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Kommen die Windräder?: Windkraft in Heistenbach: Nicht den Wald für Geld opfern

Die Bürger in Heistenbach fühlen sich durch den geplanten Windpark auf dem Steinkopf beeinträchtigt, und die Projektentwickler zeigen sich 14 Tage nach ihrem forschen Auftritt in Altendiez deutlich zurückhaltender. Wie könnte es weitergehen mit der Windkraft in Heistenbach?
Dreieinhalb Stunden lang erhoben Einwohner in einer Bürgerversammlung Einwände gegen Windräder im Altendiezer Staatsforst. Dreieinhalb Stunden lang erhoben Einwohner in einer Bürgerversammlung Einwände gegen Windräder im Altendiezer Staatsforst.
Heistenbach. 

Für Peter Solbach ist es ein wechselvoller Abend. Da ist neben Kritik der Ärger über den vor Jahren geplatzten Kooperationsvertrag mit den Nachbargemeinden, der die Anzahl der Windräder in einem interkommunalen Windpark „wesentlich verringert“ hätte. Da ist der Ärger über die Projektierer, die ihn „im Frühjahr definitiv überfallen“ und „genötigt“ hätten, um einen 750 Meter langen Gemeindeweg für die Andienung nutzen zu können. Und da ist die Sorge, bei „begrenztem Einfluss“ einen finanziellen Vorteil für die Gemeinde zu verspielen.

„Wenn schon nicht zu verhindern, dann wenigstens einen Fuß in der Tür haben und profitieren“, skizziert Solbach die Ausgangs-Position des Ortsrates, nachdem „zwei Jahre nichts von dem Projekt zu hören“ gewesen sei. „Wir wollen ein Mitspracherecht und die Interessen der Gemeinde vertreten“, heißt es vom Ortsbürgermeister (es geht um einen Anteil an 30-prozentigen Pachteinahmen von insgesamt 500 000 Euro). Aber: Persönlich habe er Bedenken und dem Gemeinderat „schmeckt das auch nicht“. Der Bau sei außerdem „noch nicht fix“.

Zehn Windräder, jeweils 212 Meter hoch, möchten iTerra und Trianel im Forst errichten, zwei davon (die auf die Ortschaft Hambach zurücken) auf Heistenbacher Gemarkung. Die Legende mit den Standorten, die nun doch aus Richtung Hambach bedient werden sollen und in Höhe der Schießanlage an die B 417 angebunden werden, ruft im Publikum erste (abwehrende) Reaktionen hervor. Die Projektierer stellen die Anlagen als wesentlichen Baustein der dezentralen Energieversorgung dar, als „preiswerte Energiequelle, deren Wertschöpfung vor Ort bleibt“. Sie betonen, dass die Verbandsgemeinde die Planungshoheit habe und bestimme, ob und unter welchen Bedingungen gebaut werde.

Zwischen 3000 und 5000 Quadratmeter Wald müssten (alte Buchenbestände und hochwertige Biotopstrukturen ausgenommen) pro Anlage gerodet werden, mit sechs Hektar weniger als ein Prozent des Staatsforstes und mit einer Holzmenge von 1500 Kubikmeter (wobei 7500 Kubikmeter im Jahr nachwachsen) nur ein Bruchteil des 245 000 Kubikmeter großen Gesamtvorrates. „Eine Menge unter dem Wert nachhaltiger Waldwirtschaft“, erklärt Forstamtsleiter Hans-Leo Cremer, der allerdings eingestehen muss, dass ein Eingriff in die Natur trotz aller Ausgleichsmaßnahmen nicht zu leugnen ist. Sein Standpunkt: Es werde geplant und geprüft, vom „Bau aber sind wir noch relativ weit weg“.

Ziele des Staates

Erläutert Ralf Ratanski von iTerra noch die begleitenden Gutachten und Maßnahmen, darunter Bohrungen bis in eine Tiefe von 20 Meter zur Prüfung der Bodenschichten, geoelektrische und geophysikalische Messungen, was einen Konflikt mit der Wassergewinnung in der Schutzzone III ausschließe, wird Elmar Thyen (Trianel) grundsätzlich. „Wir brauchen die Umstellung, wir kommen nicht daran vorbei“, verweist er auf die Ziele des Staates für die künftige Energieversorgung. „Die Anlagen werden kommen.“

Ob sie auch in die heimische Region kommen, ist zumindest für die interessierten Einwohner in der gut besuchten Lindenhalle fraglich. „Hier wird alles schöngeredet“, empört sich Horst Christmann. „Der Großteil der Bevölkerung will diese Riesendinger nicht, und die Gemeinden haben jetzt Probleme da rauszukommen“, sagt er unter Applaus. Peter Solbach wird drastischer: „Solange eine Gemeinde an dem Projekt festhält, sind wir die Gearschten . . .“ – „Es geht nur ums Geld“, pflichtet Dirk Gasteier bei. Er fragt: „Wie wollen Sie das wieder gutmachen?“ Der mit viel Mühe aufgebaute Tourismus gehe kaputt.

Dem Vorwurf, ohne verlässliche Informationen über die Auswirkungen des Infraschalls werde ein Experiment gestartet, mochte Elmar Thyen widersprechen. Zwar gebe es tatsächlich keine wissenschaftlichen Nachweise, aber das sei eben das Risiko, das die Gesellschaft eingehe. Im Verlauf der dreieinhalb Stunden langen Diskussion spricht er von Güterabwägung.

Obwohl Planungen an Brutvögelnachweise und Flugrouten angepasst sein sollen, Monitoring-Systeme den Betrieb überwachen und Anlagen bei Kranichzug in Schlechtwetterlagen abschalten, geht Winfried Lieber mit den Gutachten hart ins Gericht. Der Rotmilan werde nicht berücksichtigt, Kraniche seien zur falschen Zeit gezählt worden und die Gutachten insgesamt zu unpräzise, wirft der Nabu-Kreisvorsitzende den Projektierern vor. Das Thema eines Wildwuchses ohne Flächennutzungsplan kontert er mit dem Hinweis, dass dann auch geeignete Flächen fehlten.

„Es ist für uns der wichtigste Wald, es ist unsere Heimat“, kritisiert Hilmar Horny Größe der Vorrangflächen und einen überplanten Staatsforst. „Das schießt über jedes Ziel hinaus, wir brauchen nicht so viel Windkraft.“ Sechs Trinkwasseranlagen im Umfeld, Gefahr durch Überschwemmungen – Horny zählt Gegenargumente auf und fragt: „Wie soll der Wald noch dem Gemeinwohl dienen?“

Ratsfrau Bettina Schneider bezweifelt ein ausreichendes Windaufkommen und geht davon aus, dass sich die Investition trotz günstiger Kapitalmarktbedingungen im Wettbewerb der Stromanbieter nicht rentiert. Der Eingriff in die Landschaft sei nicht auszugleichen.

Aus der Frage „müssen wir den Wald opfern für Geld?“ leitet sich später die Forderung nach einer Abstimmung unter den wahlberechtigten Bürgern ab – unabhängig von der Rechtskraft (die Gemeinde ist nicht Planer). Peter Solbach will das prüfen. In den Rat nimmt er ein Stimmungsbild mit.

(hbw)
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