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Das Idyll der Eisenbahner

Von Die Eisenbahnersiedlung in Nied ist eine grüne Idylle mitten in der Stadt. Für ihren Erhalt haben die Bewohner gestritten, ihre Geschichte hat nun der Heimat- und Geschichtsverein des Stadtteils aufgearbeitet.
Die »grüne Lunge« direkt zwischen den Haustüren. Die Innenhöfe der denkmalgeschützten Eisenbahnersiedlung gleichen kleinen Naherholungsgebieten. Fotos: Göckes Die »grüne Lunge« direkt zwischen den Haustüren. Die Innenhöfe der denkmalgeschützten Eisenbahnersiedlung gleichen kleinen Naherholungsgebieten. Fotos: Göckes
Nied. 

Früher war weder alles anders noch alles besser. Um 22 Uhr gingen früher die Lichter aus - zumindest in der Eisenbahnersiedlung in Nied. Der Strom kam nämlich über ein Trafohäuschen in die Siedlung, und sobald um 22 Uhr im Ausbesserungswerk an der Oeserstraße der Feierabend eingeläutet wurde, saßen die Bewohner der „Wagenburg“ - als solche sind die Häuser rund um einen grünen Kern angeordnet - im Dunkeln.

Strom haben sie inzwischen durchgängig, die Eisenbahner. Sonst ist aber noch immer viel beim Alten. Die kleine Siedlung - rund 420 Wohneinheiten zählt sie heute, das macht etwa 1000 Bewohner - steht unter Denkmalschutz, in den Kleingärten, die von der Bebauung wie zum Schutz umschlossen werden, wachsen neben allerlei Zierpflanzen auch noch immer Tomaten, Gurken oder Bohnen. Sommerliche Tage nutzen die Bewohner, um auf den Leinen zwischen den Gärten ihre Wäsche zu trocknen. Ein ländliches Idyll mitten in Frankfurt. „Früher gab es hier noch Ställe, Hühner und auch Ziegen“, weiß Wolfgang Lampe vom Heimat- und Geschichtsverein Nied. Lampe wohnt nicht nur in der Siedlung, er gehört auch zu einem kleinen Team des Vereins der Heimatforscher, dass sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Bebauung am Rande des Niedwalds auseinandergesetzt hat.

Fast 100 Jahre Geschichte

Herausgekommen ist eine Ausstellung im Museum an der Beunestraße, die sich mit der Entstehung und der Entwicklung der Siedlung auseinandersetzt. Zu erzählen gibt es eine Menge, schließlich gibt es die Siedlung bereits seit fast 100 Jahren. „Die Bauarbeiten haben 1919 begonnen. Ein halbes Jahr später sind schon die ersten Bewohner eingezogen“, weiß Lampe. In den ersten Jahrzehnten war die Siedlung den Arbeitnehmern des nahe gelegenen Ausbesserungswerk der Bahn vorbehalten. Später durften auch ihre Kinder einziehen. Inzwischen werden neue Mietinteressenten zwar noch immer von einer Genossenschaft geprüft, „Eisenbahner“ werden kann aber theoretisch jeder. Das Ensemble der kompakten Häuserreihen entstand in zwei Bauabschnitten bis zum Jahr 1926. Die großzügigen Gartenanlagen hatten ursprünglich den Zweck, zur Sicherung des Lebensunterhalts der Bewohner beizutragen. In kleinen Ställen hielten sie Nutztiere; was geerntet werden konnte, wanderte direkt aus dem Garten in die Küche.

Kämpferische Bewohner

1968 schloss das Ausbesserungswerk der Bahn, und mit der Siedlung ging es bergab. „Die Substanz der Häuser wurde schlechter. Vorher wurden viele Arbeiten zwischendurch von den Arbeitern erledigt, das gab es dann nicht mehr“, sagt Lampe. Notwendige Reparaturen wurden verzögert, und Anfang der 1980er Jahre wurde schließlich über eine Neubebauung diskutiert. „Das war eine schwierige Situation. Die Argumentation war, dass die Häuser nicht zukunftsfähig seien“, weiß der Heimatforscher. Es ging um viel Geld und für die Bewohner um die Bewahrung ihrer Siedlung. „Woher die Idee kam, die Siedlung unter Denkmalschutz stellen zu lassen, weiß niemand mehr“, sagt Lampe. Mit dem Ortsbeirat setzten sich die Bewohner für den Erhalt ein - mit Erfolg. Seither gilt die Eisenbahnersiedlung als Kulturgut und steht unter Denkmalschutz. Mehr als 80 Prozent der damaligen Bewohner sollen sich dafür ausgesprochen haben. Und was die Zukunftsfähigkeit angeht, da können die heutigen Bewohner nur müde lächeln. „Der Bedarf an Wohnraum ist riesig. Zeitweise konnten früher die Dachgeschosse als Wohnungen genutzt werden, was der Brandschutz heute verbietet. Wenn das wieder möglich wäre, die Wohnungen wären sofort weg“, ist sich Lampe sicher.

Kein Wunder, haben die Wohnungen mit Blick über zahllose Gärten doch sicherlich ihren Reiz. Hinzu kommen noch die vielen versteckten Perlen, die unkundigen Besuchern meist verborgen bleiben. Wie zum Beispiel der Faulbrunnen, der in einer idyllischen kleinen Grünanlage unweit eines der beiden Kindergärten der Siedlung liegt. „Trinken darf man das Wasser heute nicht mehr, da die Leitungen nicht erneuert wurden“, bedauert Lampe. Gerüchteweise soll es aber nicht schlecht schmecken. Als Naherholungsgebiet eignet sich das Fleckchen dennoch bestens.

Fünf Monate haben sich Wolfgang Lampe, Brigitte Vollert, Norbert Traband und Dieter Kruska vom Heimat- und Geschichtsverein Nied mit der Geschichte der Siedlung und dem Leben, das innerhalb der „Wagenburg“ geführt wurde, auseinandergesetzt. Die Ausstellung, in der sie die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren, ist immer sonntags von 14 bis 17 Uhr im Heimatmuseum Nied, Beunestraße 9 a, Telefon (0 69) 39 45 39, zu sehen.

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