Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 26°C
7 Kommentare

Frau nach Prügelattacke weiter in Behandlung: "Opfer bleibt Opfer, für immer"

Von Eine Frau wird im vergangenen Sommer auf dem Limburger Bahnhofsvorplatz niedergeschlagen und verletzt. Medizinisch wird sie versorgt - menschlich fühlt sie sich allein gelassen. Sie sagt: "Das Opfer bleibt Opfer, für immer."Am Dienstag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter.
Verprügelt und arbeitsunfähig: Die 30-jährige Krankenschwester aus Limburg nach der Attacke auf dem Bahnhofsplatz. Foto: Christof Hüls Verprügelt und arbeitsunfähig: Die 30-jährige Krankenschwester aus Limburg nach der Attacke auf dem Bahnhofsplatz.
Limburg. 

Die Anklage gegen den 31-jährigen Mann, der sie im vergangenen Sommer auf offener Straße verprügelt hat, lautet Körperverletzung, sagt Frau K. Was aus dem mutmaßlichen Schläger wird, mit welchem Urteil er rechnen muss, weiß sie nicht, und das interessiert die junge Frau auch nicht. Denn in ihrer Wahrnehmung „geht es immer nur um den Täter – wie es dem Opfer geht, das kümmert niemanden.“ Frau K. geht es schlecht.

Seit zwei Monaten wird sie stationär in einer psychiatrischen Fachklinik betreut. Sie ist noch immer traumatisiert, rund acht Monate nach der Tat des 31-Jährigen, der bereits zuvor mehrmals grundlos auf Passanten eingeprügelt haben soll. Am 7. Juli 2016 schlug er erneut zu. An diesem Abend war sein Opfer die damals 29-jährige Krankenschwester K.

Als sie an diesem Donnerstagabend gegen 21 Uhr am Bahnhof in ein Taxi steigen will, tritt der Mann von hinten auf sie zu, knallt unvermittelt seine Hand auf ihr Ohr und tritt sie nieder. Als die Polizei eintrifft, liegt die Frau am Boden, eine Gesichtshälfte ist bereits rot angelaufen und geschwollen. Dass sie sich zudem eine massive Knieverletzung zugezogen hat, spürt sie nicht. Sie steht unter Schock, ist mit Adrenalin vollgepumpt.

Völlig handlungsunfähig

Dennoch bringen die Polizeibeamten sie nicht ins Krankenhaus, sondern setzen sie vor ihrer Haustür ab und fahren davon. Sie widerspricht nicht. „Ich war völlig handlungsunfähig“, sagt sie. „Ich war das Opfer und musste sehen, wie ich klarkomme.“

Frau K., die durchaus couragiert und selbstbewusst wirkt, kommt nicht klar. Die Situation, Schmerzen, Schock und Scham überfordern sie. „Ich war allein und wusste mir nicht zu helfen.“ Sie ruft ihre Mutter an. Die kommt, übernimmt die Initiative und bringt Frau K. ins Krankenhaus. Eine Woche nach der Prügelattacke, am letzten Schultag vor den Sommerferien ihrer kleinen Tochter, wird sie am Knie operiert. Rund zwei Monate später folgt eine zweite notwendige Operation.

Todesangst

Die Verletzungen heilen, auf die Beine kommt die Krankenschwester dennoch nicht. Sie leidet unter der Erinnerung an die Augenblicke der Todesangst und an Albträumen, die sich nicht abschütteln lassen. „Ich stand komplett neben mir.“

Wieder wird die Mutter aktiv. Sie begleitet Frau K. zum Neurologen und zum Psychologen. Deren Empfehlung lauten: „Sie werden eine gute Betreuung brauchen.“ Und weiter: „Sie sind traumatisiert, Sie haben ein Päckchen zu tragen.“ Hilfreich sind diese Aussagen für K. nicht. Denn dass die Grundpfeiler ihres Lebens erschüttert sind, das hat die damals 29-Jährige längst begriffen.

Für sie geht es nicht allein um den Angriff eines möglicherweise psychisch kranken Mannes, sondern auch darum, wie sie als Opfer behandelt wird. Der Täter sei von der Polizei festgenommen, in den Streifenwagen gesetzt und abtransportiert worden. Sie habe man dagegen am Tatort so behandelt, als sei sie die Angreiferin.

Polizei demütigend

„Niedergeschlagen zu werden ist schlimm genug“, sagt sie. Aber dass die Polizisten eines weiteren Streifenwagens ihre Verletzungen am Tatort, „in aller Öffentlichkeit“, fotografierten, das war demütigend. Nicht einen Hauch von Empathie habe sie gespürt. „Ich war das Opfer – und wurde allein gelassen“, sagt sie.

Frau K. sucht Hilfe und meldet sich bei der Opferhilfe Limburg. Da habe man ihr beim Ausfüllen eines Antrags auf Opferentschädigung geholfen, berichtet sie. Carina Kummer von der Opferhilfe erinnert sich, dass sie ein Telefonat und ein persönliches Gespräch mit K. geführt hat. Mehr nicht.

Auch vom Weißen Ring, einem Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, fühlt sich die Krankenschwester nicht verstanden. Was sie sich erhoffe, habe man sie gefragt, und K. entgegnet: „Ja, wenn Sie das nicht wissen, wer dann?“ Ein persönlicher Kontakt kommt nicht zustande, bestätigt Bernd Borchert vom Weißen Ring gegenüber der NNP. Er habe Frau K. „menschlichen Beistand“ angeboten, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt. Auch ein Rechtsanwalt könne vermittelt werden. Die Geschädigte habe sich dann allerdings nicht mehr gemeldet, teilt Borchert mit.

Dabei benötigt K. noch immer Hilfe, weil sie die Erinnerung an die Prügelattacke nicht loswird. Sie fühlt sich machtlos.

Seit Januar in Klinik

Seit Januar lebt sie in einer psychiatrischen Fachklinik im Rhein-Lahn-Kreis. Wie lange sie dort noch bleiben wird, ist derzeit ungewiss. Auch wer sie zum Prozess begleitet, steht noch nicht fest. Sie wird als Zeugin aussagen. Die Polizei habe ihr geraten, auf die Nebenklage zu verzichten, sagt sie. Bei dem Täter, einem Flüchtling, „sei ohnehin nichts zu holen“.

Polizei-Pressesprecher Markus Hoffmann kommentiert diese Aussage nicht. „Der Sachverhalt sowie die erhobenen Vorwürfe sind der Polizeidirektion bekannt und werden dort bearbeitet.“ Die Stellungnahmen der betroffenen Beamten lägen noch nicht vor.

Frau K. hat dafür kein Verständnis. „Dass man in unserem Land so behandelt wird, hätte ich nie gedacht.“ Die Aufmerksamkeit gilt immer nur den Tätern, sagt sie. Auch in diesem Prozess, der am Dienstag beginnt. „Das Opfer bleibt Opfer, für immer.“

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse