E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 21°C

Von 68er-Studentenbewegung inspiriert: Almut und Peter Gwiasda: "Sterile Erziehung hat uns nicht gefallen"

Die 68er-Studentenbewegung in Frankfurt haben Almut und Peter Gwiasda persönlich nicht miterlebt. Sehr wohl ließen sich die Wehrheimer aber von der Aufbruchsstimmung der 68er-Generation bewegen. In Kronberg und Schwalbach gründeten sie seinerzeit einen Kinderladen, eine Kinderschule und ein Kinderland. Und sie organisierten in Kronberg auch die ersten hessischen Ferienspiele.
Almut und Peter Gwiasda leben seit 1975 in Wehrheim. Zuvor waren sie, motiviert und bewegt von den Impulsen der 68er-Generation, in Kronberg, Niederhöchstadt und Schwalbach aktiv. Foto: Pieren Almut und Peter Gwiasda leben seit 1975 in Wehrheim. Zuvor waren sie, motiviert und bewegt von den Impulsen der 68er-Generation, in Kronberg, Niederhöchstadt und Schwalbach aktiv.
Eschborn/Schwalbach. 

Mütter, die ihre Kinder in schicken und teuren Autos direkt vor die Tore des Kindergartens kutschierten, gab es bereits Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Staunend beobachtete Almut Gwiasda von ihrem neuen Zuhause in Niederhöchstadt die regen Bring- und Holdienste im benachbarten Kindergarten. Kein Schritt wurde zu viel gemacht. Der dortige Kindergartenalltag war irgendwie nicht ihre Welt. „Ich war Mitte 20, hatte meine Ausbildung beendet, war politisch sehr interessiert und wir verfolgten natürlich die Ereignisse und Entwicklungen im studentischen Frankfurt mit großem Interesse“, erzählt die heute 73-Jährige.

Über die Buschtrommel im persönlichen Umfeld hatten Almut und Peter Gwiasda von einer jungen Familie gehört, die aus Frankfurt nach Kronberg gezogen war. „Das erste Kind von Wilma und Heinz Grossmann ging in Frankfurt in den ersten Kinderladen, der von der Pionierin der antiautoritären Erziehung Monika Seifert gegründet wurde“, erinnert sich Peter Gwiasda.

Info: Weinend aus dem Elternabend gegangen

Den vom Verein sozialpädagogische Praxis angestoßenen Prozess der antiautoritären Erziehung in der Kinderschule in Kronberg, erlebte Almut Gwiasda als Mutter durchaus als anstrengend.

clearing

Für das zweite Kind des Paares aus Frankfurt gab es im Vordertaunus keine vergleichbare Einrichtung. Auch seinerzeit waren Kindergarten-Plätze Mangelware und das Konzept der örtlichen Einrichtung sagte weder den Gwiasdas noch dem Ehepaar Grossmann zu. Irgendwie fand man sich bald mit anderen Eltern zusammen, die auch neue Wege in der Kindererziehung gehen wollten und gründete einen eigenen Kindergarten im Keller des Privathauses von Familie Grossmann. „Das war wie ein Aha-Erlebnis. Wir spürten, wir waren mit unseren Idealen und Vorstellungen nicht alleine“, berichtet Almut Gwiasda.

„Suchen Haus für Kinderschule“, lautete die Überschrift eines Artikels, der bald im Höchster Kreisblatt veröffentlicht wurde. „Verein sucht Platz für freien Kindergarten.“ Der Trägerverein war der kurz zuvor von den Gwiasdas mitbegründete ’Verein sozialpädagogische Praxis’.

„Wir wollten unsere Kinder keinesfalls zu Rebellen erziehen“, sagt das Ehepaar und blickt zurück: „Uns hat die sterile, konforme und unreflektierte Erziehungsarbeit in den kirchlichen und kommunalen Kindergärten nicht zugesagt. Wir waren überzeugt, dass eine repressionsfreie vorschulische Erziehung für die Entwicklung unserer Kinder besser war.“

Das waren die ersten Kinder in der von Almut und Peter Gwiasda mitbegründeten Kinderschule. Bild-Zoom Foto: Pieren
Das waren die ersten Kinder in der von Almut und Peter Gwiasda mitbegründeten Kinderschule.

Rudolf Möller (CDU) war damals neuer Bürgermeister in Kronberg (1971–1990) geworden. Er zeigte sich offen gegenüber den Vorstellungen und Utopien der Eltern. „Er erkannte die Chance, den offenkundigen Mangel an Kindergartenplätzen durch uns zu mildern und bot dem Verein übergangsweise die alte Bürgermeister-Villa an, die bald abgerissen werden sollte“, erinnert sich Gwiasda, der einstige stellvertretende Redaktionsleiter der Taunus Zeitung.

Die Eltern suchten weiter und fanden in der ehemaligen Bauleiter-Baracke aus Zeiten vom Bau der Limesstadt eine dauernde Bleibe für die drei Gruppen des neuen Kindergartens mit je acht Kindern. „Alle Eltern waren geprägt, fasziniert und bewegt von den Forderungen, die die Studentenbewegung in Frankfurt und Berlin forderte und propagierte“, sagt Almut Gwiasda rückblickend. „Wir waren überzeugt: Wenn man die Welt verbessern will, musste man doch bei den Kindern anfangen.“

Während die Studenten ungebunden waren, wussten alle Vereinsmitglieder um ihre Verantwortung für die Kinder. „Wir lebten zwar keinen Studentenalltag. Doch auch als Familie erlebten wir die Zeit als Aufbruch und fanden viele Gleichgesinnte im Umfeld des Kinderladens“, formuliert Peter Gwiasda das Lebensgefühl. Später organisierte der Verein in Kronberg die ersten Ferienspiele in Hessen. „Bürgermeister Möller vertraute uns und bewies großen Mut, das nicht kalkulierbare Risiko der ersten Ferienspiele in seiner Stadt in die Verantwortung eines freien Trägers zu geben“, sagt heute der 74-jährige Gwiasda. „Der Erfolg hat ihm am Ende Recht gegeben.“ Im Rentbachtal pachtete das Ehepaar Gwiasdas ein 2.500 Quadratmeter großes Gartengrundstück und realisierte mit anderen Eltern mit dem ’Kinderland’ einen ersten Abenteuerspielplatz im Taunus. Das Konzept stammt vom Architekten Tassilo Sittmann, der unter anderem auch die Pläne für die Nordweststadt entwickelt hat.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen