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„Im Zeichen des Sieges“

Einen Blick auf die Vorgeschichte und den Beginn des Ersten Weltkriegs aus der Camberger Perspektive gab es im Bad Camberger Kurhaus. Mithilfe von Bildern und Dokumenten aus dem Stadtarchiv erläuterten die beiden Referenten Dr. Peter Schmidt und Ottheinrich Lang die damalige Lage.
Auch auf die Rolle der Flottenpolitik im Vorfeld des Ersten Weltkriegs ging Dr. Peter Schmidt ein. 	Foto: Koenig Auch auf die Rolle der Flottenpolitik im Vorfeld des Ersten Weltkriegs ging Dr. Peter Schmidt ein. Foto: Koenig
Bad Camberg. 

Krieg war vor dem Ersten Weltkrieg (noch) kein Schreckgespenst – dies wurde beim Vortragsabend „Der Beginn des Ersten Weltkrieges in Camberg“ deutlich. Das sollte sich nach den Erfahrungen mit der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts ändern, berichteten der Historiker Dr. Peter Schmidt und Ottheinrich Lang vom Bad Camberger Stadtarchiv im Kurhaus.

Der „Verein Historisches Camberg“ hatte zum Vortrag ins Kurhaus geladen, denn das große öffentliche große Interesse an den Ereignissen rund um den Kriegsausbruch vor 100 Jahren hatte auch vor dem Archiv nicht halt gemacht. Zusammen mit Dieter Oelke hatten die die Referenten daher in den dortigen Beständen gestöbert. Auffällig war, dass die vorhandene Materialmenge zum Thema vergleichsweise gering war. „Zu den französischen Revolutionskriegen gibt es dagegen stapelweise Unterlagen“, erklärte Peter Schmidt.

Er übernahm an dem Abend quasi die historische Einführung. Eine gute Stunde lang referierte er umfassend über die Vorgeschichte. Erwähnt wurde unter anderem Deutschlands späte Geburt als Nationalstaat, Bismarcks ausgeklügeltes Bündnissystem und dessen späterer Zerfall sowie die aggressive Flotten- und Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreiches. Das alles zusammen entwickelte eine Dynamik, die den Weltkrieg ermöglichte. Dazu gehörte auch die Tatsache, dass die militärischen Auseinandersetzungen bis dahin eher glimpflich für große Teile der deutschen Bevölkerung abgelaufen waren. Das galt auch für Camberg und den Goldenen Grund. Bewusst erlebt hatten viele wohl den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und vielleicht auch noch den preußisch-österreichischen Krieg von 1866. „Die dauerten etwa ein halbes Jahr und betrafen unmittelbar ein paar Tausend Menschen“, gab Peter Schmidt zu bedenken.

Entsprechend groß sollte der Schock sein, als der neue Krieg in einem bisher nicht gekannten Umfang die gesamte Bevölkerung betraf. Eine Erfahrung, welche die Menschen tief traumatisierte und ihr Kriegsverständnis grundlegend verändern sollte.

 

Obrigkeitshörig

 

„Uns ist diese Vorkriegsepoche fremd geworden“, betonte Ottheinrich Lang. Besonders fiel ihm die damalige „unglaubliche Obrigkeitshörigkeit“ auf: „Das ging vom Dorflehrer- oder Pfarrer bis hin zum Kaiser.“ Während der ersten Kriegstage habe es außerdem eine wahre Spionage-Hysterie gegeben, ergänzte Peter Schmidt. Harmlose Reisende wurden verdächtigt, russische oder französische Spione zu sein.

Entsprechend groß war der Unmut, als in Camberg tatsächlich Französisch gesprochen wurde: „Etwa 150 Bürger aus Metz in Lothringen, welches bis 1871 französisch war, waren bis 1915 in Camberg untergebracht“, erzählte der Archivar. Kritik kam unter anderem von Bürgermeister Johann Pipberger. „Mit Befremden“ hatte er bemerkt, dass die Quartiergäste aus Metz die französische Sprache bevorzugten. Dies aber gehöre sich nicht für Deutsche, „die ihr für uns bleibt“, schrieb er am 5. September 1914 in einem Brief. Schließlich gebiete es die Höflichkeit, dass Gäste sich nach den Gewohnheiten der Gastgeber richten würden.

Ein weiteres Problem waren die zahlreichen Gerüchte über Tote und Verwundete an der Front. Ein Thema, das im Ort für einige Unruhe sorgte, denn der Krieg war nun kein fernes Phänomen mehr. „427 unserer Bürger – beinahe ein Sechstel aller Einwohner – steht unter den Waffen, und 39 mit der Besten deckt der grüne Rasen“, sollte der Bürgermeister im Jahr 1916 zu Protokoll geben.

Seine Notizen beendete Pipberger mit den Worten: „Wir stehen im Zeichen des Sieges und gehen einem ersprießlichen und ehrenvollen Frieden entgegen“.

(koe)
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