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Flüchtlingshilfe: So überwindet man kulturelle Unterschiede

Von Benjamin Bulgay hat viel gelernt über Unterschiede zwischen den Kulturen, seit er als Jugendlicher von einer „Oma“ eine kräftige Ohrfeige kassierte. Seine Kenntnisse gab der Wiesbadener weiter im Arbeitskreis Flüchtlingshilfe, der im Kreissozialamt tagte.
Benjamin Bulgay hält die Hand beim Begrüßen so, dass das fremde Gegeenüber entscheidet, ob es Handkontakt will. Benjamin Bulgay hält die Hand beim Begrüßen so, dass das fremde Gegeenüber entscheidet, ob es Handkontakt will.
Limburg. 

Viele Konflikte zwischen den Kulturen beruhten auf Missverständnissen, erklärte der Diplom-Pädagoge Benjamin Bulgay aus Wiesbaden vor dem Arbeitskreis Flüchtlingshilfe. Er hat ein Buch darüber geschrieben unter dem Titel „Tee oder Mokka?“.

Dass einer dem anderen beim Gespräch nicht in die Augen schaut oder die Hand gibt, müsse kein Zeichen eines schlechten Charakters sein. Oft hat es einfach damit zu tun, dass Menschen aus einem anderen Kulturkreis stammen und als Kinder ein völlig anderes Alltagsverhalten gelernt haben.

Der Diplom-Pädagoge Benjamin Bulgay kennt als gebürtiger Türke und Wiesbadener seit über vier Jahrzehnten beide Seiten. Er sagt: „Wenn man auf Augenhöhe miteinander umgeht, bei Missverständnissen den anderen freundlich fragt, funktioniert das Miteinander mit Menschen mit Migrationshintergrund in den allermeisten Fällen auch“.

Über Augenkontakte

Ein Beispiel aus dem Alltag ist, dass Lehrer an deutschen Schulen teils Unverständnis äußern, weil ihnen ausländische Kinder nicht in die Augen schauen oder deren Familien nicht zu Elternabenden kommen. Bulgay weiß aber, dass Kinder in der Türkei so erzogen werden, dass es unhöflich ist, Respektspersonen direkt in die Augen zu schauen. Wie es der Fachmann erklärt, komme eine türkische Familie in der Regel nicht zum Elternabend, weil sie davon ausgehe, dass ihr Kind dort Bildung und Erziehung bekomme und die Eltern nur für die Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Essen zuständig sind. Wenn eine türkische Familie irritiert ist, wenn man einer Frau die Hand gibt und sie anspricht, dann, so Bulgay, nicht, weil muslimische Männer prinzipiell frauenfeindlich seien. Im Gegenteil habe daheim meist gar die Ehefrau das Sagen. In der Öffentlichkeit sei aber in der Regel eine bestimmte männliche Person für eine Familie der Ansprechpartner, meistens der Vater des Vaters oder wenn der nicht da sei, der ältere Bruder. Wenn Ausländer zu spät zu einer Essenseinladung kommen, dann nicht unbedingt aus Unhöflichkeit. Vielmehr wollten sie der Gastgeberin beim Kochen keinen Stress machen, indem sie pünktlich auf die Minute klingeln. Es könnten auch durch Gesten ungewollt Aggressionen entstehen. Während zum Beispiel in Deutschland Daumen hoch „Alles super“ bedeutet, steht das Zeichen in anderen Ländern für das männliche Geschlechtsteil und sei somit eine große Beleidigung.

„Oma“ übel genommen

Benjamin Bulgay weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, sich als Neuling in einem anderen Land zurechtzufinden. Der heutige Diplom-Pädagoge hatte es auch anfangs in der hessischen Hauptstadt nicht leicht. Bei einem seiner ersten Ausflüge als Zehnjähriger durch Wiesbaden verlief sich Benjamin Bulgay. Er fragte eine ältere Frau nach dem Weg, wollte sich höflich bei ihr für die Hilfe bedanken und fing sich deren Wut und eine Ohrfeige ein. „Bei uns ist es eine liebevolle Geste, ein ältere Person Oma zu nennen“, sagte Bulgay. Die deutsche Frau dagegen interpretierte das Verhalten des türkischen Kindes als einfach nur flegelhaft. So musste der Bub schnell lernen, dass Konflikte zwischen Deutschen und Migranten oft aus fehlendem Wissen über die jeweils andere Kultur entstehen. Darum schrieb er für Deutsche später das Buch „Tee oder Mokka?“, für Migranten „Pils oder Kölsch“, das Ausländern den Umgang mit Deutschen vereinfachen soll.

Bulgay weiß auch, dass viele Verhaltensweisen von Fremden nicht in erster Linie religiös bedingt, sondern durch ihr Umfeld in der Heimat geprägt sind. „Es gibt in der Türkei ein Gefälle von 80 Jahren zwischen Leuten vom Land und denen in der Stadt“, sagt er. Wie sich die Landbevölkerung in der Türkei heute benehme, sei im Grund nicht viel anders als der Umgang in Deutschland vor 50 Jahren. Auch hier gebe es, wenn auch nicht so extrem, das Stadt-Land-Gefälle. Auch in Deutschland seien Städter im Umgang mit Fremden in der Regel offener, weil sie ihn aus ihrem Alltag im Gegensatz zur Landbevölkerung und Menschen aus Ostdeutschland gewohnt seien.

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