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Der Bürgermeister jagt Spione

Von Über die Geschehnisse und die Stimmungslage beim Ausbruch des Krieges in Flörsheim berichtet Bernd Blisch im neuen Main-Taunus-Jahrbuch.
Flörsheim. 

Am Nachmittag des 6. August 1914 erhielt Jakob Lauck, Bürgermeister in Flörsheim, einen aufgeregten Anruf aus der Kolonialfrauenschule in Bad Weilbach. Vier Offiziere hätten es sich im Erfrischungsraum beim Kaffee gemütlich gemacht, wurde berichtet. Wegen des kurzen Haarschnitts und des gelben Teints der Männer vermutete die Anruferin, es handele sich um ausländische Spione.

„Von der Bahnhofstraße besorgte ich mir einige Mann mit Schießwaffen“, berichtete Lauck, und man wollte sich gerade auf den Weg nach Bad Weilbach machen, als ein Auto mit den vier Herren von der am Bahnhof postierten Wache am benachbarten Bahnübergang festgehalten wurde. Der Bürgermeister ließ sich die Papiere zeigen, und es stellte sich heraus, dass es sich um vier Offiziere aus Frankfurt und Wiesbaden handelte.

Kenntnis von dem Vorfall hat die Nachwelt durch das Kriegstagebuch, das Jakob Lauck, Bürgermeister von 1902 bis 1933, geführt hat. Bernd Blisch, Vorsitzender des Flörsheimer Geschichtsvereins, mit einen Beitrag für das Main-Taunus-Jahrbuch 2015 verfasst. So viel vorweg: Blisch hat sicherlich recht mit seiner Feststellung, dass das Tagebuch einen guten Eindruck davon vermittelt, wie sehr der Krieg bereits in den ersten Monaten das Leben in Flörsheim erschütterte. Die Angst vor Spionen, die sich blitzschnell verbreitete und die von dem eingangs geschilderten Vorfall bestens illustriert wird, ist ein gutes Beispiel auch für die Veränderung der Stimmung im Ort. Das Phänomen dürfte weithin und in anderen, am Krieg beteiligten Ländern zu beobachten gewesen sein. Blisch geht aber noch darüber hinaus und leitet aus Laucks Aufzeichnungen eine Darstellung ganz generell darüber ab „wie Kriege beginnen“. Das ist wohl zu weit gegriffen. Angesichts der globalen Vernetztheit der heutigen Gesellschaften dürfte ein Kriegsausbruch in Westeuropa das Alltagsleben erheblich schneller und tiefgreifender verändern.

Aber zurück ins Flörsheim des Jahres 1914: Als am 31. Juli der Kriegszustand erklärt wurde, wusste Bürgermeister Lauck, was zu tun war. Zunächst veranlasste er einen Aushang an allen Plakattafeln, dann ordnete er die Bewachung der Mainfähre an. Zwei Stunden später meldete sich ein Kommando aus Wiesbaden zur Bewachung des Bahnhofs und der Eisenbahnstrecke – „als ob in nächster Zeit die Front nach Flörsheim kommen könnte“, wie Blisch lästert. Tags darauf wurde auch die Mobilmachung öffentlich angeschlagen, „Radfahrer stellten sich zur Verfügung und durchfuhren die Straßen mit dem Rufe ,Mobilmachung’“.

Daraus spricht eine gewisse Kriegsbegeisterung, Lauck hatte diese einige Tage zuvor in Frankfurt schon deutlicher gespürt. Er hielt sich in einer Gaststätte auf, als die österreichische Mobilmachung bekannt wurde. „Verschiedene anwesende Kellner gaben sich als Österreicher zu erkennen, und nachdem sie den anwesenden Gästen mitteilten, dass sie am nächsten Tag zu ihren Fahnen einrücken müssten, wurden sie von den Gästen unter Hochrufen auf den Schultern getragen“, berichtet er im Tagebuch.

In Flörsheim war die Stimmungslage kaum anders: „3 Uhr nachmittags erhielt ich vom Gouvernement die Nachricht, dass die Russen nach dreitägiger Arbeit auf einer Strecke von ca. 70 km geschlagen wurden. Die Kirchen unserer Glocken läuteten wieder und die Jugend zog singend und spielend durch die Straßen. Dann stellten sie sich vor das Rathaus, sangen mir ,Ich hat einen Kameraden’ vor, brachten ein Hoch auf mich aus und gingen spielend wieder ab.“

Blisch erinnert an die Debatte unter Historikern darüber, ob die Kriegsbegeisterung in Deutschland damals tatsächlich so umfassend war, findet aber im Kriegstagebuch des Bürgermeisters keinen Anhaltspunkt dafür, dass diese Zweifel gerechtfertigt wären. Merkwürdig unterkühlt vermeldet Lauck dann die ersten Toten und Verwundeten von den Schlachtfeldern.

„Heute Nacht kamen auch die ersten Verwundeten hier an und zwar Matthias Mohr, Sohn des Zimmermeisters Matthias Mohr, und Klepper, Sohn der Witwe Jakob Klepper. Beide gaben an, dass sie in Belgien von den Franzosen verwundet worden seien. Mohr erzählte, dass er bei einem großen Gefecht um 2 Uhr Nachmittags von einer französischen Kugel getroffen wurde. Er lag von dieser Zeit bis abends 9 Uhr auf dem Schlachtfeld.“ Dass jemand sieben Stunden mit einer Kugel im Bein auf dem Schlachtfeld liegen blieb, scheint den Bürgermeister nicht sonderlich berührt zu haben.

Interessant wäre zu wissen, wie sich die Stimmung in Flörsheim im Verlaufe des Krieges veränderte. Blisch berichtet, dass eine Arbeitsgruppe gleich mehrere Kriegstagebücher aus Flörsheim auswertet. Dabei wird sicher ein umfassenderes Bild entstehen. Das Jahrbuch ist für 7 Euro im Kreishaus und im Flörsheimer Rathaus zu haben.

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