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Als die Zigarette in den Krieg zog

Von Rainer Immensack, Personaltrainer und Kommunikationsberater aus Diedenbergen, hat ein großes Hobby: Seit 45 Jahren ist er Sammler von Tabak-Utensilien aller Art. Vor zehn Jahren hat er sich auf die Berliner Zigarettenfabrik Manoli spezialisiert, intensiv geforscht und viel Interessantes herausgefunden. Im Wildsächser Heimatmuseum ist am 5. Februar und 4. März ein Teil seiner einzigartigen Sammlung zu sehen.
Rainer Immensack sammelt Tabak-Utensilien... Foto: Nietner Bilder > Rainer Immensack sammelt Tabak-Utensilien... Foto: Nietner
Diedenbergen/Wildsachsen. 

"Es geht mir nicht um die Zigaretten oder das Rauchen selbst, denn der Tabak hat heutzutage keinen Lauf mehr", sagt Rainer Immensack (61). Er selbst raucht seit über 20 Jahren nicht mehr. "Wichtig sind mir viel mehr die Hintergründe und Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft." Immensack besitzt eine der größten tabakhistorischen Sammlungen in Deutschland, gilt als ausgewiesener Spezialist für Manoli-Zigaretten. Die waren um die Jahrhundertwende und bis in den 1. Weltkrieg "der Mercedes unter den Zigaretten", wie er sagt. Die Rolle der Zigarettenindustrie im 1. Weltkrieg hat Immensack an Manoli erforscht.

"Zur Zeit des 1. Weltkrieges gab es in Deutschland etwa 2000 Zigarettenfabriken, sechs allein in Frankfurt. In Wallau hat die Firma Nestor Gianaclis bis ins Jahr 2000 Zigaretten produziert", weiß der Experte. "Im 1. Weltkrieg wurden fünf Milliarden Zigaretten pro Jahr verkauft."

Immensacks Exponate werden mittlerweile von Museen in ganz Deutschland angefragt, sein Fachwissen hat Gewicht. Zurzeit arbeitet er an einem Buch zum Thema "Manoli und sein Wirken auf den Markt". Der Inhaber der Berliner Zigarettenfabrik, Jacob Mandelbaum (geboren 1859), hat den Krieg massiv unterstützt und von ihm geschäftlich profitiert.

Immensacks Begeisterung für Utensilien rund um den Tabak begann, als er 16 war, mit einigen Tabakpfeifen, die er von Verwandten geschenkt bekam. Heute besitzt er allein 3000 Zigarettenschachteln und –dosen aus der Zeit der Jahrhundertwende, dem Höhepunkt der deutschen Zigarettenindustrie, davon 420 von Manoli. Außerdem hat er Werbeschilder und Plakate, darunter ein Originalplakat aus der Berliner U-Bahn von 1912, und besitzt die komplette Fachliteratur dazu. Sein "Schatz" ist eine kleine Schachtel mit dem Aufdruck "Meine Kleine" aus dem Jahr 1899. Sie hat ihn stolze 300 Euro gekostet. Die Miniatur-Zigaretten darin, damals für Damen gedacht, sind heute nicht mehr genießbar. "Zu trocken", sagt der Fachmann.

Mit seiner Frau Erika, die mit ihm Feuerzeuge und Streichholzschachteln sammelt, hat er viele "Tabakreisen" unternommen, sich den Tabakanbau in Griechenland, der Türkei und in Deutschland in Forchheim und bei Lorsch angesehen und Museen in Wien und Hamburg besucht. Als er vor zehn Jahren im "Langenhainer Häuschen" zum Thema "Alles rund um den Tabak" ausstellte, ließ ihn die Frage eines Besuchers stutzig werden: "Er fragte mich, warum auf den Schachteln alte Produktnamen überklebt worden waren."

Ab 1914 wurden alle Zigarettennamen, auf Druck des Deutschen Sprachvereins, konsequent eingedeutscht. Vorher hießen Zigaretten in Deutschland noch "Cigarettes". Die Zigarette "The Kaiser" wurde in "Kaiser" umbenannt. Der auf der Dose in englischer Dragoner-Uniform abgebildete Wilhelm II (ein Enkel von Queen Victoria) war ab Kriegsbeginn nur noch in der feldgrauen Uniform des Deutschen Reiches zu sehen. Die Zigarettenmarke "Dandy" wurde zu "Dalli", "Gibson Girl" zu "Wimpel" und "House of Lord" zu "Herrenhaus".

"Manoli vermarktete seine Ware als ,herrlichster Genuss im Schützengraben‘, als ,Seelentröster der Soldaten‘", weiß Rainer Immensack. "Schließlich galt es, die Soldaten, die in diesem Stellungskrieg zum Teil monatelang in ihren Schützengräben campierten, bei Laune zu halten."

Als erster Konsumgüterproduzent überhaupt begann Mandelbaum mit großangelegten Werbekampagnen. Namhafte Grafiker und Künstler entwickelten die Kampagne, Schachteln und Verpackungen wurden zu Kunstwerken erhoben. "Berlin war damals, noch weit vor New York, Mekka der Werbeindustrie." In der zunächst monatlich erscheinenden Manoli-Post wurden Briefe von der Front abgedruckt, in denen um Tabak für das deutsche Heer gebeten wurde. "Ein wunderbares Zeitdokument", findet der Diedenbergener und betont: "Jacob Mandelbaum gilt als geistiger Vater des sogenannten Corporate Designs." In Wildsachsen hat er unter anderem sogenannte Feldpost-Liebesgaben ausgestellt, mit denen Angehörige ihre Liebsten an der Front mit den heiß begehrten Zigaretten versorgen konnten.

Mandelbaum unterstützte den Krieg massiv durch den Kauf von Kriegsanleihen. "Auch den Bau des Motorfliegers ,Rumpler Taube‘, der im Krieg Bomben abwarf, hat er gesponsert." 1917 kam es zum großen Tabaknotstand, der bis 1922 anhalten sollte. Am 23. Oktober 1918 nahm sich der prominente Industrielle das Leben, 1924 wurde die Firma an den Konkurrent Reemtsma verkauft.

Mehrere Museen haben Interesse an Immensacks Forschungen und Exponaten angemeldet. Das Deutsche Plakatmuseum im Museum Folkwang in Essen plant mit ihm eine Ausstellung, das Verpackungsmuseum in Heidelberg ist interessiert und das jüdische Museum in Berlin wartet auf weitere Erkenntnisse. Aber den Museen fehlt es an Geld: "In Heidelberg hat man mir gesagt, ich müsse 25 000 Euro mitbringen", so Immensack. Bis ein Sponsor gefunden ist, müssen die Projekte warten. Am 5. Februar und 4. März kann man die Ausstellung "Die Zigarette im 1. Weltkrieg" im Heimatmuseum Wildsachsen, Alt Wildsachsen 31, von 15 bis 18 Uhr, sehen.

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