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Der Dreh mit dem Schlüssel

Von Autoeinbrecher sind entweder Zufallstäter oder sie gehören zu organisierten Banden. Die Täter selbst werden oft erpresst und für ihre Taten ausgebildet. Zufallstäter dagegen greifen schnell mal zu, wenn sie lohnende Beute in einem Auto entdecken. Autodiebe gehören zu anderen organisierten Täterkreisen. Sie stehlen fast ausschließlich BMW und Audi.
Primitiv, aber wirkungsvoll: der selbstgebastelte "Polenschlüssel" zum Autoknacken.	Foto: Knapp Primitiv, aber wirkungsvoll: der selbstgebastelte "Polenschlüssel" zum Autoknacken. Foto: Knapp
Hofheim. 

Kaum tauchte der Mann bei der Kripo auf und meldete seinen Opel Meriva als gestohlen, da wussten die Polizisten schon, dass das Auto nicht weg sein kann. In der Tat kam er zwei Stunden später wieder. Der Besitzer hatte schlicht vergessen, wo er den Wagen geparkt hatte. Meriva klaut keiner, sind sich Horst Freise und Andreas Haase einig. Sie sind bei der Polizeidirektion Main-Taunus für Autodiebstähle und Autoeinbrüche zuständig. Gestohlen werden ohnehin nur wenige Autos und wenn, dann sind es BMW X-Modelle, 5er oder 7er BMW und große Audi vom A6 an aufwärts. Bevorzugt werden Diesel gestohlen. An allen anderen Autos, selbst an dicken Mercedes, haben die Ganoven kein Interesse. "Den Gebrauchsdiebstahl gibt es schon seit Jahren nicht mehr", sagt Freise. Früher haben Jugendliche Autos, vorzugsweise Opel Kadett, gestohlen, sind damit zur Disco gefahren und haben für die Heimfahrt das nächste Auto geklaut.

Sachkunde nötig

So einfach, wie früher den Kadett, den man ohne viele Fachkenntnisse knacken und kurzschließen konnte, kann man Autos heute nicht mehr vom Fleck bewegen. Wegfahrsperren und andere elektronische Vorrichtungen sowie Alarmanlagen erfordern etwas Sachkunde, die organisierte Autodiebe aber haben. Sie arbeiten heute längst mit elektronischen Mitteln, Brutalmethoden wie der "Rumänenknick" (da wurde einfach der obere Teil der Autotür weggeknickt) sind nicht mehr in Mode. Autodiebe wollen die noblen BMW und Audi möglichst unbeschadet in Europas Osten, vor allem Polen, Tschechien und Litauen, schaffen. 48 Autos wurden im vorigen Jahr im MTK als gestohlen gemeldet, 22 – darunter auch der Meriva – sind wieder bei ihren rechtmäßigen Besitzern.

Nur ein Griff

Bei den Autoeinbrüchen unterscheidet sich die Szene. Da gibt es zum einen die Gelegenheitsdiebe, die einfach mal zulangen, wenn sie in einem Auto etwas sehen, was sich lohnt. Das sind meist Navis oder Handys, die nicht entfernt wurden, es können aber auch Laptops oder Lederjacken sein, die im Auto herumliegen. Da ist dann schnell der Ellenbogen durch die Scheibe geschlagen und mit einem Griff ist die Beute weg. Es gibt zwar auch Mittel gegen Autodiebstahl wie massive Lenkradsperren oder Ventilwächter, sagen die Kripobeamten, aber die seien eigentlich überflüssig. Und Folien, die Autoscheiben davor schützen sollen, dass sie eingeschlagen werden, seien unter Umständen sogar kontraproduktiv. Haase: "Die halten auch nur eine Minute länger, sorgen aber dafür, dass beim Einbruch viel weniger Lärm entsteht."

Das sicherste Mittel, so die beiden Experten, sei immer noch, das Auto auszuräumen: "Navi und Handy sollte man aus dem Auto herausnehmen und die Navi-Befestigung von der Scheibe abnehmen." Die sei ein Hinweis darauf, dass das Gerät vermutlich im Handschuhfach liege. Wer das Handschuhfach offenstehen lasse und damit zeige, dass dort keine Wertgegenstände verborgen seinen, vermeide ziemlich sicher einen Einbruch. Die Ganoven ziehen dann weiter und suche sich ein anderes Auto. Weit laufen und lange suchen, müssen sie dafür in der Regel nicht.

Ohne Pass

Ganz anders arbeiten die Ganoven, die es auf fest eingebaute Navigationsgeräte und Airbags abgesehen haben. 90 Prozent der Einbrüche gehen auf das Konto litauischer Banden. "Meist wohnt hier ein sogenannter Resident, der den Autoknackern auch eine Wohnung stellt. Die Autoknacker sind in der Regel junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die in Litauen mit dem Versprechen auf legale Arbeit angeworben werden. Kaum sind sie hier, wird ihnen der Pass abgenommen und sie werden gezwungen, eine bestimmte Zahl Navis oder Airbags zu stehlen, bis sie ihren Pass zurückbekommen. Bevor sie auf die Autos losgelassen werden, machen sie erst noch eine "Ausbildung" zum Autoknacker.

Geöffnet werden die Fahrzeuge meist mit dem "Polenschlüssel", der notfalls mit einem Hammer ins Autoschloss getrieben wird. Dieses recht primitive Werkzeug ist in der Lage, die Tür zu öffnen und wesentliche Teile der Elektronik wie die Alarmanlage oder ähnliches außer Gefecht zu setzen. Dann sind das Navi und auch der Airbag – die Ganoven konzentrieren sich vor allem auf den im Lenkrad oder im Handschuhfach – dran. Mit Hilfe von Schraubenziehern oder Blechschienen lösen sie die Navis aus der Halterung und montieren die Lenkräder ab. Welche Kabel sie vorher wo und wie durchknipsen müssen, haben sie vorher geübt. Das Ganze dauert nur ein bis zwei Minuten.

Die Aufklärungsquote der Polizei lag im vorigen Jahr bei 60 Prozent, die Zahl der Einbrüche sank von 1278 im Jahr 2010 auf 801. Das Glück der Polizei: Sie konnte einige Litauer schnappen und damit gleich eine ganze Serie von Autoeinbrüchen klären. "Seit sich herumgesprochen hat, dass wir da ganz besonders drauf achten, ist die Zahl aber auch zurückgegangen. Das spricht sich in den Kreisen schnell herum," weiß Horst Freise.

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