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Erster Weltkrieg: Die Toten mahnen in Limburg

Von Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Heute noch sichtbare Spuren sind sehr selten. Dietkirchen ist ein Ort, in dem es noch Spuren gibt. Eine Kriegsgräberstätte mit einem irischen Hochkreuz, eine Straße, benannt nach dem ersten gestorbenen Kriegsgefangenen Fredrick Reilly.
Ein Gottesdienst unter freiem Himmel im Kriegsgefangenenlager in Dietkirchen. Bilder > Ein Gottesdienst unter freiem Himmel im Kriegsgefangenenlager in Dietkirchen.
Limburg-Weilburg. 

„Immer wieder einmal tauchen Überreste von dem ehemaligen Lager auf, wenn Bauern ihre Felder bearbeiten.“ Franz Prox erwähnt es. Dabei gibt es noch deutlich sichtbarere Zeichen. Das irische Hochkreuz zum Beispiel auf der Kriegsgräberstätte zwischen Dietkirchen und Limburg. „Es ist das einzige Hochkreuz, das nicht auf der Insel steht“, erzählt Prox, ehemaliger Berufssoldat und seit vielen Jahren ein Aktivposten, wenn es um die Pflege der Kriegsgräberstätte geht. Das Hochkreuz ist Denkmal und Mahnmal, denn es erinnert an die 45 irischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg in dem Kriegsgefangenenlager starben.

Bilderstrecke Vor 100 Jahren: Kriegsbeginn in Limburg und Umgebung
Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Auch in und um Limburg mussten Männer in den Krieg ziehen, rüstete sich alles für den großen Krieg. Limburg war Kreisstadt, im dortigen Bezirks-Kommando mussten sich die Männer melden, die in den Krieg sollten. Zudem war die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt der Bahn und somit Durchgangsstation für Soldaten und Waffen auf dem Weg zu Front. Fotos aus dieser Zeit, die Heinz Müller aus seiner Sammlung zur Verfügung stellt, vermitteln ein paar Eindrücke. Obiges Bild: 1. August 1914: Mobilmachung auch in Limburg. Vor dem Bahnhof finden sich viele Menschen ein. Von Kriegsbegeisterung berichtet der Nassauer Bote.Das Bezirks-Kommando in der Dr.-Wolff-Straße. Dort mussten sich die Männer melden, die als Soldat eingezogen worden waren.Eingekleidet und mit Gepäck auf dem Rücken nehmen die Soldaten auf dem Neumarkt Abschied von Limburg, bewaffnet sind sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Der erste von ihnen war Fredrick Reilly. Nach ihm ist in dem Limburger Stadtteil eine Straße benannt. Das ist erst wenige Jahre her. Aber manchmal braucht es seine Zeit, bis sich die Gegenwart der Erinnerung stellt. Und manchmal ist es auch ganz gut, dass Jahre ins Land gehen. So kommt es nämlich, dass die Fredrick-Reilly-Straße direkt dort beginnt, wo einmal das Lager endete, erzählt Ortsvorsteher Bernhard Eufinger.

„Russen“-Friedhof

Die nach dem irischen Soldaten benannte Straße beginnt am Schützenhausweg. Das ist nicht die ursprüngliche Bezeichnung, aber die heute geläufige, so Eufinger weiter. Dieser Weg, der vorbei am Schützenhaus auf eine Anhöhe führt, zeigt deutlich den Verlauf des ehemaligen Lagers. Von dem Weg bis zum heutigen Zentrum des Roten Kreuzes in der Senefelder Straße hat es sich einmal erstreckt. 24 Hektar groß und mit bis zu 12 000 Gefangenen aus allen möglichen Ländern belegt. Die Iren, die für England in den Kampf ziehen mussten, gehören dazu. Engländer, Franzosen, Italiener, Serben und Belgier haben dort ebenfalls ihre Ruhestätte und vor allem russische Kriegsgefangene. Deshalb gibt es auch die Bezeichnung „Russen-Friedhof“.

 

Das Gefangenenlager wird schon kurz nach Beginn des Krieges eingerichtet und verfügt am Ende des ersten Kriegsjahres über rund 3000 Gefangene. Wer in das Lager muss, kommt mit der Bahn nach Limburg. Begleitet von Wachsoldaten geht es dann durch die Stadt und über die Brücke auf die Höhe von Dietkirchen. Das Wissen im Ort über das Lager ist nicht besonders ausgeprägt. „Meine Großmutter hat auf der Schreibstube gearbeitet“, erzählt Eufinger. Doch er hat es verpasst, sie dazu zu befragen, was sich in dem Lager alles abspielte. Eine Stadt für sich.

