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Liederbacher Rathaus: Altes Rathaus feiert 300. Geburtstag: Schmuckstück im Wandel

Von Es war einst Verwaltungssitz und Politikertreff, dann Schulhaus, Wohnung, Arztpraxis, Bauhof-Areal und Bankfiliale. Heute sind die Senioren hier zu Hause.
Das Rathaus im Wandel: 1921. Das Rathaus im Wandel: 1921.
Liederbach. 

Rathäuser als äußere Zeichen der Selbstverwaltung wurden in den Dörfern auf dem Gebiet des heutigen Main-Taunus-Kreises seit Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut. Bis dahin tagten die Dorfgerichte, zu deren Aufgaben auch die Gemeindeverwaltung zählte, „zumeist unter einer Linde“. Das schreibt der Kelkheimer Stadtarchivar Dietrich Kleipa in seinem Aufsatz über die „Rathäuser in Liederbach“, in dem er auch auf die genau 300 Jahre alte Geschichte des Alten Rathauses in Niederhofheim zurückblickt. Dieses Jubiläum soll nun gefeiert werden (siehe „Info“).

Meist zu Hause „regiert“

Im Unterschied zu heutigen Verwaltungsgebäuden dienten die früheren Rathäuser den Dorfgerichten und später der Gemeindevertretung eher als Versammlungsort. Oder es kamen Bürger zu wichtigen Anlässen zusammen. Die Verwaltungsaufgaben wurden bis 20. Jahrhundert von den Schultheißen, die seit 1848 Bürgermeister genannt werden, und den Gemeinderechnern in deren Wohnhäusern erledigt, vergleicht Kleipa.

Das Rathaus im Wandel Bild-Zoom
Das Rathaus im Wandel
Das ältere der beiden Liederbacher Rathäuser ist der markante Fachwerkbau in Alt-Niederhofheim. Das Bauwerk mit dem sechseckigen Haubendachreiter ist längst ein Markenzeichen der Gemeinde, weshalb beim Erhalt durch das Deutsche Rote Kreuz vor drei Jahren viele aufgeatmet haben. Als Baujahr wurde zunächst 1691 angenommen. Denn es gibt im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden eine Akte mit dem Titel „Die von der Gemeinde Niederhofheim errichtete Schule 1691 – 1710“. Der Akteninhalt enthält laut Kleipa jedoch „keinen Hinweis auf einen Schul- bzw. Rathausneubau“. Es finde sich nur ein Hinweis über einen unrechtmäßig eingesetzten Schulmeister.

Das exakte Baujahr des Alten Rathauses ließ sich nur durch die Dendrochronologie, Jahresringdatierung genannt, herausfinden. Eine Datierung ist bis auf ein Jahr genau per Computer möglich. 1985 gab es eine solche Untersuchung des Dach- und Dachreitergebälks im Alten Rathaus – und es wurden Fälldaten von Ende 1713 bis Ende 1716 ermittelt. Der entscheidende Satz in Kleipas Chronik: „Verarbeitet wurde das Holz im Jahr 1717, das nun als Baujahr des alten Rathaus wissenschaftlich gesichert gilt.“

Der Kelkheimer Archivar forschte weiter zum Schmuckstück. So belegen Niederhofheimer Gemeinderechnungen in den folgenden Jahren fast ständig Ausgaben. Sie weisen nach, dass dieses Gebäude bereits ein Ziegeldach hatte, dass die Fenster verglast waren und immer wieder vom Glaser geflickt werden mussten. Es gab Wetterbretter zum Schutz, die Balken und Dielen der unteren Stube wurden 1754/55 eingezogen. Und in diesen Jahren befestigte Schmied Otto Greulich einen „Kloben“ an der Rathaustür – für 35 Kreuzer.

1819 wurde das Rathaus zur Schule, da das Nassauer Schuledikt für Niederhofheim eine eigene Einrichtung vorsah. Die Kinder mussten jetzt nicht mehr zur Schule des Pfarrorts Oberliederbach gehen, was bei schlechtem Wetter auch beschwerlich war. Im Erdgeschoss war die Wohnung für den Lehrer, im oberen Stock der Lehrsaal, der auch für Versammlungen der Gemeinde diente. Einen Spielplatz gab es nicht, ein Stück Land diente außerhalb des Ortes als Turnfläche. Als Ventilation diente eine Öffnung in der Decke, die Bänke waren dem unterschiedlichen Alter der Kinder nicht angepasst, im Hof gab es zwei Aborte auf einer offenen, nicht zementierten Grube. So steht es in einem 1887 erschienenen Buch des Kreisarztes Grandhomme.

Da die Schülerzahlen stiegen, musste ein neues Schulhaus her, das 1891/92 an der Feldstraße gebaut wurde. Die Gemeinde vermietete die Räume im Alten Rathaus an eine Familie – mit Ausnahme des Lehrsaals, der weiterhin als Versammlungsraum diente. Um 1910 befanden sich im Erdgeschoss eine Küche, ein Wohn- und ein Kinderschlafzimmer, im ersten Stock war das Schlafzimmer der Eltern. Nach 1912 wurde dieser Raum zum Amtszimmer des Bürgermeisters – der allerdings kaum genutzt wurde, weil die Geschäfte meist zu Hause erledigt wurden. Die Gemeindevertretung tagte dort regelmäßig, etwa 30 Zuhörer hatten Platz.

Glocke für die Kirche

1961 zog die Verwaltung in die frei gewordenen Räume der Lehrdienstwohnung im Schulhaus. Daher wurde das Alte Rathaus wieder als Wohnraum genutzt. Von 1964 bis 1967 kam hier die erste Arztpraxis unter, in den 70er-Jahren nutzte der Kulturring Räume, zeitweise war der Bauhof untergebracht. Die Volksbank übernahm das Rathaus 1995, errichtete den Anbau mit Tresorraum im Keller, schloss aber die Filiale dann 2009. Fünf Jahre stand das Ensemble leer, bis das DRK dank einer Erbschaft dort die Seniorenbegegnungsstätte und einen Ausstellungsraum einrichten konnte. Die Wohnung ist weiterhin vermietet. Früher hing im Dachreiter des Rathauses übrigens eine Glocke, die um 10, 12 und 18 Uhr sowie bei Sterbefällen geläutet wurde. Dadurch wurde das Gebälk stark erschüttert. Um Schäden zu vermeiden, ließ die Gemeinde 1972 die Glocke rausnehmen und übergab sie der Evangelischen Kirche fürs neue Gemeindezentrum.

 

(wein)

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