E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 28°C

„Keine gewaltsame Umwälzung“

Meuternde Matrosen in Kiel, Abdankung des Kaisers, Waffenstillstand, Revolution – Deutschland wurde in den ersten Novembertagen des Jahres 1918 massiv erschüttert. Die alten Herrschafts- und Ordnungsverhältnisse wurden innerhalb weniger Tagen umgeworfen, und es war zunächst unklar, welchen Weg das Land nehmen würde. Von einer Neuerrichtung der Monarchie bis zu einem Sowjet-Deutschland war für die Zeitgenossen alles denkbar.
Limburg. 

Auch Limburg wurde von den Ereignissen erfasst. Am 9. November 1918 erreichte die Revolution die Stadt. Es bildete sich ein Soldatenrat aus Vertrauensleuten der örtlichen militärischen Verbände. Noch am gleichen Abend des Tages wurde ein Aufruf herausgegeben: „Der Soldatenrat will keine gewaltsame Umwälzung mit der blanken Waffe in der Hand, sondern sucht die alten Behörden und Kommandogewalten im Geiste der neuen Zeit energisch umzugestalten.“ Es wurde die schärfste Kontrolle aller Instanzen angekündigt.

 

Zusammenarbeit gesucht

 

Umgehend entstand auch ein Arbeiterrat, der ein Geschäftszimmer im Rathaus bezog. Seine Aufgabe war es, an der Verwaltung der Stadt mitzuwirken. Bürgermeister Philipp Haerten rief die Bevölkerung zu Ruhe und Ordnung auf: „Ein jeder gehe pflichtgetreu seiner gewohnten Berufsbeschäftigung nach.“ Sowohl Haerten wie auch der Landratsamtsverwalter Assessor v. Borcke sicherten zu, alle Anstrengungen zur Sicherung der Lebensmittelversorgung zu unternehmen.

Info: Unter „Vorzensur“ gestellt

Auf der Titelseite informieren Redaktion und Verlag des „Nassauer Boten“ am 11. November darüber, dass der Limburger Soldatenrat der Redaktion offiziell mitgeteilt hat, wonach das Blatt

clearing
Info: Tue jeder seine Pflicht

Ruhe und Ordnung, das ist oberste Bürgerpflicht – selbst in Revolutionszeiten. Die Aufrufe des Limburger Bürgermeisters Philipp Haerten sowie des Landratsamtsverwalters von Borcke sind deutliche Zeichen dafür.

clearing
Info: Der Große Krieg

Der Limburger Stadtarchivar Dr. Chrsitoph Waldecker widmet sich in dem heutigen Beitrag über den Ersten Weltkrieg dem Revolutionsgeschehen in Limburg.

clearing

Wie in vielen Städten und Kreisen suchten auch in Limburg Kommunalbeamte und Räte die Zusammenarbeit. Am 11. November fand im Saal der „Alten Post“ (Bahnhofstraße 9) eine Versammlung der Bürgermeister des Kreises Limburg statt. Bei dieser Gelegenheit stellten sich die Vorsitzenden der Soldaten- und Arbeiterräte vor. Es kam zu einer Erläuterung der Vorgehensweise und Ziele der Räte verbunden mit der Aufforderung an die Bürgermeister zur gemeinsamen Arbeit. Auch hier stand die Lebensmittelversorgung im Zentrum des Interesses.

Insgesamt verlief der Umsturz in Limburg in geordneten Bahnen. Getreu dem Wort Lenins, wonach Deutsche keine Revolution machen können („Bevor sie einen Bahnhof besetzen kaufen sie Fahrkarten“), blieb es weitgehend ruhig in der Stadt. Der Aufruf des Bürgermeisters zeigte Wirkung, aber auch der Verzicht der Räte auf spektakuläre Aktionen trug zu einer entspannten Situation bei.

 

Neuer Ausschuss

 

Eine der wichtigsten Aufgaben der politisch Handelnden im November 1918 war neben der Sicherstellung der Versorgung die Demobilisierung der zurückkehrenden Frontsoldaten. Am 14. November richtete der Arbeiter- und Soldatenrat daher einen Demobilmachungsausschuss ein, der ein Geschäftszimmer im Rathaus unterhielt.

Um die Aufrechterhaltung der Ordnung ging es auch in der Sitzung der Stadtverordneten am folgenden Tag. Der Vorsitzende des Soldatenrates Gefreiter Dr. Maron richtete dabei an die gewählten Vertreter der Bürgerschaft eine Ansprache. „Es sei ein kurzes, scharfes Regiment nötig, um die Aera der Freiheit vorzubereiten. Der Redner begründete dann besonders unter Hinweis auf die Verwirrung, die unter den Mannschaften des hiesigen Gefangenenlagers Platz gegriffen hatte, und auf das Versagen der vorgesetzten Behörden die Notwendigkeit eines Soldatenrates für Limburg,“ berichtete der Nassauer Bote.

