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Von Zeitzeugen lernen

"Kindertransport" – das war die Ausreise von 10 000 jüdischen Kindern aus dem Deutschen Reich nach Großbritannien. Eine von ihnen war die gebürtige Berlinerin Ruth Barnett. Über ihre Erfahrungen sprach die Zeitzeugin in der Limburger Leo-Sternberg-Schule.
Mit ihrem Vortrag über den "Kindertransport" jüdischer Kinder im Jahr 1939 möchte Zeitzeugin Ruth Barnett (Mitte) den Schülern der Leo-Sternberg-Schule helfen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.	Foto: Koenig Mit ihrem Vortrag über den "Kindertransport" jüdischer Kinder im Jahr 1939 möchte Zeitzeugin Ruth Barnett (Mitte) den Schülern der Leo-Sternberg-Schule helfen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Foto: Koenig
Limburg. 

"Haben Sie Hitler gesehen?", wollte ein Schüler wissen. "I don‘t know" (Ich weiß es nicht), lautete die Antwort. Schließlich sei sie erst vier Jahre alt gewesen, als sie 1939 Berlin verlassen musste, sagte Ruth Barnett. Aber ihre Eltern, Robert und Luise Michaelis, hätten ihn bestimmt gesehen.

Vor den Schülern der 10. Klassen sprach die Zeitzeugin in Englisch. Um nicht aufzufallen, hatte sie nach ihrer Ankunft in Großbritannien kein Deutsch mehr gesprochen. "Mein Bruder und ich hatten keinen deutschen Akzent und lebten bei einer christlichen Pflegefamilie", sagte Barnett.

Entfremdung

Ihrem Vater gelang schließlich mithilfe des britischen Spions Frank Foley die Ausreise nach Schanghai. Zwischen 1938 und 1941 fanden dort etwa 18 000 Juden aus Deutschland und Österreich Zuflucht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.

Das Leben ihres Vaters sei übrigens die Vorlage für die Hauptfigur des Romans "Landgericht" von Ursula Krechel gewesen, erklärte Barnett. Das Buch wurde vor wenigen Wochen mit dem Deutschen Buchpreis 2012 ausgezeichnet.

Ihre Mutter blieb als Protestantin in Berlin zurück und gehörte 1943 zu den Teilnehmern des Rosenstraßen-Protestes. Dieser richtete sich gegen die Verhaftung der noch in Berlin lebenden Juden durch SS und Gestapo.

Ruth Barnett erlebte die Kriegs- und Nachkriegszeit in insgesamt drei englischen Pflegefamilien. Als ihr Vater nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte, wurde er Richter in Mainz.

Auch die Mutter hatte den Krieg überlebt und wollte sie 1949 aus England abholen. Doch der inzwischen 14-jährigen Ruth waren ihre Eltern fremd geworden. Vom Vater hatte es in den Jahren vereinzelt Telegramme gegeben, während sie von der Mutter nichts gehört hatte. "Ich glaubte, meine Mutter sei tot, sonst hätten sie mich nicht weggegeben", erklärte sie ihre Gefühle. Kategorisch weigerte sie sich, nach Deutschland zurückzukehren und durfte in England bleiben. Ihre Eltern besuchte sie nur in den Ferien.

Ohne Nationalität

Vier Jahre lang sei sie eine "Person of No Nationality" gewesen, erinnerte sich Barnett. Während andere an der Grenze ihren Pass zeigen konnten, habe sie ein langes Dokument vorlegen müssen. "Wie ein Freak" sei sie sich angesichts der neugierigen Blicke der Beamten vorgekommen. Dieser Zustand endete erst, als sie mit 18 Jahren die englische Staatsbürgerschaft annahm.

Insgesamt 50 Jahre lang habe sie vorgegeben, nichts mit Deutschland zu tun zu haben. Aber man könne seine Wurzeln nicht abschneiden. Zu dieser Erkenntnis sei sie 1989 gekommen. Denn in dem Jahr trafen sich mehr als 1000 Teilnehmer des Kindertransports zum 50-jährigen Jahrestag. 10 000 Kinder wurden damals gerettet, rund 1,5 Millionen kamen im Holocaust um.

"Young people need to learn" (Junge Menschen müssen lernen), sagte Ruth Barnett. Das falle leichter, wenn man das durch Zeitzeugen tue und nicht mit Büchern.

Den Kontakt zur Limburger Leo-Sternberg-Schule hatte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg hergestellt. Organisation und Vorbereitung der Schüler übernahm unter anderem Religionslehrerin Rita Wieder. "Das ist auch eine Vorbereitung für den geplanten Projekttag zum internationalen Holocaust-Gedenktag im Januar", sagte die Lehrerin. koe

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