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Vertriebene: Als 5.000 osteuropäische Juden im Hahnbergweg unterkamen

Von Vor 70 Jahren wurde in Zeilsheim das DP-Lager geschlossen. Heute gibt es nicht mehr viele Menschen, die sich daran erinnern. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs brachten darin zeitweise bis zu 5000 vertriebene Juden unter. Die meisten warteten auf ihre Ausreise – nach Israel, ins gelobte Land.
Am Hahnbergweg befand sich das Tor zum Zeilsheimer Lager für „Displaced Persons“, kurz DP-Lager genannt. Es beherbergte zeitweise bis zu 5000 vertriebene Juden. Am Hahnbergweg befand sich das Tor zum Zeilsheimer Lager für „Displaced Persons“, kurz DP-Lager genannt. Es beherbergte zeitweise bis zu 5000 vertriebene Juden.
Zeilsheim. 

Es heißt, das DP-Lager Zeilsheim soll 1947 die höchste Geburtenrate der ganzen Welt gehabt haben. Diese Angabe stammt zumindest aus Veröffentlichungen der Vereinten Nationen (UN). Die Menschen im Lager, Vertriebene, aus den Konzentrations- und Arbeitslagern der Nazis Befreite, Entwurzelte – sie schöpften wieder Hoffnung. Es wurde wieder geheiratet, es wurden Kinder geboren für „ein Leben aufs Neu“, wie ein jiddisches Schlagwort lautete. „Displaced Persons“, kurz DPs, nannten die UN diese Menschen – „fehlplatziert“. Die meisten waren Juden aus Osteuropa. Sie wurden in Lagern untergebracht, eines davon in Zeilsheim. Die Nazis hatten zuvor im „Steinbarackenlager“ Zwangsarbeiter für die IG Farben in Höchst untergebracht; nachdem Krieg wurden die DPs im „Steinbarackenlager“ einquartiert und im „Holzbarackenlager“ auf dem Areal der heutigen Märchensiedlung deutsche Kriegsgefangene. Das DP-Lager Zeilsheim konnte erst 1948 geschlossen werden – vor 70 Jahren.

Aus den Fenstern heraus wurden Geschäfte getätigt. Bild-Zoom
Aus den Fenstern heraus wurden Geschäfte getätigt.

Wohnungen geräumt

Nur die ganz Alten erinnern sich noch an diese Zeit. Das Lagertor stand im Hahnbergweg; das Lager befand sich größtenteils auf dem Areal des heutigen Parks hinter der Stadthalle. Aber das amerikanische Militär ließ im Oktober 1945 auch 127 Privatwohnungen von Zeilsheimern räumen, um alle Menschen unterbringen zu können. Die Zeilsheimer hatten nur eine Nacht Zeit, ihre Sachen zu packen. Möbel, Matratzen, Federbetten, Lampen durften nicht mitgenommen werden. Erst 1949 durften diese Ausquartierten wieder in ihre Wohnungen zurück.

Bereits im August 1945 waren die ersten befreiten KZ-Häftlinge in den ehemaligen Zwangsarbeiter-Baracken untergebracht worden. Judah Nadich, US-Militärkaplan und „Special Consultant on Jewish Problems“, besuchte kurz nach Eröffnung dieses erste Notlager. „Ich wurde darüber informiert, dass etwa 150 polnische Juden dort untergebracht waren. Acht Tage später, bei meinem zweiten Besuch waren es schon 250 Juden, davon 80 Prozent aus Polen, der Rest Litauer und Ungarn“, notierte Nadich, der von US-Präsident Harry S. Truman zum Berater ernannt worden war. Weil weitere Unterkünfte dringend benötigt wurden, fackelten die Amerikaner nicht lange und requirierten die Wohnungen der Zeilsheimer.

Im Durchschnitt 3000, zu Hochzeiten bis zu 5000 Menschen lebten im Zeilsheimer Lager. Es gab dort eine Synagoge, eine Schule mit Gymnasium, einen Kindergarten, natürlich eine Säuglingsstation, eine eigene Lagerpolizei, zwei Sportvereine, sogar eine Lagerzeitung: „Untervegs – The Transient, Organ of the Liberated Jews of Frankfurt a.M.-Zeilsheim“, anfangs „Undzer Mut“. Der Historiker Arno Lustiger (1924–2012), der im Herbst 1945 in Frankfurt gestrandet war, sammelte in der „Untervegs“-Redaktion erste journalistische Erfahrungen. Er hatte als gebürtiger Pole die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt.

Eleanor Roosevelt, die Frau des US-Präsidenten, kam zu Besuch. Bild-Zoom
Eleanor Roosevelt, die Frau des US-Präsidenten, kam zu Besuch.

Nirgends willkommen

In einem „Palästina-Amt“ wurden DPs für die Auswanderung nach Israel angeworben, das allerdings erst am 14. Mai 1948 als repräsentative Demokratie mit einem parlamentarischen Regierungssystem proklamiert wurde. Zuvor wussten diese Menschen nicht wohin: Kein europäisches Land außer Frankreich und Schweden nahm nach Kriegsende Juden auf. US-Präsident Harry S. Truman forderte die Briten, die Palästina besetzt hielten, auf, sofort 100 000 jüdische Einwanderer ins Land zu lassen, doch die Briten hielten an niedrigen Monatskontingenten fest. Die Sowjetunion schob seit Februar 1946 etwa 175 000 polnische Juden nach Polen ab, die dort jedoch nicht willkommen waren – meist hatten sich Polen ihren Besitz angeeignet. Etwa 95 000 Menschen flohen illegal über Westeuropa nach Palästina, heimlich unterstützt von der Hagana, einer jüdischen Miliz, die ursprünglich die britische Armee unterstützte. Die Briten deportierten 50 000 von ihnen zurück in DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland, ein Teil wurde auf Zypern interniert. Erst nach der Gründung Israels konnten sie gehen.

Blick aus dem Lagertor auf das gegenüber an der Pfaffenwiese gelegene Farbwerks-Kaufhaus. Bild-Zoom
Blick aus dem Lagertor auf das gegenüber an der Pfaffenwiese gelegene Farbwerks-Kaufhaus.

Die US-Streitkräfte versorgten die DP-Lager mit allem, was gebraucht wurde: Zeilsheim entwickelte sich schnell zum größten Schwarzmarkt Deutschlands, denn die ausgehungerten Deutschen brauchten Lebensmittel, Kleidung, Schuhe. Als das DP-Lager aufgelöst wurde und die Zeilsheimer ihre Wohnungen zurückbekamen, wurden die Baracken noch weiter bewohnt: In ihnen lebten noch bis in die 50er Jahre deutsche Vertriebene aus den sogenannten Ostgebieten. Fotos des 1985 verstorbenen jüdischen Fotografen Ephraim Robinson dokumentieren das Leben im Lager. Das Buch gibt es nur noch antiquarisch oder in Bibliotheken.

Mehr Infos:

Jaqueline Giere / Rachel Salamander: Ein Leben aufs Neu – das Robinson-Album, Wien 1995.

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