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Als die Kerb zehn Tage dauerte: Beim Kirchweihfest werden treue Burschen geehrt

1947 stemmten acht Schulkameraden die Kerb und erhielten zur Belohnung jeder einen Gickel. 20 Jahre später gab’s für die aktive Truppe ein Marathon-Fest.
Für 70 Jahre Treue erhielt Heinrich Müller (Mitte) einen Mini-Bembel. Willibald Herr (links) und Willi Schütz sind fünf Jahrzehnte dabei. Foto: Hans Nietner Für 70 Jahre Treue erhielt Heinrich Müller (Mitte) einen Mini-Bembel. Willibald Herr (links) und Willi Schütz sind fünf Jahrzehnte dabei.
Münster. 

„Vor 50 Jahren war die Kerb das Wichtigste im Jahr. Aber heute wird auch noch ganz gut gefeiert.“ Heinricht Müller kann das Kirchweihfest gut vergleichen. Denn er war vor stolzen 70 Jahren Kerbeborsch in Münster, ist noch heute gerne im Zelt dabei. Am Sonntag wurde er für sein Jubiläum geehrt und genoss schon ein paar Ebbelwoi, am Montag beim Frühschoppen war der 89-Jährige wieder unter den Gästen. Und so wünscht er sich, „dass die Kerb noch lange bestehen bleibt“. Fürs nächste Jahr seien die Kerbeborsch schon wieder gesichert, hat Müller erfahren.

„Der Ort hat gefeiert“

Vor sieben Jahrzehnten waren es noch ganz andere Voraussetzungen. Gleich nach dem Krieg kamen viele junge Münsterer erst aus der Gefangenschaft zurück, entsprechend klein war die Kerb 1946. Doch ein Jahr später stellte die Gruppe um Müller schon ein größeres Fest auf die Beine. „Wir hatten einen guten Zusammenhalt im Schuljahrgang, also sind wir Kerbeborsch geworden“, erinnert er sich. Acht junge Männer im Alter von 19 Jahren waren das, die das Programm und die Organisation stemmten. „Das war eine Ausnahmskerb, der ganze Ort hat gefeiert.“ Der Umzug am Sonntag habe fast nicht enden wollen, erst nach mehr als vier Stunden zog der Tross zum Tanz in den „Nassauer Hof“ zum Gasser ein. Am Montag war dann wie heute Frühschoppen – und kaum einer sei der Arbeit nachgegangen, weiß Müller.

Die jungen Kerbeburschen erhielten Unterstützung der Landwirte, die jedem einen Gickel schenkten. Der wurde beim Gasser gebraten – dafür musste Butter aus Zeilsheim beschafft werden. Ein halbes Pfund für 300 Reichsmark, wie Müller noch weiß. Zudem konnten die Kerbeburschen ein städtisches Grundstück nutzen und dort die Äpfel ernten – diese tauschten sie dann beim Gasser gegen Ebbelwoi ein. Auch der Kerbebaum stand direkt beim „Nassauer Hof“.

Ein Jahr waren die acht Mann Kerbeborsch aktiv – neben Müller lebt nur noch Richard Michel. Der Münsterer schätzt den Zusammenhalt damals, die Kerb sei mit der heute nur schwer zu vergleichen, sagt der Vater zweier Töchter. Stolz ist der ehemalige Besitzer eines Spielwaren- und später Zeitschriftenladens, dass zwei Enkel Kerbeborsch waren. Er hat der Kerb 70 Jahre die Treue gehalten, freut sich, dort alte Bekannte zu treffen.

Äpfel stibitzt

Ebenfalls Jubiläum feiern die grünen 67er-Kerbeborsch, vor 50 Jahren aktiv. Zwischen 16 und 19 Jahre waren sie alt und bereiteten sich rechtzeitig vor. „Bereits 1966 haben wir, wie es üblich ist, die Äbbel geklaut und Äbbelwoi gekeltert“, schreibt Helmut Christmann im diesjährigen Kerbeheft. Den Baum stellten sie beim Lehner in der engen Hinnergass. „Gefeiert wurde zehn Tage, kaum zu glauben!“, erinnert sich Christmann. Es gab sechs Tanzveranstaltungen, zum Auftakt in der Turnhalle, danach beim Lehnert – „mit der damals besten Showband ,Thorwart‘“. Zum Programm in Münster zählten neben Kirchgang, Gickelschmiss und Montagsfrühschoppen auch das Fußballturnier der jungen und älteren Kerbeburschen sowie die Beerdigung am Nachkerbemontag.

Christmann hat die Preise 1967 aufgelistet: Das Schnitzel, größer als der Teller, gab’s für 3,50 Mark, die Kerbeborschkapp für 22, den Kerbebaum für 22,50 Mark. Die Verpflegung der Gruppe für alle zehn Tage verschlang 1296 Mark. Noch heute trifft sich die Truppe einmal im Monat. Anfang September hatte sie ihre 600. Kerbeborsch-Sitzung. Wenn Hilfe im Zelt gefragt ist, ist der Tross dabei – aber vier Kameraden sind bereits gestorben. Es gibt auch Ausflugsfahrten jedes Jahr.

Und noch eine Truppe feierte 2017 Jubiläum bei der Münsterer Kerb: Die 92er-Kerbeborsch. Da es seit 1985 keine neue Kräfte mehr gegeben hatte, sorgte die Truppe für frisches Blut am Kirchweih-Wochenende. Das Dallesfest war damals die große Feier im Zelt, die Kerb ging in den Münsterer Kneipen und Gaststätten über die Bühne, erinnert sich Konrad Bansa. Um Kleidung, Saal- und Baumschmuck, Bembel, Fahne und Nahrung zu finanzieren, musste jeder 500 Mark in die Kasse zahlen. Drei Tage wurde gefeiert, am Freitagabend bereitete sich der Tross im Kabuff des Alten Rathauses vor. Noch heute treffen sich die 92er, haben gemeinsam schon viele Reisen gemacht.

(wein)
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