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Elysium-Prozess: Kinderpornos: Staatsanwältin listet abscheuliche Verbrechen auf

Von In Limburg hat am Donnerstag der bislang größte Prozess in Deutschland um Kinderpornografie begonnen. Die Staatsanwältin listete drei Stunden lang abscheuliche Straftaten bis zum schwersten Missbrauch von Kleinkindern auf. Angeklagt ist die Führungsriege der Internet-Plattform „Elysium“, einer der Hauptbeschuldigten ein 40-jähriger Familienvater aus Bad Camberg.
Dr. Julia Bussweiler listete drei Stunden lang die 124 Anklagepunkte auf. Dr. Julia Bussweiler listete drei Stunden lang die 124 Anklagepunkte auf.
Limburg. 

Bislang ging alles ganz schnell im „Elysium“-Verfahren. Am 12. Juni 2017 schalteten Bundeskriminalamt (BKA) und Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt zum ersten Mal in Deutschland eine Kinderporno-Plattform im „Darknet“, dem verborgenen Teil des Internets, ab. Danach registrierten BKA-Spezialisten 111 907 Benutzerkonten, auf denen sie Millionen Bild- und Videodateien auswerteten. Staatsanwältin Dr. Julia Bussheimer erstellte in akribischer Fleißarbeit bis Mitte Mai die 60-seitige Anklageschrift, und auch das Limburger Landgericht ließ sich mit der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht viel Zeit.

Eine Statue der Justizia.
Elysium-Verfahren Kinderpornos: Prozess beginnt ungewöhnlich schnell

Die vier Angeklagten im „ELYSIUM“-Verfahren kommen ungewöhnlich schnell vor Gericht: Am 2. August beginnt in Limburg der Prozess, in dem es um die bandenmäßige Verbreitung von kinderpornografischen Fotos und Videos im Internet geht. Als Haupttäter gilt ein 40-Jähriger aus Bad Camberg.

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Doch gestern stockte der Prozessauftakt aus einem banalen Grund: Einer der vier Angeklagten im Alter zwischen 40 und 62 Jahren aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern war nicht rechtzeitig nach Limburg gebracht worden. Um kurz vor neun warteten rund 20 Kameraleute, Radioreporter und Fotografen vor der verschlossenen Tür des Schwurgerichtssaals 129. Eine dreiviertel Stunde nach dem geplanten Verhandlungsbeginn hieß es, der Gefangenentransport sei in Gießen noch nicht losgefahren. . .

Um kurz vor elf begegneten die vier Männer, die seit dem 19. November 2016 im Internet bandenmäßig zusammengearbeitet und Tausende kinderpornografische Fotos und Videos im weltweiten Netz verbreitet hatten, sich zum ersten Mal persönlich.

Um Punkt 11 Uhr eröffnete Marco Schneider als Vorsitzender Richter der 1. großen Jugendkammer den wohl vor allem von Journalisten mit Spannung erwarteten Prozess. Im Zuhörerraum saßen knapp 20 Vertreter der schreibenden Zunft und noch nicht einmal zehn Interessierte.

111 907 Mitglieder

Möglicherweise ist der Fall so abstoßend, dass normale Menschen nichts davon hören oder sehen wollen. Im Gegensatz zu den 111 907 registrierten pädophilen Mitgliedern der Plattform in aller Welt, denen die Bilder wohl nicht schlimm beziehungsweise erregend genug sein konnten.

Kindesmissbrauch für sich ist schon furchtbar. Dieses Verbrechen aber auch noch zu fotografieren und zu filmen und die Aufnahmen zu verbreiten, erscheint besonders abartig. Auf das Gutachten der beiden Sachverständigen darf man gespannt sein.

Gestern hatte zunächst die Staatsanwaltschaft das Wort. Dr. Julia Bussweiler von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt listete mit zwei kurzen Unterbrechungen insgesamt drei Stunden lang die ungeheuerlichen Vorwürfe minutiös auf.: Größtenteils Aufnahmen von Kindern in aufreizenden sexuellen Posen und/oder beim Manipulieren an Genitalien, aber auch zahlreiche ekelhafte Bilder bis zum vaginalen, oralen und analen Verkehr.

Manche Zuhörer schluckten, die Angeklagten vernahmen es regungslos.

Sicherungsverwahrung?

Einem 62-Jährigen aus Landau legt die Staatsanwaltschaft zur Last, selbst Kinder mehrfach schwer missbraucht zu haben. Darunter behinderte Mädchen, die er in einer Einrichtung betreute, sowie den vierjährigen Sohn und die sechsjährige Tochter eines „Elysium“-Mitglieds in Österreich. Dem ledigen IT-Manager mit vollem weißen Haar und langem Pferdeschwanz droht Sicherungsverwahrung, kündigte Julia Bussweiler an.

