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Fasziniert von Formularen: Einem jungen Mann aus Pakistan imponieren "Deutsche Tugenden"

Von Vor einem Jahr kam der 23-jährige Shahbaz Kahn aus Pakistan nach Hünfelden, lernte Deutsch und bewarb sich um einen Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellter im Rathaus von Kirberg. Er ist fasziniert von Vordrucken und Formularen – und erstaunt darüber, dass selbst eine Bürgermeisterin nicht machen darf, was sie will.
Vordrucke, Formulare, Stempel: Shahbaz Khan ist glücklich über seinen Ausbildungsplatz im Rathaus von Kirberg. Vordrucke, Formulare, Stempel: Shahbaz Khan ist glücklich über seinen Ausbildungsplatz im Rathaus von Kirberg.
Kirberg. 

Shahbaz Kahn ist zielstrebig, freundlich und hilfsbereit, die Kleidung ist adrett, das Haar sorgfältig frisiert. Er ist, wie man sich eine aufstrebende Nachwuchskraft in der Verwaltung einer Behörde vorstellt. Und doch ist der 23-Jährige anders als seine jungen Kollegen. Denn Shahbaz Khan kam erst vor einem Jahr aus Pakistan in den Hünfeldener Ortsteil Heringen. Seit zwölf Monaten lernt er Deutsch und die deutsche Kultur kennen, befasst sich mit dem politischen System hierzulande, mit Wirtschaftsthemen und mit der Verwaltung.

Shahbaz Khan betrat eine ihm bis dahin unbekannte Welt – und war fasziniert. So fasziniert, dass er sich im Rathaus der Gemeinde Hünfelden um einen Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellter bemühte. Am 1. September war sein erster Arbeitstag.

Keine Sonderbehandlung

Um eines gleich klarzustellen, sagt Hünfeldens Bürgermeisterin Silvia Scheu-Menzer: Shahbaz habe seinen Ausbildungsplatz nicht durch eine Sonderbehandlung erhalten. Vielmehr hätten sich die anderen Bewerber, die sich in diesem Jahr für eine Lehrstelle im Rathaus qualifiziert hatten, kurzfristig für andere berufliche Perspektiven entschieden. Die Stelle war unbesetzt. Außerdem hatte Shahbaz in seiner pakistanischen Heimatstadt Abbottabad bereits zwei Semester Wirtschaft und Verwaltung studiert. Was Buchführung bedeutet, wusste er, und dieses Wissen wollte er vertiefen. Unbedingt. Das machte der junge Mann den Mitgliedern im Helferkreis, die ihn und die anderen Flüchtlinge seit der Ankunft in Hünfelden betreuen, deutlich. „Er wollte auf jeden Fall in einem Verwaltungsbüro arbeiten“, bestätigt seine Ausbildungsleiterin Ingrid Schmid. Dass die Gemeinde Hünfelden mit rund 10 000 Einwohnern um ein Vielfaches kleiner ist als Abbottabad mit seinen 80 000 Bürgern, ist ihm gleichgültig.

Tatsächlich war das Bürgerbüro im Rathaus von Kirberg seine erste Anlaufstation als Neubürger. „Die Menschen sind sehr nett hier“, sagt er. In den ersten Wochen seiner Ausbildung habe er viel gelernt. Zum Beispiel die deutschen Tugenden Ordnung, Pünktlichkeit, die exakt ist und sich nicht im Ungefähren verliere, und Gründlichkeit, die ihm besonders imponiere, sagt Shahbaz und schildert seine Beobachtung: Informationen werden online erfasst und weitergegeben – und dann zusätzlich noch einmal ausgedruckt. Das habe er in seiner Heimat nicht erlebt. Aber warum nicht? Doppelt hält besser. Der junge Mann lächelt. Ist gut so, findet er. Alles ist geregelt.

Mann mit Potenzial

Die erste Abteilung im Rathaus, in der Shahbaz seine Ausbildung absolviert, ist das Haupt- und Personalamt. Hier befasst er sich mit dem Postein- und -ausgang, stempelt Daten oder den Vermerk „Kopie“ und hantiert mit einer Vielzahl von Formularen, berichtet Ausbildungsleiterin Ingrid Schmid. Nicht alle Vordrucke versteht er, räumt der Auszubildende ein. Das gilt auch für das Ausfüllen von Formularen oder für Briefe. Manches könne er „nicht so ganz richtig schreiben“. Aber „dann hilft Frau Schmid“. Die unterstütze ihn in allen Lebenslagen der Ausbildung, auch bei seinen sprachlichen Fähigkeiten, wobei er hier zusätzlich im Heringer Helferkreis unterrichtet wird. Dazu hat er ergänzend zu den zwei Berufsschultagen an der Weilburger Wilhelm-Knapp-Schule einen weiteren Schultag zur Sprachförderung. Shahbaz Khan hat Potenzial, sagt Silvia Scheu-Menzer. Dass er die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten schaffen wird, steht für sie und für Ausbildungsleiterin Ingrid Schmid außer Frage. Der junge Mann lernt schnell. Auch die kommunalpolitischen Strukturen, über die er allerdings bisweilen staunt. Etwa als er kürzlich an einer Sitzung der Gemeindevertreter teilnahm und die Debatte sehr konzentriert verfolgte. Am Ende entschied das Gremium und nicht die Bürgermeisterin allein. Da habe er sich gewundert, erinnert sich Scheu-Menzer. Und Shahbaz fragte sie: „Wenn Sie der Chef sind, können Sie dann nicht alles bestimmen?“ Nein, das könne sie nicht, antwortete sie und erklärte ihm das demokratische Miteinander in diesem Land, bei dem es auch unerheblich sei, ob der Chef eine Frau oder ein Mann ist.

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