Gedenkveranstaltung

Vom Obergeschoss des DRK-Zentrums in der Senefelder Straße gibt es einen guten Überblick über das ehemalige Lager. Eufinger hat alte Fotos dabei. „Ungefähr hier stehen wir“, sagt er und zeigt eine alte Aufnahme, die im Vordergrund einen Wachturm zeigt. Etwa dort, wo sich dieser Turm befand, steht heute die DRK-Zentrale. Hinter dem Wachturm ducken sich die Baracken des Lagers. In der Ferne sind die Türme der Lubentius-Kirche zu sehen.

„So lange ich denken kann, sind wir am Volkstrauertag auch immer an die Kriegsgräber und haben der Opfer dort gedacht“, sagt Eufinger. Das wird auch beibehalten. In diesem Jahr ist noch etwas mehr geplant. Im September will der Ortsbeirat zu einem Gang auf den Spuren des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers einladen, anschließend soll im Dorfgemeinschaftshaus mit Bildern und Texten informiert werden. Und am 23. Dezember soll es eine Gedenkveranstaltung für Fredrick Reilly geben. Am 23. Dezember ist er unweit des Lagers beerdigt worden.

 

Irisches Hochkreuz

 

„Mit allen militärischen Ehren“, wie Franz Prox ergänzt. Militärischen Ehren der Deutschen. Später hat es das nicht gegeben. Und als Reilly als erster Gefangener, der in dem Lager gestorben ist, in Dietkirchener Erde begraben wird, da steht das Kreuz noch nicht. Es kam erst zwei Jahre später vor allem auf Initiative eines Pallottinerpaters, der als Seelsorger in dem Lager tätig ist.

Das Kreuz ragt über drei Meter empor, auf der daneben aufgestellten Bronzeplatte sind die Namen der toten Soldaten nachzulesen. Auf dem Sockel des Kreuzes stehen sie auch. Mit Fredrick Reilly beginnt die Reihe. Einige Namen sind nicht mehr so deutlich zu lesen. Und auf der stark verwitterten Ostseite gar nicht mehr zu entziffern. Es sind irische Soldaten, die für England im Ersten Weltkrieg kämpften. Die Republik Irland gab es zu dieser Zeit noch gar nicht.

 

Umgebettet

 

„Heute ist es nur noch die letzte Ruhestätte für russische Soldaten und für einen französischen Hauptmann“, erzählt Prox. Dem 1918 im Lager bei Dietkirchen verstorbenen Capitaine Louis-Eugene-Alexandre Hasne stellt Prox jedes Jahr ein Kerzchen ans Grab. Immer am 30. März – es ist der Geburtstag des französischen Offiziers. Die sterblichen Überreste der irischen Kriegsgefangenen wurden schon in den 1920er-Jahren nach Kassel umgebettet.

Die sterblichen Überreste der über 900 Russen wurden nicht umgebettet. Über 200 der Verstorbenen sind Opfer des Zweiten Weltkriegs und waren im Stalag XII (Stammlager) für Kriegsgefangene in Freiendiez untergebracht. Und sie sind namenlos. „Es ist nicht gelungen, die Namen der russischen Kriegsopfer in Erfahrung zu bringen“, sagt Prox. Es scheitert an der Zusammenarbeit auf der anderen Seite. Bei allen anderen Toten, die dort bestattet waren, ist es gelungen.

 

Ein langer Weg

 

Bei dem Bemühen, die Namen der Toten aufzuspüren und den Toten damit eine Identität zu geben, hat Prox neue Freundschaften und Bekanntschaften geknüpft. Vor allem zu Nachkommen der toten Iren. Das hat nicht nur die Recherche nach den Namen der Opfer erleichtert, sondern auch zu Spenden aus Irland und England geführt. Spenden, die halfen, das Hochkreuz zu sanieren und restaurieren.

Prox ist über die Reservistenkameradschaft Limburg auf den Friedhof aufmerksam geworden. Das ist schon einige Jahre her. Jahre hat es auch gedauert, bis die Restaurierung des Hochkreuzes sichergestellt war. Prox hat sich auch auf der grünen Insel dafür mächtig engagiert und in Ortsvorsteher Bernhard Eufinger einen Mitstreiter gefunden. Doch es war ein langer Weg vom ersten Benefizkonzert zur Mitfinanzierung der Restaurierung bis zu den Arbeiten, die dem Kreuz eine lange Lebens- und damit Erinnerungszeit gewähren.

Nie wieder Krieg?!

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs geht das „forum Kirche und Gesellschaft“ des evangelischen Dekanats der Frage nach, welche Folgerungen aus dem Ereignis für die Gegenwart zu ziehen sind.

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