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"Das Märchen vom Lärmschutz"

Von Rund ein Viertel der Anträge aus der Untermainstadt hat das Regierungspräsidium beantwortet. Wir unterhielten uns mit einer Familie, die über die Antwort fassungslos ist.
Flörsheimer wie Irmgard Ziegler (großes Bild, links) und Tochter Sylvia Ullrich Politikern die rote Karte. Fotos: Nietner, dpa Bilder > Flörsheimer wie Irmgard Ziegler (großes Bild, links) und Tochter Sylvia Ullrich Politikern die rote Karte. Fotos: Nietner, dpa
Flörsheim. 

Sylvia Ullrich klingen die Worte noch im Ohr. "Es ist nun wichtig, dass den Betroffenen schnell und unbürokratisch geholfen wird." Das haben sie vor laufenden Kameras gesagt, Fraport-Chef Stefan Schulte und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier, kurz nach Eröffnung der Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens. Für Sylvia Ullrich hörte sich das Ende Oktober 2011 nach Hoffnung an, in den ersten Tagen des Lärmterrors für die Flörsheimer. "Genau das Gegenteil ist passiert", sagt sie heute. Den angekündigten Schallschutz halte sie inzwischen für ein Märchen.

Sylvia Ullrich hat auch einen Antrag auf die Erstattung von Aufwendungen für bauliche Schallschutzmaßnahmen, wie es im Beamtendeutsch heißt, gestellt. Schließlich liegt das Haus ihrer Familie, in dem sie mit ihrem Mann und ihrer Mutter wohnt, in der Philipp-Schneider-Straße am östlichen Rand von Flörsheim. Und das Gebäude wird bei Ostwetterlage direkt überflogen, kurze Zeit später landen die Flieger auf der anderen Mainseite.

Von schneller und unbürokratischer Hilfe hatten Schulte und Bouffier gesprochen. Es dauerte aber mehr als ein Jahr, bis der Zusicherungsbescheid des Darmstädter Regierungspräsidiums (RP) im Briefkasten der Ullrichs lag. Ein bürokratisches Monstrum habe das RP aufgeblasen, die Berechnung der Ansprüche habe es nach vielen Irrungen und Wirrungen einem Fremdunternehmen übergeben, sagt die 54-jährige Erzieherin. Gutachter hätten rund eineinhalb Stunden ihr Haus vermessen und etliche Daten abgefragt. Die Ergebnisse seien niederschmetternd: Statt der benötigten Lärmschutzfenster, die etwa 4000 Euro pro Stück kosten, bekam die Familie lediglich die Kostenübernahme von sechs Belüftern in Aussicht gestellt. Macht genau 3224,90 Euro.

Sylvia Ullrich ist fassungslos. Das Haus ihrer Familie ist schon 1971 gebaut worden. "Unsere Fenster sind nur doppelt verglast, die Rollladenkästen sind vollkommen ungedämmt." Von bereits nachgebessertem Schallschutz könne also keine Rede sein. Wie schon bei Gebäuden im Baugebiet Nord werde auch bei ihrem Haus nur "dumpf repariert", da die Fenster angeblich die Schallbelastung um das gesetzlich vorgegebene Maß von 32 Dezibel absenken würden. Mehr sei nicht nötig, erläutert Sylvia Ullrich. Das RP beruft sich dabei auf die sogenannte 2. FlugLSV, die Flugplatz-Schallschutzmaßnahmenverordnung vom 8. September 2009.

"Dass eine Behörde, die schon beim sogenannten Lärmaktionsplan jegliche Aktion vermissen lässt, nun auch das Gesetz zum Lärmschutz ohne jeden Lärmschutz interpretiert, überrascht vielleicht nicht, aber Sarkasmus hilft uns Betroffenen nicht", kommentiert die Flörsheimerin.

"Skandalöse Folgen"

Die Folge ihres Bescheids hält sie für skandalös. Da praktisch kein Haus in der Stadt niedriger überflogen werde als ihres und Flörsheim durch die Überflüge zur neuen Landebahn am schlimmsten belastet sei, glaubt sie, dass fast niemand auf mehr finanzielle Entschädigung zum passiven Schallschutz hoffen darf. "Die armen Hochheimer, Mainzer, Offenbacher, Niederräder und all die, die ihren Antrag überhaupt erst in vier Jahren stellen dürfen, können sich den Aufwand wohl gleich sparen", vermutet Sylvia Ullrich.

Das sagt das RP

Dieser Schlussfolgerung widerspricht das Regierungspräsidium vehement. Bis Dezember 2012 – also rund 14 Monate seit Landebahn-Eröffnung – seien 4662 Anträge eingegangen, 1246 davon stammten aus Flörsheim, sagt Sprecher Dieter Ohl. In 562 Fällen sei bis jetzt eine Kostenrückerstattung in Aussicht gestellt worden, 309 davon würden Flörsheimer Haushalte betreffen. Dabei ginge es keineswegs nur um die Kostenerstattung für bisher insgesamt 371 Raumbelüfter, sagt Ohl. In Flörsheim würden auch 146 Fenster und Türen, 136 Dämmungen für Rollläden und 18 Dachausbauten bezahlt. Dabei handele es sich um eine Kostenrückerstattung von insgesamt 568 000 Euro für passiven Schallschutz in der Untermainstadt.

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Die Ullrichs haben Anspruch auf 3224,90 Euro. Für Raumbelüfter. "Wir werden bei Ostwind um 5 Uhr aus dem Schlaf gerissen, der 18-stündige Krach ist dann unerträglich, den bilden wir uns nicht ein. Der besagte Grenzwert von 32 Dezibel Absenkung ist schlicht unangebracht, falls bei den Berechnungen alles mit rechten Dingen zugegangen ist", sagt Sylvia Ullrich. "Wir bezweifeln übrigens, dass diese unselige Praxis im Interesse der Fraport liegt, die das Geld für den passiven Schallschutz längst eingeplant hat." Im Rahmen des Casa-Programms mache die Familie gute Erfahrungen mit den Vertretern des Konzerns. Die Fraport ginge zumindest fair mit ihnen um und sei bemüht. Sylvia Ullrich denkt mittlerweile mit ihrem Mann über einen Hausverkauf nach, wahrscheinlich sehen sie wegen ihrer Mutter aber davon ab. Die 76-Jährige ist Ur-Flörsheimerin und hat hier alle ihre sozialen Kontakte.

Am liebsten würden die Rentnerin und ihre Tochter denjenigen Fragen stellen, die für das 2. FlugLSV verantwortlich zeichnen. "Herr Dieter Posch und Herr Florian Rentsch, als Verantwortliche des Wirtschaftsministeriums und Vertreter einer Partei, die bei jeder Wahl hart um die 5-Prozent-Hürde kämpfen muss, wollen Sie wirklich Tausenden von lärmgeschädigten Bürgerinnen und Bürgern den seit Jahren zugesicherten Lärmschutz auf so billige Weise vorenthalten? Und Herr Volker Bouffier, nachdem Sie schon die Lüge vom Nachtflugverbot von Ihrem Vorgänger, Herrn Roland Koch, geerbt haben, wollen Sie nun wirklich auch noch mit der Lärmschutzlüge in den nächsten Wahlkampf ziehen?"

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