt. Das bedeutet dann auch, dass nicht mehr ein Lehrplan für alle gelten kann: "Man muss für jedes Kind ganz individuelle Ziele schaffen." Für den einen ist es schon eine Herausforderung, mal eine halbe Stunde still auf einem Stuhl zu sitzen und zuzuhören, für den anderen ist es eine Leistung, Blickkontakt mit dem Lehrer zu halten und für den Dritten ist es eben Infinitesimalrechnung.

Wer Kindern etwas beibringen wolle, müsse jedem Kind vermitteln, dass es okay ist und dass es sein Bestes geben soll. Dann müsse man für unterschiedliche Kinder aber auch unterschiedliche Maßstäbe setzen – und außerdem das ganze Notensystem überdenken. Und das Schulsystem: Wenn kein Kind mehr ausgegrenzt werden soll, bräuchte man nur noch eine Schulform für alle – und ein Oberstufengymnasium für diejenigen, die die Hochschulreife schaffen. Es geht noch weiter: "Wenn wir inklusive Schulen haben, werden die Schulabschlüsse anders zu bewerten sein", sagt Konrad-Schmidt. Und der Blick darauf: Dann müsste man den Eltern die Angst nehmen, dass ihre normal begabten Kinder von den anderen gebremst werden.

Wer Inklusion wolle, dürfe niemanden abwerten, nur weil er eine bestimmte Leistung nicht erbringt, sagt Luise Konrad-Schmidt. "Wir müssen als Menschen anders miteinander umgehen." Inklusion ist eine gesellschaftliche Aufgabe.

Im dritten Teil unserer Serie gibt es ein Plädoyer für getrennte Schulen. Für ihre Tochter sei die Förderschule die beste Schule, sagt eine Mutter.

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