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Krebs deutlich besser heilbar

Von Krebs! Diese Diagnose zerstört von heute auf morgen Träume, Pläne, Existenzen. Im Rahmen einer Serie lässt die NNP Betroffene zu Wort kommen: Kranke, Geheilte und Helfer. Heute im NNP-Interview: Thomas Neuhaus, Chefarzt der Onkologie und Hämatologie des Limburger St.-Vincenz-Krankenhauses.
Diskussion am Tumorboard des St.-Vincenz-Krankenhauses: Gemeinsam beraten Ärzte verschiedener Disziplinen über Diagnosen und Strategien. Diskussion am Tumorboard des St.-Vincenz-Krankenhauses: Gemeinsam beraten Ärzte verschiedener Disziplinen über Diagnosen und Strategien.
Limburg. 

Der Krebs gehört zum Alltag für Privat-Dozent Dr. Thomas Neuhaus. Im Gespräch mit NNP-Redakteur Christof Hüls schildert er den Stand der Medizin und wie er persönlich mit dem Thema umgeht, das für viele Menschen einer Todesbotschaft nahekommt.

Sind Krebserkrankungen heute besser heilbar als vor zehn Jahren?

DR. THOMAS NEUHAUS: Eindeutig ja. Das liegt an einer viel besseren Diagnostik und größeren Heilungsmöglichkeiten. Zum einen können wir einen Teil der Erkrankung in einem früheren Stadium entdecken. Zum anderen gibt es bessere Heilungsmethoden. Bei den meisten Blut- oder Lymphdrüsenkrebs-Arten haben Patienten Überlebenschancen von mindestens 80 bis 90 Prozent. Bestimmte Gruppen einer speziellen Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung, dem Morbus Hodgkin, galten bis vor wenigen Jahrzehnten als unheilbar. Durch eine moderne Diagnostik und Therapie gelingt heute sehr häufig die Heilung. Ein anderer Meilenstein in der Medizin: Die Folgen der chronischen myeloischen Leukämie (CML) lassen sich durch Medikamente so gut ausbremsen, dass Betroffene zumeist so leben können, als wären sie geheilt. Aber auch chirurgisch oder in der Strahlentherapie gibt es große Fortschritte, wovon beispielsweise die Patienten mit einem Rektum-Karzinom (Enddarm) profitieren können.

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Erkennen Sie Auffälligkeiten in der Region?

NEUHAUS: Nein, die Region ist nicht auffälliger und es gibt keine speziellen Krebssorten, die hier häufiger auftreten. Wir liegen in allen Bereichen im Schnitt.

Woher kommen solche Häufungen, wie sie im Krebsatlas dargestellt werden?

NEUHAUS: Es gibt Fachleute die sagen, dass wir in Europa erst noch die Folgen von Tschernobyl spüren werden. In bestimmten Ländern mit Ernährungsgewohnheiten, die scharfe und heiße Küche bevorzugt, gibt es häufiger Speiseröhren- oder Magenkrebs. Ein höheres Durchschnittsalter der Menschen führt zu einer höheren Krebsrate. Und natürlich macht sich das soziale Gefälle bemerkbar. Starker Alkoholgenuss und ungesunde Ernährung haben ebenfalls starken Einfluss. Aber auch das Vorhandensein eines Kühlschrankes, für uns ein selbstverständlicher Bestandteil der Küche, verringert die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten zum Beispiel des Magenkrebs. Höher sind auch die Krebsraten in Bergbaugebieten, vor allem natürlich in den ehemaligen Uran-Abbaugebieten im Osten.

Behandeln Sie alle Krebsarten oder gibt es Fälle, die Sie an andere Krankenhäuser verweisen?

NEUHAUS: Eigentlich behandeln wir fast alle Tumor- und Blutkrebserkrankungen. Allerdings können wir hier keine Stammzell-Transplantationen vornehmen und auch keine der aber nur äußerst selten eingesetzten Protonenbestrahlungen. Außerdem gibt es in Limburg keine Thorax-Chirurgie. Und Kinder behandeln wir gar nicht.

Dr. Thomas Neuhaus.	Foto: Hüls Bild-Zoom
Dr. Thomas Neuhaus. Foto: Hüls

Wie viel Psychologie beeinflusst den Heilungsprozess?

NEUHAUS: Verheiratete oder Menschen in einer festen Beziehung haben ein klares Überlebensplus. Eine Krebserkrankung hat man nie allein, sondern die ganze Familie ist betroffen. Die Angehörigen und Freunde können aber auch in rein praktischen Dingen helfen. Es gibt so eine Art Softskills, über deren genauen Einflüsse aber noch zu wenig bekannt ist. Dazu gehört eine positive Einstellung zur Therapie. Sie macht es einfacher, mit einer solchen Krankheit fertig zu werden.

Was raten Sie in Sachen Vorsorge?

