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Persönliche Schicksale: Opfer des Serien-Bankräubers berichten, wie sie die Überfälle erlebt haben

Von Im Prozess gegen einen Serien-Bankräuber, der 20 Taten mit einer Beute von insgesamt 400 000 Euro gestanden hat, haben gestern mehrere Opfer ausgesagt. Die Zeugen haben die Überfälle unterschiedlich verkraftet: Einige gut, andere bis heute überhaupt nicht. Beklemmend war der Auftritt eines Mannes aus Elbtal.
Das Landgericht in Limburg. Foto: Thomas Frey Das Landgericht in Limburg.
Limburg. 

Zum Prozessauftakt ist Maik I. auf der Anklagebank weinend zusammengebrochen, als ihm der Vorsitzende Richter Marco Schneider das Leiden vieler Opfer vorhielt. Gestern wird der 45-Jährige direkt damit konfrontiert – und bleibt äußerlich gelassen. Die Männer und Frauen auf dem Zeugenstuhl im Saal 129 des Limburger Landgerichts sind von ihm in etwa so weit entfernt wie bei den Banküberfällen, bei denen er sie mit einer Waffe bedroht hatte.

Aufmerksam, aber regungslos hört der schmächtige und kahlköpfige Siegerländer ihnen zu. Die Mitarbeiter verschiedener Sparkassen schildern, wie sie die zwölf bis zehn Jahre zurückliegenden Taten erlebt und verkraftet haben. Zwei Männer sagen, sie hätten heute deswegen keine Probleme mehr. Frauen berichten dagegen von Panikattacken, Angst- und Schlafstörungen.

Beklemmend ist der Auftritt eines 38-Jährigen aus Elbtal. Der Frührentner war aufgrund seiner gesundheitlichen Situation als Zeuge ausgeladen worden, gestern Morgen aber doch nach Limburg gefahren, um unbedingt aussagen zu wollen. Dies fällt ihm zunächst sehr schwer; er bleibt mehrfach hängen, doch dann scheint es ihn zu erleichtern, seinen Kummer von der Seele zu reden.

„Sehe in jedem das Böse“

„Es muss sich endlich was ändern“, erklärt er. „Ich bin das komplette Gegenteil von damals. Früher war ich ständig unterwegs, heute bin ich nur noch zu Hause. Ich habe mich völlig zurückgezogen. Ich kann nicht mehr unter Menschen, sehe in jedem das Böse, das potenziell Schlimme“, sagt der Zeuge.

Er war am 24. November 2006 einer von fünf Angestellten in der Filiale der Kreissparkasse (KSK) in Frickhofen, die Maik I. kurz nach der Öffnung um halb neun vermummt und mit einer Pistole in der Hand betrat. Der damalige Kundenberater gestern: „Der Mann rief: ‚Banküberfall! Geld her! Hände hoch!’ Ich wollte den Alarmknopf an meinem Schreibtisch drücken, aber der Täter hat das gesehen und mich angeschrien: ‚Auf die Knie und Hände hoch!’ Die Waffe war direkt auf meine Stirn gerichtet.“

Der Richter will von dem Elbtaler wie von allen anderen Zeugen wissen, wie es ihm heute geht. „Eher nicht so gut“, lautet die Antwort. Er habe damals zunächst weitergearbeitet und gedacht, es sei okay. „Doch es wurde immer schlimmer.“

Tabletten, noch stärkere Medikamente, regelmäßige Behandlungen einer Psychologin, zwei Aufenthalte in Reha-Kliniken, ein neuer Arbeitsplatz – es hat wohl alles nichts geholfen. Stattdessen weiter schlaflose Nächte, Albträume, Panikattacken, mehrere Hörstürze. „Ich träume noch regelmäßig davon und höre immer wieder den Satz ,Überfall, Hände hoch‘“, sagt der Zeuge. Und nach einer kurzen Unterbrechung weiter: „Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen und dachte, jetzt drückt er ab.“

Marco Schneider fragt einfühlsam, wie er die Verhandlung und seine Rolle empfindet. „Das ist heute eine Herausforderung, ich bin den Tränen nah. Ich habe die ganze Woche nicht geschlafen, aber ich wollte das unbedingt erledigen. Nun bin ich zufrieden und hoffe, dass dies ein Abschluss ist. Das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten entscheiden.“

Der Geschäftsstellenleiter der KSK in Frickhofen hat den Überfall nach eigenen Worten gut weggesteckt. Er hatte Maik I. ein paar Scheine, einer Kollegin etwas Hartgeld in die Stofftasche gepackt. „Mehr Geld war nicht da. Der Täter ist damit schnell weg“, berichtet der heute 58-Jährige aus Elbtal.

„Nicht den Helden spielen“

Er habe kurz überlegt, den Räuber mit Hilfe der Kollegen zu überwältigen, jedoch rasch Abstand von dem Gedanken genommen. „Soll ich wegen der paar Euro den Helden spielen?“ Die genaue Höhe der Beute ist nicht klar, sie wird auf 240 Euro beziffert. Es war mit die geringste auf dem Raubzug vom 18. Oktober 2002 bis zum 2. Januar 2018 durch Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. In der Sparkasse in Obertiefenbach erbeutete der Arbeitslose am 20. Mai 2010 37 000 Euro, in der KSK Lahr am 12. Dezember 2013 knapp 8000 Euro. Maik I. ist wegen schwerer räuberischer Erpressung in 20 und des erpresserischen Menschenraubs in 16 Fällen angeklagt.

Ein 36-Jähriger aus Lüdenscheid, am 24. April 2008 Opfer, hat inzwischen mit dem damals bedrohlichen Geschehen abgeschlossen. „Ich bin froh, dass der Täter gefasst ist“, sagt er.

Das sind auch zwei Mitarbeiterinnen der Sparkasse in Kirchen, die Maik I. direkt nach der Enttäuschung in Frickhofen am 24. November 2006 überfiel. Die beiden Frauen erlebten drei Jahre später einen zweiten Banküberfall. „Ich konnte nicht mehr unter Menschen gehen, hatte Angst und Verfolgungswahn“, sagt die 45-Jährige. Ihre 48-jährige Kollegin war ein Jahr arbeitsunfähig, hatte Panikattacken, nimmt bis heute Medikamente.

Sie zeigt der Kammer die Kopie eines Briefes, den Maik I. an alle von ihm überfallenen Banken geschickt hat, in dem er sich entschuldigt und versichert, die Angestellten seien nie in Gefahr gewesen, weil er nur Deko-Waffen benutzt habe. „Wie haben Sie das empfunden?“, fragt Schneider. „Wie einen Schlag ins Gesicht“, sagt die Frau.

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