Als „Elysium“-Haupttäter wird er jedoch nicht geführt. Als solche gelten ein 40-jähriger Bad Camberger und ein 58-Jähriger aus Rottenburg am Neckar, die die Plattform organisierten.

Der Jüngste im Quartett scheint auf den ersten Blick nicht so recht in die Runde zu passen. Unauffällig; kurzes, dünnes Haar mit grauen Schläfen, hohe Stirn. Er kam aus der angrenzenden Justizvollzugsanstalt in Turnschuhen und verwaschenen Blue-Jeans – und mit einem grauen Kapuzensweater. Die Kapuze zog er sich über den Kopf, als anfangs fotografiert und gefilmt werden durfte. In dieser Phase hielten alle vier Angeklagten Aktenordner vors Gesicht.

„Skorpion“ und „Bernd inihr“

Der Bad Camberger war für die Technik verantwortlich. Er hatte allein Zugriff auf den in seiner Autowerkstatt untergebrachten Server; er konnte „Elysium“ also ein- und ausschalten. Unter den Namen „Scorpion“ und „Bernd inihr“ postete er aber auch kinderpornografische Dateien. Er soll zudem vor dem Bildschirm einen „virtuellen Missbrauch“ begangen und einen anderen beauftragt haben, spezielle Fotos und Filme zu erstellen.

Der aus einer angesehenen Familie in der Region stammende Kfz-Meister war bis vor einem Jahr ein unbescholtener Mann. Beliebter Chef und Ausbilder (auch bei der IHK und in Berufsschulen), guter Tischtennisspieler, netter Nachbar – und stolzer Vater eines Sohns und einer kleinen Tochter. Mitarbeiter und Freunde konnten es nicht fassen, als sie hörten, warum Polizisten am 12. Juni 2017 die Autowerkstatt in Bad Camberg durchsucht und neben Computern und Servern auch den Chef mitgenommen hatten.

„Glücklich verheiratet“

Der Angeklagte sagte gestern: „Ich bin seit 18 Jahren glücklich verheiratet“. Die Familie stehe hinter ihm, erläuterte später sein Rechtsanwalt Andreas Götz (Weilburg). Die Frau habe ihn nicht verlassen. Sein Mandant werde ein Teilgeständnis ablegen, sagte Götz. Die Verantwortung für die Technik sei ja nicht zu leugnen. Der 40-Jährige habe nach seiner Festnahme die Arbeit der Ermittler wesentlich erleichtert und alle Passwörter verraten. Auch verschiedene Posts räume er ein, die schwerwiegenderen Anschuldigungen bestreite er jedoch.

Dabei geht es um einen Konflikt mit dem zweiten Hauptbeschuldigten, der rechts vor ihm auf der vollen Anklagebank sitzt. Wer hat was mit welchem Account gemacht? Der 58-Jährige aus Baden-Württemberg, das wurde vor Gericht deutlich, hat die längste Vergangenheit in der Szene und verbrachte von allen die meiste Zeit in den kriminellen Foren. Sogar am zweiten Weihnachtsfeiertag 2016 fast rund um die Uhr. Der gelernte Werkzeugmacher – hager, graues Haar und grauer Vollbart – ist geschieden. Er soll schon beim 2016 in Australien abgeschalteten „Elysium“-Vorgänger „The Giftbox Exchange“ mit 67 000 Nutzern eine führende Rolle gespielt haben. Auf dieser Plattform kam er mit dem Bad Camberger in Kontakt.

Der vierte im Bunde, ein korpulenter, verheirateter 57-Jähriger mit Halbglatze aus Boxberg, dürfte im Vergleich zu den anderen Kalibern eher ein Mitläufer gewesen sein.

Schwerer Schlag, kein Ende

Georg Ungefuk, der Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft, erklärte am Rande die Bedeutung dieses „außergewöhnlichen Falls“. Erstmals sei es in Deutschland gelungen, eine kinderpornografische Plattform im Darknet zu lokalisieren, vom Netz zu nehmen und auch die mutmaßliche Führungsriege zu identifizieren. Dies sei ein großer Schlag gegen Kinderpornografie gewesen, so Ungefuk, aber nicht deren Ende. „Es entwickeln immer wieder neue Plattformen.“

Julia Bussweiler sagte vor den Kameras, die Arbeit sei natürlich sehr belastend gewesen – angesichts des Erfolgs allerdings auch sehr zufriedenstellend.

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