NEUHAUS: Machen! Wer zum Beispiel regelmäßig zur Dickdarmspiegelung geht, dies halbiert die Gefahr einer Krebserkrankung. Und man sollte früh auf Warnsignale des Körpers achten: Eine plötzliche Gewichtsabnahme beispielsweise, Blut im Stuhl, Husten, der nicht weggeht, oder stärkeres nächtliches Schwitzen.

Was kann man noch tun, um vorzusorgen?

NEUHAUS: Sich bewegen, Bewegungsmangel fördert das Krebsrisiko. Ernährung spielt sicher auch eine Rolle. Ich empfehle die „Five a day“-Nahrungsaufnahme: Mehrere kleine Mahlzeiten, verteilt über den Tag mit viel Obst und Gemüse unterschiedlicher Farben, sowie Ballaststoffen. Mein Frau wird übrigens grinsen, wenn sie dies liest, denn ich selbst halte mich leider nur sehr begrenzt an meine eigenen Empfehlungen . . .

Wie werden Sie als Arzt mit so viel Elend und ständigen Todesbotschaften fertig? Kann man die Fälle an der Kliniktür abgeben und Feierabend machen?

NEUHAUS: Ja, das geht schon. Natürlich nehmen mich Verläufe einzelner Patienten schon mit, erst recht, wenn die Betroffenen eine Vita ähnlich der meinen haben. Aber ich muss auf Objektivität und eine gesunde Distanz achten. Nur aus der lässt sich eine Krankheit beurteilen. Wenn ein Arzt zu stark involviert ist, kann er nicht objektiv urteilen. Er muss den entscheidenden Schritt daneben stehen. Ich sehe zudem weniger den Tod als vielmehr die Möglichkeit, Lebenszeit zu verlängern und die Lebensqualität zu erhalten. Im Vergleich zu vielen Uniklinik-Ambulanzen haben wir oftmals einen sehr engen, weil längerdauernden Kontakt zu den Patienten. Da bekommt man als Arzt eine Menge zurück. Der Tod gehört im Übrigen zum Leben dazu, und er stellt insbesondere aus Sicht des Palliativmediziners, der ich ja auch bin, nicht zwangsläufig ein Scheitern dar.

Serienfolgen

Folge 1: Jede achte Frau erkrankt an Brustkrebs . Folge 2:

clearing

Wie gehen Betroffene mit der Diagnose um?

NEUHAUS: Die meisten kommen bereits mit der Diagnose zu uns. Jedes Gespräch verläuft anders. Regelrechte Zusammenbrüche habe ich erst zweimal erlebt. Zu empfehlen ist grundsätzlich, einen Vertrauten zum Erstgespräch mitzubringen. Nach einigen Minuten des Gesprächs fällt meist eine Schotte, so dass Informationen oft nicht mehr ankommen. Deshalb halten wir dieses erste Treffen teilweise relativ kurz und verabreden lieber weitere Gesprächstermine. Es hilft übrigens beiden, Arzt und Patient, wenn sich Betroffene ihre Fragen aufschreiben.

Welche psychologischen Hilfen bietet das Krankenhaus?

NEUHAUS: Wir haben 1,5 Stellen mit Psycho-Onkologen besetzt. Ich kann nur empfehlen, deren Expertise großzügig in Anspruch nehmen. Sie haben bisher mehrere Hundert Patienten begleitet, sei es kurzzeitig bei akuten Problemen oder über einen langen Zeitraum. Leider zögern immer noch viele Patienten, die Angebote der Psychoonkologie zu nutzen. Oft fällt dann die Bemerkung, der Psychoonkologe könne die Erkrankung ja doch nicht heilen, was solle das Gespräch also bringen? Darum geht es aber nicht, sondern die Psychoonkologie will beispielsweise dem Patienten – und übrigens auch den Angehörigen! – helfen, mit der Erkrankung umzugehen und diese zu akzeptieren.

Was raten Sie Betroffenen grundsätzlich für die ersten Tage nach der Diagnose?

NEUHAUS: Bloß nicht im Internet surfen! Der Laie kann häufig nicht wirklich unterscheiden zwischen richtig und falsch. Es gibt viele gute Broschüren beispielsweise der Deutschen Krebshilfe und eigene Informationsblätter aus unserem Haus, die wir den Patienten gerne mitgeben. Wichtig ist zudem, sich mit dem Hausarzt auszutauschen. Zum einen stellt dieser vielfach eine seit langem bekannte und zugleich kenntnisreiche Vertrauensperson dar, zum anderen spielt er für die weitere Betreuung der Patienten eine ganz wichtige Rolle.

Schauen Sie Ärzte-Serien wie Dr. House?

NEUHAUS: Ab und zu. Die sind übrigens medizinisch gesehen häufig gar nicht so schlecht und die Fälle vielleicht etwas ungewöhnlich, aber mit realem Hintergrund. Wir arbeiten in Deutschland allerdings völlig anders, so muss ein Krankenhausarzt in den USA in der Regel viel weniger Patienten betreuen als hier. Aber ob dieser eine Arzt wirklich alles kann, wie im Fernsehen, wage ich zu bezweifeln.

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