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Novemberpogrome 1938: Berührende Momente, mahnende Worte

Sodener halten die Erinnerung an die Pogromnacht wach - 50 Mitglieder zählte damals die jüdische Gemeinde.
Rechtes Bild: Der freundliche Mann mit dem Schnauzbart ist Julius Scheuer, rechts von ihm läuft seine Tochter Rosa, links sein Schwiegersohn Markus Grünebaum. Bilder > Foto: Foto/Repo: Kramer Rechtes Bild: Der freundliche Mann mit dem Schnauzbart ist Julius Scheuer, rechts von ihm läuft seine Tochter Rosa, links sein Schwiegersohn Markus Grünebaum.
Bad Soden. 

Es war eine nachdenkliche und sehr persönliche Veranstaltung, zu der die Bad Sodener Stolperstein-Gruppe für Donnerstagabend ins Badehaus-Foyer eingeladen hatte. Persönlich, weil es um die Bad Sodener Familien ging, die hier in der einstigen Kurstadt gelebt haben – bis zum 10. November 1938, dem Tag nach der „Reichskristallnacht“, als auch in Soden der Nazi-Mob durch den Ort zog, jüdische Einrichtungen und Häuser verwüstete und zerstörte sowie die bis dahin geschätzten jüdischen Bürger aus der Stadt vertrieb.

Wie viele jüdische Nachbarn gab es in Soden? Wie lebten sie? Was geschah mit ihnen, als sie aus ihrer normalen und alltäglichen Existenz so grausam herausgerissen wurden?

Nie mehr als 50 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde zu der Zeit, haben Lissy Hammerbeck und Rüdiger Brause recherchiert. Das Miteinander mit der christlichen Nachbarschaft sei unkompliziert gewesen, man habe einander besucht und sich gegenseitig unterstützt.

Das Leben der Familie Scheuer ist so ein Beispiel: Julius Scheuer, deutscher Bürger jüdischen Glaubens, Chef eines erfolgreichen Familienunternehmens, lebte mit seiner Frau Fanny und sechs Kindern in der Villa Aurora in der Alleestraße. Von 1885 bis 1907 war er dritter Gemeindevorsteher. 22 Jahre lang leitete er die jüdische Gemeinde. Er war ein großzügiger Mensch, schildert Lissy Hammerbeck, bei dem man auch mal anschreiben lassen durfte. „Scheuer Jud“ nannten ihn die Sodener frotzelnd. Zwei seiner Söhne starben früh, sie sind auf dem jüdischen Friedhof in Soden beerdigt. Einer von ihnen, Emil, nahm sich das Leben.

Danach rückte die Familie zusammen. Julius nahm die Schwiegertochter seines Sohns und Mutter zweier Enkel in die Firma auf. Julius Scheuers Tochter Rosa heiratete Markus Grünebaum. Er war der letzte Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde in Soden. Seinen Schwiegersohn nahm Julius Scheuer als Teilhaber in die Firma auf.

Wie das Haus Grünebaum nach der Verwüstung durch den Nazi-Pöbel aussah – zerbrochene Fensterscheiben, herunterhängende, abgerissene Vorhänge, zertrümmertes Mobiliar –, daran erinnerte Zeitzeugin Dietmut Thilenius. Die damals Siebenjährige hat es auf ihrem Weg zur Volksschule gesehen. Sie schilderte, wie verstört ihre Mutter an dem Tag war. „Ich hatte sie vorher noch nie weinen gesehen“, sagte die Sodener Ärztin.

An das Schicksal der Familie Max Isserlin erinnern Schüler der Eschborner Heinrich-von-Kleist-Schule im Badehaus. Mit ihren Geschichtslehrerinnen haben sie sich im Herbst 2013 mit dem Thema beschäftigt und die Patenschaft für den Stolperstein des Sodener Arztes übernommen (wir berichteten). Bis zum Novemberpogrom leitete Isserlin die israelitische Kuranstalt, war Vorsitzender des Ärztevereins und investierte in den Bau des heutigen Medico Palais. Er und seine Frau Regina flüchteten nach England. Ihre beiden Kinder hatten sie vorher nach London geschickt.

Tragisch auseinandergerissen wurde auch die Familie Strauss. Moritz und seine Frau Karoline lebten gegenüber der Synagoge in der Neugasse 3. Er war Viehhändler und von 1924 an zweiter Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde. Ihre Kinder, Wilhelm und Johanna, waren in Soden beliebt. Wilhelm hatte 1929 den Sodener Reitverein mitgegründet. Johanna mit ihrem Mann und zwei Kindern war schon früher in die USA geflohen. Wilhelm mit seiner Frau Olivia und Tochter Hannelore gingen im Dezember 1937 aufs Schiff mit dem Ziel New York. Die Eltern, Moritz und Lina, blieben zurück

Mit seinem gefühlvollen Spiel auf der Klarinette setzte Lukas Birovescu berührende Akzente während der Feier. Da der Ton heute wieder rauer werde, mahnte Bürgermeister Norbert Altenkamp, sollten wir uns „mit klarer Kante und bürgerschaftlichem Engagement für eine offene, tolerante und zukunftsorientierte Gesellschaft einsetzen“.

(kra)
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