 

Alle bleiben im Amt

 

Der an ihn immer wieder herangetragenen Forderung nach Absetzung des Bürgermeisters erteilte Maron eine Absage. Alle Behörden sollten im Amt bleiben, und die Gesetze seien auch weiterhin zu beachten. Den Stadtverordneten legte er eine Erklärung vor: „Der A.-u. S.-Rat [Arbeiter- und Soldatenrat] erwartet, dass die gesamte städtische Verwaltung die gegebenen Machtverhältnisse anerkennen und ihre Tätigkeit nur nach Verständigung mit dem A.- u. S.-Rat ausüben wird.“

Peter Müller, der Vorsitzende des Arbeiterrates, schloss sich den Ausführungen an. Daraufhin wurde einstimmig beschlossen: „Die Stadtverordneten-Versammlung nimmt davon Kenntnis, dass der A.- u. S.-Rat die vollziehende Gewalt an sich genommen hat und ist bereit danach zu handeln.“ Es zeigt sich in dieser Erklärung, dass alle Beteiligten kein Interesse an anarchischen Zuständen in Limburg hatten und gemeinsam dafür sorgen wollten, dass Ruhe und Ordnung einkehrten.

Um dies zu sichern, wurde ein Heimatschutz gebildet. Der Arbeiter- und Soldatenrat rief alle Männer zwischen 20 und 60 Jahren auf, sich zu diesem Zweck in der Gaststätte Stahlheber (Diezer Straße 9) zu melden. Wenige Tage später fand im „Preußischen Hof“ die Gründungsversammlung statt. Den Vorsitz übernahm Kreistierarzt Dr. Friedrich Wenzel. Die in fünf Kompanien organisierten Männer wurden bewaffnet und in der Handhabung der Schusswaffen ausgebildet.

 

Nicht im Stich lassen

 

Die Bildung der Räte war auch zwei Wochen nach der Revolution noch nicht abgeschlossen. Am 24. November 1918 wurden die Mitarbeiter der Reichs-, Staats-, Kommunal-, Schul- und kirchlichen Behörden zur Bildung eines Beamtenrates eingeladen. Die Versammlung verlief in erregter Stimmung. Gymnasial-Professor Josef Fliegel erklärte: „Es ist selbstverständlich, dass die Beamten in der Not das Vaterland nicht im Stich lassen, aber wir wollen uns nicht der neuen Regierung zu Füßen werfen.“ Es wurde vielmehr als Ziel formuliert, mit der übrigen Bürgerschaft in Verbindung treten zu wollen, um einen Bürgerausschuss zu bilden.

Überhaupt nahm der revolutionäre Schwung, so er überhaupt vorhanden war, rapide ab. Am 12. Dezember wurde bekannt gegeben, dass die Siegermächte im linksrheinischen Gebiet sowie in der neutralen Zone, wozu Limburg zählte, keine Arbeiter- und Soldatenräte dulden würden. Daher sollten alle Aktivitäten eingestellt werden.

Peter Müller, der Vorsitzende des inzwischen in Volksrat umbenannten Gremiums, hielt eine Woche später in einer öffentlichen Erklärung dagegen, dass weiter gearbeitet würde bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung. „Alles geschieht, um dem deutschen Vaterland, insbesondere der Stadt Limburg, in der Zeit der schwersten Not helfend zur Seite zu stehen, und darauf, dass unsere Tätigkeit von Bürgermeister und Stadtverordneten bis jetzt die vollste Anerkennung gefunden hat sind wir heute schon stolz.“ Müllers Ausführungen änderten aber nichts daran, dass der Rat am Ende war. In einem Inserat distanzierten sich die Soldaten des Gefangenenlagers Limburg, „dass sie mit einem Soldatenrat bezw. Volks- oder Militärrat oder unter welcher Maske der Soldatenrat sich in Zukunft verbergen möge – nichts zu schaffen haben wollen.“

Selbst die Kunst machte nicht Halt vor den Ereignissen: Im Dezember 1918 zeigten die Lokalzeitungen „eine sehr zeitgemäße Neuerscheinung“ an: den Militärschwank in einem Akt „Der Soldatenrat“, den die Vereinsdruckerei herausbrachte. In dieser Zeit warben bereits die alten und neu entstandenen Parteien um Wähler. Im Januar 1919 wurde die Nationalversammlung gewählt, mit der sich die Hoffnung verband, wieder geordnete Verhältnisse zu schaffen. Doch die stellten sich in den darauffolgenden Jahren keineswegs ein.

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen