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Flüchtlinge und Integration: So ist es für eine kurdische Familie im abgelegenen Möttau zu wohnen

Von Fawaz Aheed betreut den Helferverein Villmar. Aus Nordsyrien musste er mit seiner Familie nach Deutschland fliehen. Jetzt leben die Aheeds in Möttaus. Das ist nicht immer leicht für die kurdische Familie.
Einsam in Möttau: Fawaz Aheed mit Frau Zoya und den Töchtern Sima, Olin und Sevin (von links). Einsam in Möttau: Fawaz Aheed mit Frau Zoya und den Töchtern Sima, Olin und Sevin (von links).
Villmar/Möttau. 

Fawaz Aheed ist Kurde und lebte in Amunde in Nordsyrien. Der 50-Jährige arbeitete im Krisengebiet als freiberuflicher Fotograf. Er, seine Frau Zoya und die drei Töchter mussten das Land im Oktober 2015 verlassen, weil die Familie nach Fawaz’ Angaben wegen der unsicheren Situation in seiner Heimatregion in akuter Lebensgefahr schwebte. Weil die Lage in Syrien nicht besser wurde, hat die Familie gerade eine Aufenthaltserlaubnis für ein weiteres Jahr bekommen.

„Wenn man die Situation in Syrien sieht, besteht wohl keine Chance, dass die Familie in einem Jahr in ihre Heimat zurückkehren kann“, sagt Angelika Guidry, Vorsitzende des Villmarer Helfervereins. Sie kennt die Familie aus dem Auffanglager im ehemaligen REWE-Markt in Villmar. Weil Fawaz Aheed nicht weiß, ob es irgendwann noch einmal die nächsten Jahre die Chance gibt, zurück in die geliebte Heimat zu kommen, will er sich hier so schnell wie möglich integrieren, weiter in Limburg Deutsch lernen und seinen Kindern die bestmögliche Schulausbildung ermöglichen. Doch dummerweise kriegen die Flüchtlinge, wie viele gerne behaupten, doch nicht alles nachgeschmissen. Dass er kein Geld für eine beruflich für ihn notwendige professionelle Foto- und Filmausrüstung hat, ist da noch das mit Abstand geringste Problem. Für den Landkreis ist es natürlich am einfachsten, Flüchtlinge in Orten wie Möttau unterzubringen, weil in abgelegenen Dörfern viele Wohnungen leer stehen und die Mietpreise deutlich geringer als zentral in Limburg oder Bad Camberg sind.

Blick in die Natur

Hier lebt die Familie in dem 380-Seelen-Dorf in der ehemaligen Gaststätte „Zum Waldhorn“, nachdem sie wegen Wasserschäden in einer Waldhäuser Wohnung laut Aussagen Guidrys nicht bleiben konnte. „Mit der Wohnung ist alles okay“, sagt Fawaz Aheed. Sie ist seinen Aussagen nach groß genug und man hat aus den Fenstern einen tollen Blick auf die Natur. Aheeds Problem ist „nur“, dass er als Flüchtling sich kein Auto leisten kann. Selbst wenn es anders wäre, würde es ihm nichts nützen. Sein syrischer Führerschein gilt hier nicht. Der Flüchtling hat auch keine Probleme damit, mit dem Bus zu fahren. Nur dummerweise ist das von Möttau aus wegen der schlechten Anbindung gar nicht so einfach.

Bevor er mit der Familie vor drei Wochen aus Waldhausen weg musste, bekam er vom Kreis gesagt: „Kein Problem, in Weilmünster gibt es Geschäfte.“ Doch was er laut seinen Angaben nicht gesagt bekam, ist, dass die Wohnung nicht in Weilmünster, sondern im Ortsteil Möttau liegt. Fünf Kilometer zu Fuß, das kann man als gesunder Mensch natürlich laufen. Doch wie soll Fawaz Aheed mit den schweren Einkaufstüten wieder heimkommen?

In Möttau kennt er bisher niemanden, so dass er niemanden hat, der ihn mal mit nach Weilburg oder Limburg oder wenigstens in den Supermarkt nehmen könnte. „Die Deutschen hier sind vernetzt, die helfen sich gegenseitig. Aber was willst du in Möttau machen, wenn du keinen kennst?“, fragt Guidry. Aheeds Geschwister bekamen noch Unterkünfte in Villmar und Aumenau. Super, um mit dem Zug nach Limburg oder Weilburg kommen zu können.

Probleme in Möttau

Doch der 50-Jährige sitzt leider erst einmal in Möttau fest. Da, wo es sogar noch ein dickes Problem ist, ein Handynetz zu finden und mit der Verwandtschaft in Kontakt zu bleiben. Auf eigene Faust dürfte sich die Familie eine andere Wohnung suchen. Doch die zu finden, ist, wie Guidry erzählt, nicht so einfach. Viele wollen keine Ausländer, schon gar nicht Familien mit mehreren Kindern. Flüchtlingen würden manchmal derart heruntergekommene Wohnungen angeboten, in die man niemand guten Gewissens setzen könnte. „An uns kann man ruhig vermieten“, betont Fawaz: „Wir sind ganz normale Leute aus der Mittelschicht“. Irgendwas an der Bahnstrecke Limburg-Weilburg, möglichst in Villmar mit vier Zimmern, das wäre gut. „An der Bahnstrecke Frankfurt sind die Mietpreise schon wieder viel zu teuer“, weiß Guidry. „Ich fühle mich hier gerade wie im Exil“, sagt Aheed.

Er selbst nimmt es nun in Kauf, um 5.30 Uhr mit dem Bus in Möttau wegzufahren, um nach mehrfachem Umsteigen pünktlich um 8 Uhr in seinem Integrationskurs in Limburg zu sein. Doch er hat eine hochschwangere Frau, die schon zwei Kinder im Bauch verloren hat und regelmäßig zu ihrem Arzt nach Limburg muss. Und dann gibt es die sechsjährige Tochter Olin, die künftig täglich nach Weilburg in die Heinrich-von-Gagern-Schule muss.

Ungern lässt er sie mit Umsteigen alleine mit dem Linienbus fahren. Olin bedauert auch, dass es in Möttau keine anderen Kinder gibt, mit denen sie spielen kann. „Mir ist hier langweilig“, sagt sie.

Ihre Schwester Sima (13) besucht die siebte Klasse der Gagern-Schule und spricht schon erstaunlich gutes Deutsch. Das wissen die anderen Kinder offenbar nicht. So schimpfen sie ihren Aussagen nach vor ihren Augen über „die Scheißausländer“ und wollten mit ihr nichts zu tun haben. Guidry denkt, dass so was von Eltern kommt, denn Olin hatte im Kindergarten diese Probleme nicht.

Sima würde auch einfach gerne wie andere Kinder behandelt werden, Freundinnen haben. „Ich habe doch keinem was getan. Mir tut das ungeheuer weh, wenn andere so mit mir umgehen“, meint das Kind mit Tränen in den Augen.

Wer eine zentralere Wohnung für die Familie anzubieten, kann sich an die Vorsitzende des Helferkreises Villmar, Angelika Guidry, Tel.: (06482)1777 oder E-Mail guidry@t-online.de wenden.

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